Eine deutliche Mehrheit der in Europa lebenden Juden sieht wachsende antisemitische Tendenzen. Dies ist das Ergebnis einer am Freitag in Wien vorgestellten Umfrage der EU-Agentur für Grundrechte. Demnach gaben drei von vier der Befragten an, das Internet und soziale Foren seien die häufigste Plattform für antisemitische Kommentare. Deutlich dahinter rangieren Demonstrationen (42 Prozent) und Sportereignisse (14 Prozent).
Es ist laut Agentur der erste, nicht-repräsentative Versuch eines Überblicks zur Situation der Juden in acht EU-Ländern. Sorgen und Ängste der in Deutschland lebenden Juden seien nicht so gross wie andernorts. Es wurden insgesamt 6.000 Personen befragt.
Die Befragungsergebnisse zeigen, dass zwischen den Ländern grosse Unterschiede bestehen. So gaben zum Beispiel in Grossbritannien neun Prozent der Befragten an, sie hätten häufig die Behauptung gehört: »Juden sind für die aktuelle Wirtschaftskrise verantwortlich«; in Ungarn äusserten dies hingegen 59 Prozent. In Lettland erklärten lediglich acht Prozent, der Nahost-Konflikt habe einen grossen Einfluss darauf, wie sicher sie sich fühlten; in Deutschland äusserten dies jedoch 28 Prozent und in Frankreich sogar 73 Prozent.
Nach Ansicht der Berliner Forscherin Stefanie Schüler-Springorum ist Antisemitismus fest in der bundesdeutschen Gesellschaft verankert. Der Antisemitismus habe seit den 1950er Jahren zwar abgenommen, sei aber in den vergangenen Jahrzehnten auf einem konstanten Level geblieben, sagte Schüler-Springorum am Freitag im WDR-Hörfunk. Klischees und Vorurteile über Juden würden oft in Familien weitergeben und nicht hinterfragt.
Für die Bundesrepublik typisch sei nach den Worten der Professorin der Technischen Universität Berlin eine Kombination aus Kritik am Staat Israel und Schuldabwehr: »Das Gefühl, dass man die historische Verantwortung der Verbrechen des Nationalsozialismus nicht annehmen will.« Zusätzlich werde auf Israel gezeigt und gesagt: »Die sind doch auch nicht besser.« Dabei werde oft nicht zwischen der israelischen Bevölkerung und der Politik des Staates Israel unterschieden, kritisierte Schüler-Springorum, die das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin leitet.
Die Wissenschaftlerin äusserte Verständnis dafür, dass Israel Kritik aus dem Ausland zum Teil als Antisemitismus zurückweist. »Es gibt kaum ein Land, über das sich so viele Menschen in anderen Ländern eine Meinung erlauben wie über Israel«, sagte die Wissenschaftlerin. Die Israelis seien sehr wohl in der Lage, ihre Probleme selbst zu lösen. »Dass man auf Ratschläge aus Deutschland besonders empfindlich reagiert, ist angesichts der Geschichte verständlich.«
FRA-Direktor Morten Kjaerum sagte bei der Präsentation, dass innerhalb der EU »gezieltere Massnahmen« zur Bekämpfung von Antisemitismus notwendig seien.
Der Europäisch-Jüdische Kongress (EJC) ruft die Regierungen der EU-Staaten dazu auf, die Studie gründlich zu lesen und Konsequenzen daraus abzuleiten. »Die Tatsache, dass ein Viertel der Juden aus Angst sein Jüdischsein nicht ausdrücken kann, sollte ein Wendepunkt für Europa und die EU sein«, sagte EJC-Präsident Moshe Kantor. Die Behörden müssten sich mit den Vorfällen von Hass und Intoleranz »als Ganzes beschäftigen, um diese Phänomene wirklich zu bekämpfen« – bevor es zu spät sei. »Wir würden gern konkrete Schritte sehen.«
(JNS und Agenturen)
Kategorien:Gesellschaft

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