Was kann Europa von Israel lernen?


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Neuankömmling im gelobten Land: Israelische Soldatinnen begrüssen eine jüdische Einwanderin aus den Vereinigten Staaten in der Nähe von Tel Aviv (© Reuters)

Das kleine Israel hat nach seiner Staatsgründung Millionen Einwanderer aus aller Welt aufgenommen und integriert. Für Europa und Deutschland lassen sich daraus Lehren zur Bewältigung der Flüchtlingskrise ziehen – positive wie negative.

Als die Fachleute seit Ende des 19. Jahrhunderts über die zionistische „Lösung der Judenfrage“, also die jüdische Auswanderung nach Palästina debattierten, galt oft der Platzmangel für die Millionen Juden, die dorthin auswandern sollten, als das Hauptargument gegen die Plausibilität dieser Lösung. Unmöglich, lautete das Urteil. Doch in einem Land, in dem vor 100 Jahren etwa nur eine halbe Million Menschen wohnten, davon weniger als ein Drittel Juden, wuchs die Bevölkerung auf 12,5 Millionen Einwohner. Etwa acht Millionen Israelis, 1,7 Millionen davon arabische oder palästinensische Israelis sowie 4,5 Millionen Palästinenser in den besetzten Gebieten.

Die Bevölkerungsdichte eines Landes ist also eine äusserst flexible Gegebenheit. In diesem Sinne ist der gegenwärtige, relativ bescheidene Bevölkerungszuwachs in Europa, der durch die Flucht aus Süden und Osten verursacht wird, an und für sich noch kein Grund zur Panik.

Nun stellt sich die Frage, wie eigentlich ein Land eine solche Masseneinwanderung wirtschaftlich verkraften kann. Die Geschichte Israels ist in dieser Hinsicht für beide Modelle der Masseneinwanderung exemplarisch – die Einwanderung aus der mehr entwickelten in die unterentwickelte Region (bis 1948), wie auch umgekehrt (seit den fünfziger Jahren), Emigration in das bereits modernere Wirtschaftssystem.

Wirtschaft konnte Einwanderungswellen meistern

In beiden Phasen war es Israel gelungen, wirtschaftlich die Einwanderungswellen zu meistern, auch wenn der Preis steigende soziale Spannungen waren (und auf Kosten der dortigen arabischen Bevölkerung). Versucht man die Parallelen zwischen der Migration nach Israel und der aktuellen Flüchtlingswanderung nach Europa zu ziehen, gilt es jedoch den Augenmerk auf die zweite Phase in der Geschichte des Zionismus zu richten. Also auf die Zeit also nach der Gründung des Staates und erst recht seit den siebziger Jahren:

Innerhalb von nur drei Jahren nach der Staatsgründung 1948 wuchs die Bevölkerung Israels von etwa 800.000 auf 1,7 Millionen Menschen. Die Mehrheit der Neueinwanderer kam aus Asien und Afrika. Damals war das wirtschaftlich schwache Land auf Wirtschaftshilfe aus dem Ausland angewiesen, die zum Teil von der jüdischen Solidargemeinschaft kam. 1989 aber begann eine weitere Einwanderungswelle in das schon von 4,5 Millionen Menschen bewohnte Israel. Diesmal kamen die neuen Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion – etwa eine Million Menschen – und die mittlerweile erstarkte israelische Wirtschaft konnte jetzt die durch die Masseneinwanderung entstandenen Schwierigkeiten aus eigener Kraft lösen.

Dabei stieg das Bruttosozialprodukt per Kopf ständig und erreichte den OECD-Durchschnittswert. Ein so starkes Land wie Deutschland mit mehr als 80 Millionen Einwohnern beziehungsweise eine Europäische Union mit etwa 500 Millionen Einwohnern kann also vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen mehrere Millionen Menschen aufnehmen. Einwanderer in Länder mit hoher Arbeitslosigkeit erschweren zwar einerseits das Problem, schaffen aber anderseits Arbeitsplätze, kurbeln die Wirtschaft an, auch wenn kurzfristig Engpässe entstehen.

Auch Engpässe im Wohnungsbau sind schon mittelfristig – so die israelische Erfahrung der neunziger Jahre – überwindbar. Da bei der Emigration nach Europa, wie bei der zweiten Einwanderungswelle nach Israel, junge und gebildete Menschen überproportional vertreten sind, scheint der wirtschaftliche Vorteil für das Einwanderungsland mittel- und langfristig doch zu bestehen.

Wertebasis ist das eigentliche Problem

Raum und Wirtschaft sind also nicht die Faktoren, die zwangsläufig eine zusätzliche Einwanderung in eine Katastrophe verwandeln müssen. Was aber ist mit der kulturellen Hürde? Sprache, Religion und Wertesysteme? Die von Bundespräsident Gauck angesprochene „gemeinsame Wertebasis“ ist das eigentliche Problem. Und auch hier kann die israelische Erfahrung mutatis mutandis lehrreich werden.

