Koscheres Milchpulver aus Mittelsachsen in Israel der Renner


 
Die knapp 1.200 Milchkühe im Stall der Agrargenossenschaft Hainichen-Pappendorf haben ab und zu ganz besondere „Kundschaft“. Immer wenn Rabbiner Joseph Greenbaum aus Jerusalem im Hause ist, wird koschere Milch gemolken. Koscher, also rein im Sinne der jüdischen Speisegesetze, sei die Milch dann, wenn er dabei sei, sagt der Rabbi. Es scheint, als sitze dem kleinen, schwarz gekleideten Mann mit der Kippa auf dem Kopf ein wenig der Schalk im Nacken, während er redet.

„Milch ist generell rein. Sie wird unter den strengen Vorschriften der EU-Milchgüterverordnung erzeugt“, sagt Milchbauer Friedrich Jahn. Dem Koscher-Projekt stand er dennoch von Anfang an offen gegenüber. In Zeiten stark schwankender Milchpreise gebe die etwas bessere Bezahlung für die koschere Milch eine gewisse Sicherheit.

Die im mittelsächsischen Cunnersdorf gelegene Milchviehanlage war vor mehr als 15 Jahren der erste Lieferant für den Rohstoff, aus dem in der Molkerei Hainichen-Freiberg koscheres Milchpulver für den Export nach Israel hergestellt wird. Das Pulver aus Sachsen dient als Grundlage für Kindernahrung oder Schokolade – dafür wird 100 Prozent Qualität benötigt, wie der Rabbi betont. Eine operierte Kuh beispielsweise darf nicht gemolken werden. Auch dürfen die Kühe keinen Kontakt zu Tieren wie Schweinen haben, weil diese als unrein gelten würden.

Greenbaum kommt immer sonntags und bleibt bis zum übernächsten Donnerstag. Anfangs war er allein, jetzt sind mehrere Kollegen im Auftrag vom Kashruth Department des Orthodoxen Rates von Jerusalem in sächsischen Ställen unterwegs. Greenbaum gehört in Cunnersdorf beinahe zur Mannschaft, hat ein eigenes Zimmerchen auf dem Gelände. Frühmorgens vor Melkbeginn inspiziert er das Melkkarussell und verplombt den Milchtank mit einer hebräisch beschrifteten Banderole. Während des Melkens schaut er der einen oder anderen Kuh aufs Euter. Bei der Abholung bekommt der Fahrer ein Zertifikat über die abgefüllte Milchmenge, ebenfalls auf einem Formblatt in Hebräisch.

Molkerei-Werksleiter Peik Seidel stellt klar: „Es gibt verschiedene Stufen von koscher. Wir produzieren superkoscheres Milchpulver, wie es von ultraorthodoxen Juden verlangt wird.“ Die Freiberger seien dafür der grösste Hersteller weltweit. Der Unterschied zu „normal koscher“ bestehe darin, dass strenggläubige Juden beim gesamten Produktionsprozess dabei seien. „Alles wird kontrolliert und mit einem Stempel beglaubigt“, sagt Seidel. Die israelische Organisation schicke ihre Prüfer überall hin, wo sie Nahrungsmittel produzieren lasse.

Anfangs lief die Milchpulverproduktion in Freiberg auf den vorhandenen Anlagen, die eigens dafür gereinigt und einige Tage im Monat bereitgestellt wurden. Mittlerweile hat das Geschäft eine Dimension angenommen, die die Anschaffung einer „Superkoscher“-Anlage erlaubte. Diese arbeite unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. „Wir produzieren einige Tausend Tonnen Milchpulver pro Jahr für Israel. Das ist ein Grossteil unserer Gesamtproduktion“, sagt Seidel. „Der zusätzliche Aufwand wird vergütet. Sonst würden wir es nicht machen“, umschreibt er das Geschäft, ohne Zahlen nennen zu wollen.

Von den 82 Milchlieferanten der Molkerei Hainichen-Freiberg sind 10 bis 14 am Koscher-Projekt beteiligt. Entscheidend sind Milchqualität und -menge. Dabei sind ostdeutsche Agrargenossenschaften mit ihren grossen Ställen eindeutig im Vorteil gegenüber kleineren Betrieben. Und saftige sächsische Wiesen bieten offenbar ideales Futter. Denn in Deutschland werde auch koschere Butter produziert, die in Freiberg hergestellt werde, sagt Greenbaum. In Israel werde zu magere Milch gemolken.

Im Cunnersdorfer Stall fliessen pro Schicht etwa 15.000 Liter in den Tank. Von den etwa 10,4 Millionen Kilogramm pro Jahr entfallen nach Angaben des Leiters Tierproduktion, Georg Pötzsch, rund drei Millionen auf koschere Milch. Ob nach Auslaufen der durch die EU verordneten Milchquote im Jahr 2015 die Produktion erhöht werde, sei noch offen. Dies sei auch eine Frage des Futters.

(www.agrar-hainichen-pappendorf.de; www.alpavit.de)

Foto: Rabbi Joseph Greenbaum; dapd



Kategorien:Wirtschaft

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: