Thorazitat – Parascha


Unsere Weisen lehrten uns: „Mizwot sind Kerzen, und die Tora ist Licht. Es ist die Aufgabe und das Ziel jedes Juden, eine helle Lampe zu sein und jede andere göttliche Lampe – jede jüdische Seele -, der er begegnet, anzuzünden oder heller zu machen.“

Thora-Parascha

Sidra: BaHalotecha
Lesung: 4. Mose  8,1 – 12,16
Haftara: Jeschaja 65:1 – 25

Beha’alotcha-Psalm 68
Bitte um Gottes Beistand

An Tagen, an denen in der Synagoge aus der Tora vorgelesen wird,  rezitiert man zwei Verse aus dem Wochenabschnitt Beha’alotcha. Beim Öffnen der Lade sagt man: „Es war, wenn die Lade aufbrach, sprach Mosche: erhebe dich, Ewiger, dass sich zerstreuen deine Feinde und das Fliegen deiner Hasser vor dir“ (Bamidbar 10,35). Und beim Einheben nach der Tora-Vorlesung spricht man: „Und wenn sie (die Lade) sich niederliess, sprach er: Kehre zurück, Ewiger, zu den Myriaden der Tausende Israels“ (Bamidbar 10, 36). Rabbiner E. Munk erklärt die Bedeutung dieses Gebets: „Zuerst werden durch den Rundgang des göttlichen Wortes unter den Menschen die Feinde und Hasser des Göttlichen überwunden und zum Weichen gebracht, und dann nimmt das göttliche Wort ,milde‘ seinen Ruheplatz im Menschenkreise und dann verwandeln sich die Tausende Israels durch eigenen Zuwachs und Anschluss von aussen in Myriaden.“

Dass Psalm 68 dem Wochenabschnitt Beha’alotcha zugeordnet wurde, hängt wohl damit zusammen, dass der Psalmist auf Mosche Rabbenus Bitte um Gottes Beistand zurückgreift: „Erhebt sich Gott, verstreuen sich seien Feinde und fliehen seine Hasser vor seinem Antlitz“ (Vers 2). Im folgenden Vers führt der Psalmist die Bitte weiter: „Wie Rauch verjagt wird, jage sie fort: wie Wachs am Feuer zerschmilzt vergehen Übeltäter vor Gott.“
 
Nach Auffassung von Rabbiner  Hirsch sind die oben angeführten Verse aus dem Wochenabschnitt „ein Kompendium der ganzen mit Moses göttlicher Sendung eingeleiteten Geschichte Israels und der Menschheit, und wohl bilden diese beiden Verse ein bedeutsames Buch für sich.“ Er fügt hinzu: „Einen Kommentar zu ihnen glauben wir aber in Psalm 68 zu finden, dessen Inhalt eben die mit Israel und dem Gesetze eingeleitete Geschichte des siegreichen Gottesreiches auf Erden bildet.“ (Prof. Dr. Yizhak Ahren)

 Sidra Beha‘alotcha

Krisen feiern

Ich war überrascht zu lesen, dass jüdische Leute sich des Öfteren zu beklagen scheinen als andere ethno-religiöse Gruppen (Dr. Diana Boxer). Manchmal nimmt das Klagen auch nur die Form eines Rituals an bei dem es pur um das Klagen selbst geht, denn das Klagen wird nicht wirklich von Erwartungen begleitet, die das Klagen überflüssig machen würden. Das Klagen über das Wetter ist so ein Ritual. Obschon es dem Anschein nach keinen Sinn macht, ist das Wetterklagen weit verbreitet.