Palästina, das Land Israel, war im Zionismus als Zufluchtsort für Juden aus aller Welt konzipiert – so bereits im zionistischen Programm 1897, so auch in der „Balfour Declaration“, die zur Grundlage der Mandatsregelung des Völkerbundes 1920 in Palästina wurde. Und vor allem im Rückkehrgesetz von 1950 des soeben gegründeten Staates Israel, das jedem Juden das Recht auf Staatsbürgerschaft in Israel einräumte. Diese „imagined community“ der Juden, der jüdischen Flüchtlinge, diese konstruierte Volksgemeinschaft, ermöglichte es, Menschen so unterschiedlicher Herkunft und kultureller Zugehörigkeit automatisch willkommen zu heissen.

Und sie vereitelten die anfänglichen Versuche, nur eine Auslese von Einwanderern ins Land zu lassen. Das Konstrukt eines jüdischen Volkes schuf die mentale Bereitschaft, dem Ziel des Zionismus entsprechend, alle als Juden definierten Menschen aufnehmen zu wollen, ohne Rücksicht auf Kosten und Schwierigkeiten.

Juden aus 70 Ländern

Nach Israel kamen Juden aus etwa 70 Ländern, aus extrem unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, mit der bunten Mischung der nach Europa strömenden Emigranten und Flüchtlinge von heute vergleichbar. Da aber wegen des Konstrukts der „jüdischen Volksgemeinschaft“ die Integrationsbereitschaft der alteingesessenen Gesellschaft, in den fünfziger wie auch in den neunziger Jahren, ein Grundstein der zionistischen Ideologie war, konnte der soziale Rahmen vor seiner Sprengung bewahrt bleiben.

Was Europa und Deutschland daraus lernen können, ist selbstverständlich nicht, eine neue Art von Volksgemeinschaft ethnischer Prägung einzuführen, sondern einen Rahmen zu konstruieren, der die Aufnahme und Integration dieser bunten Mischung von Einwanderern erlauben und verkraften wird. Hierfür ist eher Amerika ein Vorbild.

Somit kehren wir zum grössten Problem zurück: „It takes two to Tango“. Nicht nur die autochtone Gesellschaft sollte bereit sein, eine romantische Definition von Volk und Nation aufzugeben und somit auf bestimmte Elemente der historischen Homogenität zu verzichten – von der Hautfarbe bis hin zur kulinarischen Präferenz.

Schmelztiegel-Politik ist nicht die Lösung

Auch die Einwanderer müssen die Idee einer Parallelgesellschaft aufgeben. Als allererstes muss deshalb die Sprachbarriere wegfallen. Die nach Israel eingewanderten Neubürger beherrschten in ihrer Mehrheit die Landessprache Hebräisch nicht. Deshalb wurden die Einwanderer verpflichtet, staatliche Sprachschulen (Ulpan) zu besuchen, um die erste hohe Hürde auf dem Weg zur Integration zu schaffen. Diese Aufgabe können auch die Europäer um einen relativ geringen Preis erfüllen.

Und doch – und dies sei ein Mahnwort – reichte in der israelischen Erfahrung die Kombination vom Konstrukt der Gemeinschaft und der Beherrschung der gemeinsamen Sprache nicht aus, um eine gelungene Integration herbeizuführen. Die Idee des „Schmelztiegels“, die weit hinaus über die Idee einer „Leitkultur“ ging und eine eurozentrische Denkweise zum Vorschein brachte, erzeugte vor allem in der zweiten Generation der Einwanderer aus Asien und Afrika einen „Backlash“ – ähnlich wie bei der zweiten Emigrantengeneration in Frankreich.

Im Nachhinein ist klar: eine Schmelztiegel-Politik ist kein Garant der Einheitlichkeit und der Integration, sondern eher ein Pulverfass. Ohne zur entgegengesetzten Multi-Kulti-Lösung zu greifen, mag die Aufbewahrung und Beachtung von Traditionen der Herkunftsländer der Einwanderer soziale Spannungen zu glätten.

Das hat mittlerweile auch Deutschland entdeckt, und es geht dabei nicht nur um die kulinarische Vielfalt. Deutschland und Europa können hier aus der eigenen Erfahrung mit Migranten und Gastarbeitern lernen, wie auch aus der Erfahrung Israels oder der Vereinigten Staaten.

Toleranz und liberale Demokratie als kultureller Kern

Um aber nicht in die Multi-Kulti-Falle oder in ein Chaos hineinzugeraten, muss Europa, müssen auch die einzelnen europäischen Staaten, den „harten Kern“ ihrer Kultur definieren und markieren. Ein Kern, der unabdingbar für die Einwanderer, inklusive aufgenommener Asylbewerber, Geltung haben muss: Toleranz, liberale Demokratie – all das, was unter Menschen- und Bürgerrechten verstanden und unter dem Begriff Verfassung subsumiert wird.

