„…du redest wie eine Niederträchtige. – Das Gute wollten wir von Gott annehmen, doch das Böse nicht?…“ (Hiob, 2. Kapitel, Satz 10)
Thora-Parascha
Schabbat „Wa’Jechi – Und er lebte“
Lesung: 1. Mose 47,28 – 50,26
Parascha: 1. Könige 2, 1-12
Wajechi-Psalm 41
Lohn des KrankenbesuchsSowohl im Wochenabschnitt als auch im zugeordneten Psalm 41 ist von der Mitzwa des Krankenbesuchs (hebr.: Bikkur Cholim) die Rede.
In der Tora lesen wir: „Es war nach diesen Ereignissen, da liess er Josef sagen: Siehe, dein Vater ist krank. Er nahm darauf seine beiden Söhne mit sich, Menasche und Ephrajim. Er liess es Jakob erzählen und dann ihm sagen: Siehe, dein Sohn Josef ist zu dir gekommen; da erkräftigte sich Israel und setzte sich im Bette auf“ (Bereschit 48, 1 und 2). Ein Midrasch, den Rabbiner B. P. Goldberg in seinem Werk „Pne Baruch. Bikkur Cholim Kehilchato“ erwähnt, leitet aus der zitierten Tora-Passage folgende Regel ab: Ein Besucher sollte nicht plötzlich in das Zimmer einer kranken Person eintreten, denn sie könnte beschämt werden; vielmehr sollte ein Besucher erst nach Ankündigung eintreten.
Der zweite Vers von Psalm 41 lautet: „Selig, der sich des Kranken annimmt, am Tag des Unglücks wird der Herr ihn retten.“ Das Wort „ihn“ kann man sowohl auf den Kranken als auch den Besucher beziehen. Wen wird Gott retten? Im Talmud (Nedarim 40a) interpretiert Rav unseren Vers wie folgt: „Wer einen Kranken besucht, wird vom Strafgericht des Fegefeuers errettet.“ Der Talmud fragt dann weiter: „Was ist seine Belohnung auf dieser Welt?“ Als Antwort wird der dritte Vers von Psalm 41 zitiert: „Der Herr wird ihn behüten und erhalten, und glücklich gepriesen wird er in dem Lande, und du übergibst ihn nicht dem Übermut seiner Feinde“ (siehe auch Raschi zu dieser Stelle).
An die Tatsache, dass es für Krankenbesuche eine doppelte Belohnung gibt, erinnert uns eine Passage, die wir im Morgengebet sprechen: „Dies sind Dinge, deren Früchte der Mensch in diesem Leben geniesst, deren Stamm aber für die kommende Welt erhalten bleibt“; aufgelistet ist dort im Lehrtext u. a. Bikkur Cholim. (Von: Prof. Dr. Yizhak Ahren)
Sidra WaJECHI
Haltbarkeitsdatum verstrichen
Diese Woche waren wir Zeugen einer aussergewöhnlichen Gedenkfeier eines aussergewöhnlichen Menschen: Nelson Mandela. Der Anlass stand ganz im Zeichen, das Leben Madibas zu feiern. Redner, Gesänge, Tänze schöpften mit Fug und Recht in Superlativen über nahezu übermenschliche Leistungen mit an der Spitze, wie Mandela Süd-Afrika von Apartheid in die Demokratie führte, ohne – dies grenzt an ein Wunder – dass die Wut und Frustration der unterdrückten schwarzen Bevölkerung in einem Blutbad explodierte. Mandela deckte die Wahrheit über das grausame Apartheidregime auf, marschierte den Weg der Versöhnung bis in den Regenbogenstaat mit Gleichberechtigung für alle Einwohner. Mandela war und ist eine Inspiration für Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Was für ein Nachlass, was für ein Erbe! Sind Wahrheitsfindung, Versöhnung, Gleichberechtigung und ein Vorbild für die Menschheit sein nicht genau die Eigenschaften, auf die es bei Führung und Leitung ankommt? Viele Kommentatoren haben in den letzten Tagen ihren Unglauben an die Vitalität dieses Nachlasses geäussert.
Als Jizchak Rabin in 1995 ermordet wurde, gab es Hoffnung, dass sein Nachlass, Frieden mit den Palästinensern, trotz seines Todes verwirklicht werden kann. Achtzehn Jahre später sind wir seinen Idealen und seinem Nachlass keinen Schritt näher gekommen.
In der dieswöchigen Sidra Wajechi, sterben Ja’akow und Jossef. Gerade bevor er stirbt, segnet Ja’akow seine Enkel Menasche und Ephraim. Er legt seine rechte Hand auf das Haupt des jüngeren Ephraim und die linke auf Menasches. Eigentlich ist dies falsch, da der Erstgeborene den ‚besseren‘ Segen, der mit der rechten Hand, bekommen soll. Aber Ja’akow beharrt [1] auf sein auf Überzeugung basiertes Vorgehen, dass nicht Geburt, sondern Vernunft, Klugheit und Einsicht – auf Jiddisch ‚Seichel‘ – jemanden zu grosser Leistung bringt. Ein schöner Nachlass, obwohl er bis heute nicht unbedingt und überall Beifall gefunden hat.
Nach dem Tod ihres Vaters entsteht Panik unter den Brüdern. Sie befürchten, Jossef werde sich schlussendlich doch noch an ihnen rächen. Sie erfinden eine aus Angst geborene Lüge [2], Ja’akow hätte sie beauftragt ihm, Jossef, zu sagen, ihnen, seinen Brüdern, zu vergeben. Jossef bricht in Tränen aus. Er hatte seinen Brüdern schon vergeben. Die Fähigkeit, wahrhaftig zu vergeben ist Jossefs Nachlass an uns. Aber auch dieser Nachlass hat bis heute keine starke Zukunft erreicht. Die Versöhnungsbereitschaft unter Jossefs und seiner Brüder Nachkommen ist noch in weiter Ferne.
Die Schlussfolgerung drückt mir schwer aufs Herz. Normativ scheinen moralische Nachlässe – wie sehr wir ihre GönnerInnen auch bewundern – ein relativ kurzes Haltbarkeitsdatum zu haben.
Schabat Schalom
Rabbiner Reuven Bar Ephraim, JLG Zürich
[1] Bereschit [1.BM] 48, 19.
[2] Bereschit [1.BM] 50, 15-17.
Paraschat Haschawua: wajechi.1.j.pdf, wajechi.haftara.pdf
Kategorien:Gesellschaft
Europa ist antisemitisch. Eine Studie belegt es. Wieder einmal.
Thorazitat – Parascha
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Elfte Lange Nacht der Religionen in Berlin
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