In der dieswöchigen Sidra Beha’alotcha gibt es deutlich einiges zu klagen. Wir lesen über das Volk, das ‘leidtragend über sich selbst‘ war (Kommentar von Rabbiner S.R. Hirsch zu Bemidbar 11, 1), anders gesagt, sie klagten um des Klagens willen. Ab Vers 4 drückt das Klagen dann aber tatsächlich Unzufriedenheit und Frustration aus. Die Israeliten beklagten sich darüber, dass sie das Manna satt seien und sie sich nach den Fleischtöpfen, Fischen, Gurken, Melonen, Zwiebeln und dem Lauch und Knoblauch in Ägypten sehnen. Daraufhin klagt Mosche beim EWIGEN: «Warum gehst Du so übel um mit Deinem Diener, und warum finde ich keine Gnade in Deinen Augen, dass Du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst […] Woher soll ich Fleisch nehmen, um es diesem ganzen Volk zu geben?» (Bemidbar 11, 11-13). Auch für Mosche ist das Mass voll: «Wenn Du aber weiter so an mir handeln willst, töte mich lieber, wenn ich Gnade gefunden habe in Deinen Augen.» (Bemidbar 11, 15). Dieses der Klage zugefügte Ultimatum, bewegt Gott, mit einer doppelgleisigen Lösung zu kommen. Erstens bekommt Mosche Hilfe bei der Führung über das murrende Volk. Er soll sich aus den Ältesten 70 Männer wählen, denen er, Mosche, Führungsaufgaben delegiere. Zweitens sagt der EWIGE Mosche zu, den Israeliten Wachteln zu schicken: «Nicht einen Tag werdet ihr zu essen haben […] auf einen ganzen Monat, bis es euch zur Nase herauskommt, und es euch zum Ekel wird, darum, dass ihr den EWIGEN, der unter euch ist, verworfen und habt vor ihm geweint und gesprochen: Wozu doch sind wir aus Mizrajim gezogen.» (Bemidbar 11, 19-20) Es war nicht der letzte Aufruhr des Volkes. Immer wieder lesen wir über irgend eine Unzufriedenheit der Israeliten, die zu kleinen oder grösseren Aufständen führt. Zehn der zwölf Kundschafter, die das einzunehmende Land ausspionieren sollen, werden mit ihrer falschen Berichterstattung über das Land eine grosse Krise verursachen. (Bemidbar 13-14). Weiter wird Korach mit einem Gefolge seine Cousins Mosche und Aharon, derer Führerschaft er nicht akzeptiert, herausfordern. Der Tod Korachs und seiner Sippe löst dann wieder einen nächsten Aufstand aus (Bemidbar 16-17).  Unter den nicht an den Aufständen beteiligten Israeliten muss wohl Angst geherrscht haben: Kommt der Untergang unseres Volkes in Sicht? Bricht die Zusammengehörigkeit zusammen? Werden wir zugrunde gehen? Werden wir das Ziel der Reise, die Ankunft in das gelobte Land, erreichen?

In jedem Menschenleben und in jeder Generation kommt es vor, dass wir in eine unerträglich schlimme Situation geraten. Und wenn dies nicht schon einschneidend genug wäre, ist es auch noch so, dass Menschen unterschiedlich auf Krisen reagieren und dies zu zusätzlichen Spannungen führen kann. Wir konnten dies während der Covid Krise beobachten. Die Gruppenkohäsion zeigt sich in Krisen als eine ungemein wichtige Strategie. Der Halt zur Gruppe macht das Individuum und die Gruppe stark. Dies gilt leider auch dann, wenn die Führerschaft der Gruppe niederträchtige und bösartige Ziele verfolgt. Ich gehe davon aus, dass der (psychisch gesunde) Mensch in seinem tiefsten Inneren nach dem eigenem Wohlergehen strebt und dabei den Zusammenhalt und die Harmonie der Gruppe sucht. Wir wollen nicht in Krisen stecken bleiben. Dieser Trieb, nebst dem Gruppenzusammenhalt und der Vernunft, führen uns aus jeder Krise. Übrigens nicht mit der Garantie, in keine Krise mehr hinein zu rutschen. Vielleicht, wie schlimm sie auch sind und wieviel Leid sie auch verursachen, spornen Krisen den Gruppenzusammenhalt, den Drang nach angemessenem und aufrichtigem Verhalten und das Streben nach einer ethisch hochwertigen Gemeinschaft an. Unsere jüdische Geschichte, das Buch Richter strotzt davon, kennt viele solcher Wellenbewegungen von Krisen, Selbstreflektion, guter Vornehmen und neuer Krisen. Wir Menschen kreieren Krisen, ob in der Familie, im Arbeitsbereich oder in der Gesellschaft. Wir sind aber auch imstande sie zu überstehen und das Gute, das aus ihnen hervorgeht, zu feiern.

Schabbat Schalom,

Rabbiner Ruven Bar Ephraim, JLG Zürich      

PARASCHAT HASCHAWUA

behaalotcha.3.j.pdf

behaalotcha.haftara.5782.pdf



Kategorien:Gesellschaft

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