Diesbezüglich ist das israelische Modell eher eine Mahnung – wenn die Ethnie statt der Verfassungswerte zum bestimmenden Kriterium für Integration wird, auch wenn es scheinbar erfolgreich wirkt, ist es keine für Europa brauchbare Lösung. Leider auch nicht für die israelischen Araber oder für die in Israel Asylsuchenden.

Ist aber die Verfassungstreue das entscheidenden Kriterium, wie auch in den Vereinigten Staaten, so ist die veränderte ethnische Basis der Gesellschaft mit der Beständigkeit der Nation vereinbar, in unseren Falle mit den europäischen oder deutschen Traditionen. Salopp formuliert – die deutsche Nationalelf sieht 2015 zwar anders aus als noch 1990, 1974 oder 1954, ist aber nicht weniger deutsch als die israelische Mannschaft (mit Spielern, die Araber sind oder aus einem Migrationshintergrund kommen) israelisch ist, und ist für das heutige Deutschland so repräsentativ wie es die „alten“ Nationalmannschaften waren. Es geht um die Wahrnehmung, nicht um angeblich objektive Gegebenheiten wie Rasse oder Ethnie, die die Zugehörigkeit zur  „imagined community“ möglich machen.

Damit kommen wir zur auffälligsten Schwierigkeit bei der Umsetzung der Idee des „harten Kerns“ (bzw. Leitkultur), wo das israelische Beispiel eben nur als negativer Wegweiser dienen kann, nämlich in der Frage der Religion. In Israel war die gemeinsame Religion der Garant des Konstrukts der Einheit, der bei der Aufnahme von Masseneinwanderungen von Juden so entscheidend war. Jedoch ging dies auf Kosten der Integration der israelischen Araber (wie auch auf Kosten der Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen).

Es muss keinen Religionskrieg in Europa geben

Die Einwanderung nach Europa ist in ihrer Mehrheit nicht christlich geprägt. Und wegen der jüngsten Erfahrungen im „Krieg der Zivilisationen“ darf man auch davon ausgehen, dass die Religionsunterschiede zwischen einer christlichen Gesellschaft und einer eher muslimisch geprägten Einwanderung nicht unbedingt mit der Integration auf der Basis der europäischen Werte und der europäischen Verfassungen im Einklang stehen wird.

Und doch: Trotz der islamistischen Tendenzen in Europa und in den Ursprungsländern der Flüchtlinge wie Syrien oder Irak muss die heutige Masseneinwanderung nicht in einen Religionskrieg auf europäischem Boden ausarten.  Der „clash“ ist nicht prädestiniert, wenn gegenseitige Toleranz wieder zur Grundlage der Politik gemacht wird.

Wenn man sich mit der Idee eines sich verändernden, eines veränderbaren Europas (und Deutschland) versöhnt. Wenn man im Prozess der Sozialisation den „harten Kern“ der Verfassungswerte von den unwesentlichen Elementen der Traditionen unterscheidet, kann das Experiment gelingen. Erfahrungsgemäss verläuft die erste Phase nicht reibungslos, darauf muss man gefasst sein. Es lauern auch die Ewiggestrigen und die Rechtsradikalen auf ihre Chance.

Aber wohlgemerkt: Europa hat sich in der Vergangenheit mehrfach radikal verändert – die Reformation, die französische Revolution, der zweite Weltkrieg waren tiefe Einschnitte, haben jeweils eine neue Phase eingeleitet, die mit demographischen Wandlungen auch einhergingen. Wenn man es der Verfassung, nicht der ethnischen Zugehörigkeit, als Aufgabe zuweist, diese Wandlung zu meistern, ist auch der neue Versuch nicht zum Scheitern verurteilt.

Wenn aber die Elemente am Rande der Verfassung – so auch im israelischen Beispiel, – die Hauptrolle übernehmen (etwa nationale und religiöse Rhetorik oder traditionelle Alltagsbräuche) dann sinken die Chancen auf Erfolg. Dabei bleibt klar: Das Objekt der Erziehung und der Sozialisation in diesem Sinne sind nicht nur die „Neuen“, die Einwanderer, sondern auch die „Alten“, die autochtone Gesellschaft. Den Erfolg (oder Misserfolg) des Wandels erkennt man aber erst nach einigen Jahrzehnten. Weitsicht und Geduld sind hier die wichtigsten Tugenden.

Professor Moshe Zimmermann ist Historiker am Lehrstuhl für deutsche Geschichte (emeritus) an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Shimon Stein war israelischer Botschafter in Deutschland (2001-2007) und ist Senior Fellow am Institut für Nationale Sicherheits-Studien (INSS) und der Universität Tel Aviv.

Ein Gastbeitrag von Moshe Zimmermann und Shimon Stein in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.



Kategorien:Allgemein

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