„Es leiht dem Ewigen, wer gegenüber den Armen mildtätig ist…“ (Sprüche Salomons, Kapitel 19, Satz 17)
Thora-Parascha
Yom Kippur, Versöhnungstag
Lesungen: 3. Mose 16, 1-34; 4. Mose 29, 7-11; Jesaja 57, 14 – 58,14; 3. Mose 18, 1-30; Buch Jona.
Jom Kipur, 10. Tischre 5775 – 3. und 4. Oktober 2014
Tradition, eine Geschmacksache?
Diesen Schabat lesen wir nicht wie wir es gewöhnt sind, die nächste Sidra in der Reihenfolge der Tora, sondern, wie immer, wenn ein Feiertag auf Schabat fällt, die von den Rabbinen der Mischna-Zeit (200 vor – bis 200 nach u.Z.) dazu festgestellten Tora-Abschnitte. Für Jom Kipur sind das: Wajikra 16; Wajikra 23,26-32 und Bemidbar 29,7-11.
– Wajikra 16 beschreibt das Tempelritual für Jom Kipur: Die speziellen Opfergaben, die Kleidung des Hohen Priesters, die Reinigung des Tempels durch das Spritzen von Opfertierblut, die Zeremonie mit dem Sündenbock und das Sündenbekenntnis des Hohen Priesters.
– In Wajikra 23, 26-32, (in liberalen Kreisen aus einer 2. Torarolle zu lesen), wird Jom Kipur als eine ‚Mikra Kodesch‘ – eine ‚geweihte Zeit‘ ausgerufen. Nun wissen wir, um was für einen Tag es geht: Ein Feiertag, an dem keine Arbeit erlaubt ist und der am Sonnenuntergang anfängt und bis zum nächsten Sonnenuntergang dauert.
– In Bemidbar 29, 7-11, dem dritten Abschnitt, lesen wir, dass an Jom Kipur ausser dem täglichen, ein zugefügtes Opfer (Mussaf) dargebracht werden muss.
Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts sind in liberalen Kreisen unterschiedliche alternative Lesungen zu Jom Kipur im Umlauf. Der Opferkult wird für ein spirituelles Erlebnis als ungeeignet geachtet, zumal wir im Liberalen Judentum nicht für den Wiederaufbau des Tempels und die dazugehörenden Opferrituale beten. Nun ist das Ablehnen von ‚ungeeigneten‘ Ideen und Texten eine Sache, das Finden von ebenbürtigen Ersatztexten, jedoch eine ganz andere.
Eine der alternativen Lesungen – so auch in Or Chadasch – ist Dewarim 29,9-14 und 30,1-20. Darin steht die ‚Teschuwa‘, die Einkehr, die Rückkehr zu Gott und ein Leben mit Mizwot, im Vordergrund. Der Text stellt eine klare Verbindung zu Jom Kipur her, obschon ‚Rückkehr‘ hier auch eine geografische Bedeutung bekommt: Nachdem die Bene Jisrael zu Gott zurückgekehrt sind, wird Gott sie in das verheissene Land zurückbringen.
Schemot 33,12 – 34,11 eine weitere alternative Lesung, befasst zwei für Jom Kipur geeignete Motive: Zum einen die Geschichte der zweit steinernen Tafeln und zum andern eine rabbinische Überzeugung. Mosche zerschmettert in einem Wutanfall die Tafeln mit den von Gott erhaltenen zehn Worten als er sieht, dass das Volk ein goldenes Kalb verehrt. Mosche, ein zweites Mal auf dem Berge, bittet Gott nun, sich zu zeigen. Gott gewährt die Bitte nicht, zeigt Mosche gleichwohl das, was hinter ihm, Gott, ist. Mosche ist beeindruckt und spricht darauf die Worte (Schemot 34, 6-7): „Ewiger, Ewiger, erbarmungsvoller und gnadenreicher Gott, langmütig und voll der wahrhaften Worttreue. Er bewahrt Treue bis ins tausendste Geschlecht, verzeiht Verfehlung, Missetat und Sünde und reinigt“. Dieser Ausruf mit den 13 Midot, Eigenschaften Gottes, wird später zum Leitmotiv von Jom Kipur werden. Der zweite Grund für diese alternative Lesung geht auf die rabbinische Überzeugung zurück, dass das Treffen wovon die Rede ist, zwischen Gott und Mosche, an Jom Kipur stattgefunden hat. (Midrasch Tanchuma Ki Tissa 31). Mosches oben zitierte Lobrede wird während Jom Kipur etwa 20 Mal ausgesprochen:
„ adonai adonai el rachum we chanun, erech apa‘im weraw chessed we’emet … יְיָ יְיָ אֵל רַחוּם וְחַנּוּן אֶרֶךְ אַפַּיִם וְרַב חֶסֶד וֶאֱמֶת “
Teschuwa ist das Thema von Jom Kipur und deshalb macht es Sinn, die Tradition mit der liberalen Dewarim-Variante, weiter zu führen, obschon die geografische ‚Rückkehr‘ in das Land Israel wahrscheinlich nicht von allen Or Chadasch Mitgliedern nachgestrebt wird. Anderseits kann uns die ursprüngliche Lesung über das Tempelritual an Jom Kipur einen ‚historischen‘ Rahmen zu diesem ‚Mikra Kodesch‘, zu diesem Feiertag schaffen. Wir lesen ja an Pessach auch über das Pessach-Opfer-Ritual, obschon wir nicht mehr hinter dem Opferkult stehen. Die ursprüngliche Lesung über die Opferrituale in Wajikra 16, befasst darüber hinaus das mündliche Sündenbekenntnis, ein meines Erachtens ungemein wichtiger Schritt – auch ohne Tieropfer – auf dem Weg nach Teschuwa.
Ich stelle jetzt die Welt auf den Kopf: Die ursprüngliche Toralesung über die an Jom Kipur ausgeführten Opferzeremonien wäre für mich eine gute Alternative für die fast 120 Jahre alte liberale Tradition (Dewarim 29,9-14 und 30,1-20), die wir auch in Or Chadasch berücksichtigen. Um es mit Echa (Klagelieder 5, 21) und den Jom Kipur-Slichot zu sagen:
a) Führe uns zurück zu Dir, EWIGER und wir wollen zurückkehren;
b) Erneuere unsere Tage wie ehedem.
Schabat Schalom und gemar chatima towa,
Rabbiner Reuven Bar Ephraim, JLG Zürich
Kategorien:Gesellschaft
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