
Hareidi-Demo in Jerusalem
(Keystone)
Am Sonntag haben in Jerusalem Ultraorthodoxe dagegen protestiert, dass künftig auch strenggläubige Juden einen Wehrdienst leisten sollen. Es handelte sich um eine der grössten Demonstrationen in der israelischen Geschichte. Der Massenprotest richtete sich gegen einen Gesetzentwurf, der eine gerechtere Verteilung der Wehrpflicht in Israel regeln soll. Das israelische Parlament soll das umstrittene Gesetz noch in diesem Monat billigen.
Sie waren aus dem ganzen Land nach Jerusalem gereist. Einheitlich gekleidet in schwarze Anzüge mit weissen Hemden und schwarzen Hüten bildeten sie ein unüberschaubares Menschenmeer auf den grossen westlichen Zufahrtsstrassen der Stadt. Sie trugen Spruchbänder mit Aufschriften wie „Rette mich vor meinem Bruder“. Nach Medienberichten verbrannten mehrere wütende Demonstranten Reifen. Der Verkehr kam grossräumig zum Erliegen. Frauen durften auf Beschluss der ultraorthodoxen Rabbiner in getrennt zugewiesenen Strassen Mahngebete sprechen.
Die Polizei schätzte die Teilnehmerzahl auf rund 300.000 Demonstranten. Polizeisprecher Micky Rosenfeld sagte, es seien 3500 Beamte im Einsatz, um Ausschreitungen wie bei früheren Protesten zu unterbinden.
Die Ultraorthodoxen demonstrierten dagegen, dass die Verweigerung von Wehr- oder Ersatzdienst künftig auch für Tora-Schüler mit Haftstrafen geahndet werden kann. Die vor einem Jahr neu gebildete Regierungskoalition, an der erstmals seit langem keine Parteien der strenggläubigen Juden beteiligt sind, hatte zudem die Finanzmittel für die Religionsschulen dieser Bevölkerungsgruppe gekürzt. Ultraorthodoxe Männer gehen grösstenteils keiner Erwerbstätigkeit nach, um sich angeblich ganz auf das Studium der ihnen heiligen Schriften zu konzentrieren und können so niemals den Lebensunterhalt für ihren Familien aufbringen. In der Armee gibt ihrer Meinung nach angeblich keine Trennung zwischen Männern und Frauen, und es gibt häufig Einsätze am Samstag, für religiöse Juden ein heiliger Ruhetag. Mehrere tausend tiefreligiöser Männer dienen allerdings schon in speziellen Einheiten in der Armee.
Vor zwei Jahren hatte Israels höchstes Gericht entschieden, dass die Freistellung tiefreligiöser Juden vom Militärdienst verfassungswidrig ist. Die Regelung stammte aus der Zeit der Staatsgründung 1948. Damals gab es jedoch nur 400 solcher Fälle pro Jahr. Die Geburtenrate in ultraorthodoxen Familien liegt jedoch wesentlich höher als in westlich geprägten, weniger religiösen Teilen der Bevölkerung, so dass sie heute zehn Prozent der etwa acht Millionen Einwohner Israels stellen. Die Zahl der ultraorthodoxen Männer, die vom Wehrdienst befreit sind, liegt nach Angaben der Zeitung „Jediot Achronot“ schätzungsweise schon bei 60.000 bis 70.000.
Der Gesetzesentwurf sieht jetzt vor, dass die Wehrpflicht schrittweise auch auf sie ausgeweitet wird, so dass bis 2016 5200 strengreligiöse Rekruten eingezogen werden. Ab Juli 2017 soll die Wehrpflicht für alle ultraorthodoxen Männer im wehrpflichtigen Alter gelten. Viele Ultraorthodoxe erkennen jedoch auch an, dass die bisherige Regelung ungerecht ist, und sprechen sich dafür aus, dass in Israel eine Berufsarmee nach europäischem Vorbild geschaffen wird.
Video: Yosef Haim Ben Zion, News 24
Photos: Yosef Haim Ben Zion, News 24
(JNS und Agenturen)
Kategorien:Gesellschaft
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