Eine Fussball-Karriere zwischen den Fronten.


Walaa Hussein

Walaa Hussein, kickt für einen israelischen Klub und das palästinensische Nationalteam.

Eine junge Araberin kickt für einen israelischen Klub und das palästinensische Nationalteam. Walaa Hussein ist eine Grenzgängerin. Die 24-jährige Araberin lebt im Westjordanland, in einem kleinen Dorf nahe der Stadt Jenin und pendelt drei Mal pro Woche nach Israel um Fussball zu spielen. Zum Training und für Ligaspiele ihres Vereins Ramat Hascharon.

Wie lang sie für die rund 100 Kilometer braucht, ist unterschiedlich. Die Dauer der Wartezeit an den Checkpoints nach Israel folgt keinen nachvollziehbaren Kriterien. Einmal wäre sie fast zu spät zu einem Ligaspiel gekommen. Erst kurz vor dem Anpfiff kam die Fussballerin im Vorort von Tel Aviv an.

Der Nahostkonflikt ist für die Profispielerin allgegenwärtig, auch in der Umkleidekabine. Manche ihrer israelischen Freundinnen kommen in Armeeuniform und mit Maschinengewehren zum Training. Nur auf dem grünen Kunstrasen nimmt der Krieg eine Auszeit: „Da wird nicht über Politik geredet, es geht nur um Fussball“, sagt die junge Frau, die nicht gerne über den Streit zwischen Israel und Palästina, zwischen Juden und Arabern spricht.

Sie versucht ihn zu ignorieren. Ein unmögliches Unterfangen. „Walaa ist so etwas wie der Nahostkonflikt in einer Person“, sagt Noemi Schneider. Die deutsche Journalistin und Filmemacherin hat die Fussballerin begleitet und erzählt in ihrem Buch die Geschichte der jungen Rebellin, die nicht nur für einen israelischen Klub, sondern auch für das palästinensische Nationalteam spielt.

Auf den ersten Blick wirkt Walaa Hussein nicht wie eine gläubige Muslima: blondierte Haare, kurze Hose, T-Shirt. Die freche „Girlie-Art“ passt so gar nicht ins Bild, das die westliche Welt von arabischen Frauen zeichnet.

Ihre Berufswahl passte auch nicht in das Weltbild von Walaas Mutter, die gedacht hatte, das Fussballspielen mit den Nachbarjungen wäre nur eine Phase, die vorübergeht. Im Laufe der Jahre hat sie diese Hoffnung aufgegeben. Je älter die Sportlerin wird, desto lauter wird aber die Kritik ihres Bruders. Mit 24 Jahren sollte Walaa längst verheiratet sein. Doch statt sich der Tradition zu beugen, lehnt sie Heiratsanträge ab und widmet sich weiter ihrer Leidenschaft, dem runden Leder.

„Walaa hat das Glück, den besten Vater der Welt zu haben“, sagt Autorin Schneider. Das Familienoberhaupt ist selbst ein grosser Fussball-Fan und unterstützt die Leidenschaft seiner Tochter, die mit 15 Jahren für ihren ersten Klub spielte und mit 16 Jahren ein Angebot aus den USA ablehnen musste. Eine Kreuzband- und Meniskusverletzung versetzte dem grossen Traum vom Profi-Fussball einen kleinen Dämpfer.

Der Wunsch, ins Ausland zu gehen, um endlich professionell spielen zu können, ist Walaa geblieben. Deutschland würde ihr gefallen. Dort könnte sie auch ihr Physiotherapie-Studium weiterführen. Doch momentan bleibt nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Drei Mal in der Woche trainiert sie zusätzlich mit dem palästinensischen Nationalteam. Die Qualifikation für die arabische Meisterschaft steht Ende Mai auf dem Programm.

Im U-19-Nationalteam lief die talentierte Dame noch für Israel auf. Doch das Grunddilemma arabischer Staatsbürger machte es ihr schwer: Die Nationalhymne handelt vom Schicksal der Juden. Araber, die Minderheit im Staat, finden sich darin nicht wieder. Nach einem Streit um ihre Einberufung kam es zum Seitenwechsel. Die Entscheidung hätte nicht weniger politisch sein können: „Ich bin Palästinenserin und Israelin. Aber zu allererst bin ich ein Mensch“, sagt Walaa, die immer nur eines wollte: Fussball spielen.



Kategorien:Sport

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