Unsere Weisen lehrten uns: „Wem G“tt eine Türe verschliesst, dem öffnet er zehn andere!“
Thora-Parascha
Schabbat „Bereschit – Am Anfang“
Lesung: 1. Mose 1,1 – 6,8
Prophetenlesung: Jesaja 42,5 – 43,10
Bereschit – Psalm 139
Wundervoll ist G“ttes SchöpfungDie Tora beginnt mit einem Bericht über die Erschaffung der Welt. Der Mensch wurde am sechsten Tag erschaffen: „Und G“tt sprach: Lasst uns machen einen Menschen in unserem Bilde nach unserer Ähnlichkeit… Und G“tt schuf den Menschen in seinem Bilde…“ (Bereschit 1, 26 und 27).
Dem Wochenabschnitt Bereschit wurde Psalm 139 zugeordnet. In diesem Kapitel spricht der Psalmist über G“ttes Mitwirkung bei seiner Entstehung: „Denn Du hast meine Nieren Dir zu eigen gemacht, als Du mich decktest in meiner Mutter Schoss. Dir huldige ich darob, dass ich in so überwältigend wundervoller Weise geworden bin. Wundervoll sind Deine Werke, und meine Seele ist sich des sehr bewusst. Dir war mein Wesen nicht verhohlen, als ich im Verborgenem gestaltet ward, gewebt wurde in der Erdenniedere“ (Verse 13 – 15). Der Mensch zeichnet sich von allen anderen Lebewesen dadurch aus, dass er um das Wundervolle der Schöpfung weiss und Dank aussprechen kann.
Den Ausdruck „gewebt in der Erdenniedere“ erläutert Rabbiner S. R. Hirsch: „Die Stätte, in welcher die allerersten Anfänge eines irdischen Daseins vorgehen, wird hier bildlich: irdischer Untergrund, Erdenniedere genannt. Es ist die unterste Stufe, von der auf ein zu geistiger Höhe bestimmtes Wesen sich emporbildet.“ A. Chacham referiert einen Kommentar, der in der Erwähnung der Erde eine Andeutung auf die Erschaffung des ersten Menschen erkennt, von dem die Tora sagt: „Da bildete der Ewige, G“tt, den Menschen aus Staub von dem Erdboden“ (Bereschit 2,7).
„Da schickte ihn weg der Ewige, G“tt, aus dem Garten Eden, den Boden zu bauen, davon er genommen worden“ (Bereschit 3,23). Psalm 139 schildert die weiterhin bestehende Beziehung zwischen G“tt und dem Menschen: „Du kennst mein Sitzen und mein Aufstehen, siehst meinem Gedanken schon entgegen aus der Ferne“ (Vers 2). Daher kann der Psalmist G“tt um Hilfe bitten: „Leite mich in den Weg der Ewigkeit“ (Vers 24). (Von: Prof. Dr. Yizhak Ahren)
Sidra Bereschit
Aller Anfang ist schwer
Jedes Mal wenn ich über ein Geschehen erzählen will, muss ich mir gut überlegen wo ich anfange. Wie wichtig sind die Auftakte, wie schnell komme ich zum Kern der Geschichte? Welche Ursachen müssen erklärt werden, welche gehören zu einer anderen Geschichte? Der Auftrag: „Nenne die Anlässe, die zum Ausbruch des ersten Weltkrieges führten“ daran erinnert sich doch jeder von uns aus der Schulzeit. Aber eben, wie weit geht man zurück? Jeder Anlass hat ja seine eigenen Anlässe. Genau dieses ‚Wo-fange-ich-an-Problem‘ wird in den ersten zwei Kapiteln des Buches Bereschit (1. BM) gelöst. In den ersten Sidrot Bereschit und Noach wird uns ein klarer Anfang der Welt gegeben. Grob gesagt, kennt die jüdische Tradition zwei Meinungen dazu: Gott hat alles aus dem Nichts – jesch me’ajin – geschaffen [1] und, Gott hat die Welt auf eine schon vorher von Ihm ausgelöste oder zumindest in Seinen Gedanken bestehende Pre-Schöpfung kreiert.[2]
Bereschit, das erste Wort in der Tora, wird mit ‚Im Anfang‘ übersetzt. Die meisten Erklärer verstehen diesen Anfang als einen Anfang des materiellen Seins und, dass Gott schon immer da war und es die Tora schon vor der Schöpfung des Himmels und der Erde in Gottes Gedanken gegeben hat [3]. Rabbiner Owadja Sforno [4] hingegen meint, dass Bereschit auf einen absoluten Anfang der Schöpfung hinweist.
So wie wir in unserer jüdischen Tradition damit ringen, das erste Wort der Tora richtig zu verstehen und daraus eine Meinung über die Schöpfung zu destillieren, ringt auch die Wissenschaft mit derselben Frage. Es gibt keinen Konsensus darüber, wann und wie die Welt entstanden ist. Man geht in der Wissenschaft immer weiter in die unfassbare Vergangenheit, zurück um den Anfang der Welt fixieren zu können.
Da es für das menschliche Verständnis nicht möglich ist, sich die Zeit als etwas Begrenztes vorzustellen, verschafft die Tora uns einen künstlichen Nullpunkt für einen allumfassenden Beginn. Mir hilft dies, um mich nicht in die verschlingende Tiefe des Un-Vorstellungsvermögens der Zeit zu verlieren und meschugge zu werden. Einige talmudische Rabbinen verbieten es sogar – es sei eine Beleidigung Gottes – sich mit einer Dimension vor der Schöpfung zu beschäftigen [5]. Die Suche nach dem ‚Bereschit-Moment‘ kann sowohl im wissenschaftlichen als auch im religiösen Rahmen – da es nie eine befriedigende Antwort geben kann – nur zu Uneinigkeiten und Frustrationen führen. Ich sehe die tora’ische Schöpfungsgeschichte als Metapher für das, was wir uns vorstellen, aber eben niemals vorstellen können.
Und so fangen wir diesen Schabat unseren Tora-Lese-Zyklus wieder von vorne an und zwar sofort mit einem der schwierigsten Themen der Tora, des Judentums und des Lebens überhaupt: Wo, was und wann ist der Anfang? Gott muss das Sprichwort „aller Anfang ist schwer“ gekannt haben. Oder hat Er es kreiert?
Schabat Schalom,
Rabbiner Reuven Bar Ephraim JLG Zürich
[1] So u.a. Raw Sa’adja Gaon (882-942, Ägypten) in ha’emunot wehade’ot, Par.1
[2] Midrasch Bereschit raba 1,1
[3] Siehe Fussnote 2
[4] Italien, 1475-1550; Kommentar zu Bereschit 1,1
[5] Babylonischer Talmud, chagiga 16a
Paraschat Haschawua: bereschit.1.j.pdf; bereschit.haftara.1.j.-5774.pdf
Kategorien:Gesellschaft
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