»Ich will kein Disneyland-Judentum«


Diana Pinto

Diana Pinto

Die französische Historikerin Diana Pinto über Israels Wandlungen und moderne jüdische Diaspora-Identität, „Israel ist zersplittert wie ein kubistisches Gemälde“. Diana Pinto ist Historikerin und lebt in Paris. Die 1949 geborene Tochter italienisch-jüdischer Eltern hat in Harvard promoviert und dort sowie in Budapest und Potsdam geforscht. Als Beraterin des Europarats hat Pinto nach dem Zusammenbruch des Kommunismus Programme zur Förderung der Zivilgesellschaft in den ehemals sozialistischen Ländern entwickelt. Ihr Buch »Israel ist umgezogen« ist vor wenigen Wochen auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen (239 S., 21,95 €).

Auszug aus dem Interview mit „Jüdische Allgemeine“:

Sie sprachen von 1977 als Wendepunkt in Israel. Zu der Zeit begann auch anderswo der Nachkriegskonsens zu bröckeln: Thatcher, Reagan, Neoliberalismus, Renaissance des Religiösen und die Machtergreifung des Kleinbürgertums. Damit passte der Likud doch gut zum Zeitgeist im Westen.
Der Unterschied ist der, dass Israel nicht für immer existieren muss. Niemand wird den Franzosen Frankreich streitig machen, den Deutschen Deutschland. Israels Entwicklung war zwar Teil einer grundsätzlichen Veränderung, insbesondere wohl auch der Globalisierung. Trotzdem bringen Gleichsetzungen nicht viel. Die Juden haben eine einzigartige Erfahrung. Was man noch hinzufügen muss, und was die israelische Identität übrigens auch verändert hat: die Amerikaner. Vor den 60er-Jahren gab es kaum amerikanische Einwanderung nach Israel. Seitdem aber haben sie das Land verändert. Sie stellen einen überproportional grossen Anteil an den Siedlern, die mit dem Gewehr in der Hand eine »Blut-und-Boden«-Vision israelischer Identität in die Tat umsetzen. Russische Einwanderer findet man da nicht. Die Russen wollen sichere und billige Häuser irgendwo in den Vorstädten. Sie bauen keine Siedlungen im Namen Gottes.

Was würden Sie angesichts der Entwicklung den deutschen Juden und Freunden Israels empfehlen? Wie sollen wir uns verhalten? Es gibt törichte Angriffe, aber auch dumme Verteidigung. Wie lassen sich Solidarität und gerechtfertigte Kritik verbinden?
Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, dass nahezu alle Ungerechtigkeiten gegenüber Arabern von Israelis ans Licht gebracht werden. Die israelische Zivilgesellschaft ist stark und wichtig. Sie müssen wir unterstützen, und darauf sollten unsere Anstrengungen vor allem zielen. Zweitens – und das ist die viel schwierigere Aufgabe – müssen wir den Israelis und den Juden in aller Welt mehr Sicherheit geben. Es gibt nach wie vor eine Menge Angst. Man muss Bedrohungsgefühle abbauen. Durch die Existenz Israels hat sich das Verhalten aller Juden und die Sicht auf sie verändert. Es ist aber wichtig, dass sich die Menschen verbinden, die die universalen Werte der Aufklärung teilen. Und dass man die Juden unter ihnen nicht in eine »jüdische Schublade« steckt. Wer das tut, würde in die ethnische Falle tappen, die andere aufgestellt haben.

Was heisst »jüdische Schublade« ?
Wir haben ein Doppelproblem: Die Juden isolieren sich selbst. Und wegen der Vergangenheit packen die anderen die Juden in Watte. Das ist eine der gefährlichsten Entwicklungen in unseren gegenwärtigen Demokratien. Wir müssen sagen: Wir teilen Werte. Darum stehen wir zusammen. Das zeigt übrigens auch das faszinierende Berliner Themenjahr »Zerstörte Vielfalt« sehr gut. Für mich ist das ein sehr bedeutendes Ausstellungs- und Eventprojekt.

Warum das?
Weil wir Juden damit endlich raus aus der Oranienburger Strasse kommen. Weil man in diesen Ausstellungen die anderen Juden entdeckt, zum Beispiel die von Wilmersdorf, oder die Synagoge in der Charlottenburger Fasanenstrasse, oder den jüdischen Anteil an den Avantgarde-Künsten. Die haben alle Schubert gehört, nicht Klezmer-Musik. Das ist elementar für mich! Hier haben wir aus der Zeit vor 1933 essenziell jüdische Familien. Keiner fragt, wie ethnisch jüdisch sie waren und wie religiös. Sie waren Bürger der deutschen Republik, sie waren Teil der Avantgarde, sie waren liberal. Das ist genau das, was wir wiederentdecken müssen. Denn ich persönlich bin diese Reduktion des Jüdischen absolut satt, dieses Disneyland-Judentum mit den Schtetl-Touren und Klezmer-CDs und koscherem Essen. Nicht, weil ich etwas gegen das Schtetl hätte. Und ich liebe Klezmer. Aber diese Reduktion beraubt uns einer ganz wesentlichen Erfahrung, sie reduziert uns auf einen ganz engen folkloristischen Teil unserer Identität. Klezmer und koscher – wenn das jüdisch sein soll, was ist dann mit der jüdischen Moderne? Man amputiert Deutschland, man amputiert die Juden, und man amputiert die Avantgarde.

Wo bleibt dann die Tradition?
Ich sage nicht, dass man keinen Respekt vor Traditionen haben soll, vor Religion – aber bitte etwas mehr Respekt vor den Einzelheiten, vor den Unterschieden, vor denen, die anders sind. Und bitte glaubt nicht, dass man damit gleich seine Identität verliert. Das Jüdische ist eine sehr komplizierte Sache, man verliert es nicht so leicht. Und man kann es mit vielen anderen Elementen kombinieren, das heisst noch nicht, dass man es gleich verloren hat. Das ist eine Lektion für mich, die wir uns merken sollten – und das fand ich an der Ausstellung so faszinierend.

Lesen Sie das ganze Interview in der „Jüdische Allgemeine“ .



Kategorien:Kultur

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