Das Judentum verbietet Gewalt


28368EXTREMISMUS – Falscher Geist des Messianismus – Das Judentum verbietet Gewalt gegen Andersgläubige und legt Wert auf gute Nachbarschaft

Wir sind in den vergangenen Wochen in Israel mit einem religiösen Fanatismus konfrontiert worden, der höchst bedauerlicherweise von jüdischer Seite ausging. Beispiele dafür waren der Klosterbrand in Tabgha sowie die Feuersbrunst, die das Familienhaus im Dorf Douma im Westjordanland zerstörte und ein Kleinkind sowie den Vater der Familie tötete. An den Wänden dieses Hauses war nach dem Anschlag die hebräische Inschrift zu lesen: »Es lebe der Messias.«

In der Tat werden solche Anschläge von einem falschen Geist des Messianismus angetrieben, der die »Reinigung« des Landes Israel von vermeintlichen Götzendienern beabsichtigt und die Errichtung des Dritten Tempels in Jerusalem anstrebt – im Gegensatz zu einer passiven Sehnsucht nach der Wiedererrichtung des Tempels, die in der jüdischen Tradition tief verwurzelt ist.

TORA

Klar und unmissverständlich ist zu betonen, dass Anschläge gegen Andersgläubige keinerlei Grundlage im Judentum haben. Jeder Versuch, sie mit jüdischen Quellen zu »begründen«, wäre eine Verdrehung der traditionellen Texte und Ausdruck der Ignoranz gegenüber der generellen Einstellung der Tora und der Weisen.

»Ihre Wege sind Wege der Freundlichkeit, und all ihre Pfade sind Frieden.« Dies ist nicht bloss irgendein weiterer Satz aus Mischlei, den Sprüchen des König Schlomo (3,17). Dies ist die Weisung, die als Grundstein der Auslegungen der Tora gilt, und dies ist der Weg, den die Tora von denen erwartet, die sie lernen.

Eine der besonderen halachischen Ermessensgrundlagen der Gemara lautet: »Mipnei Darkei Schalom« (»Um des Friedens willen«). Es gibt Umstände, in denen wir von den gewöhnlichen Vorgaben der Halacha um des Friedens willen abweichen, um, G’tt behüte, keinen Zustand des Unfriedens unter den Völkern zu erzeugen. Selbstredend ist damit keine Willkür gemeint, die jeder individuell anwenden kann, auch kein Rabbiner. Vielmehr handelt es sich um einen wichtigen halachischen Ermessensspielraum, der auf ganz besonderen, in der Gemara wiedergegebenen Fällen fusst.

TEMPELBERG

Ein gutes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Tempelberg in Jerusalem. Alle monotheistischen, abrahamitischen Religionen haben ein Interesse an Jerusalem, und sowohl Juden als auch Muslime erheben Besitzansprüche auf den Tempelberg. Von 1948 an, dem Gründungsjahr Israels, bis zum Sechstagekrieg im Jahr 1967 waren der Tempelberg und ganz Ost-Jerusalem in den Händen Jordaniens, mit der Folge, dass es keinem Juden gestattet war, an der Kotel zu beten. Im Juni 1967, nach dem Angriff der arabischen Armeen auf den Staat Israel und dem Sieg Israels innerhalb von sechs Tagen, verkündete der israelische Offizier Motta Gur: »Der Tempelberg ist in unserer Hand.«

Seine Stimme und Worte hallen noch immer in unserem Bewusstsein nach. Nicht etwa, weil der Tempelberg tatsächlich in unserer Hand ist, sondern vielmehr, weil er es so gut wie gar nicht ist. Sofort nach seiner Eroberung 1967 wurden seine Schlüssel dem muslimischen Waqf übergeben. Seitdem befindet sich der Berg unter jordanischer Kontrolle, in Abstimmung mit Israel.

Viele Juden haben dies inzwischen als Fakt akzeptiert. So wandelte sich dann auch die Kotel im Laufe der vielen Jahre zu einer Art Ersatz für den Tempel. Die ehemalige Westmauer des Tempels erhielt dadurch eine einzigartige Heiligkeit; auf sie sind alle Gebete gerichtet. Dort werden Barmizwot gefeiert, und jeder Jude weltweit sieht mit innerer Erregung einem Besuch und Gebet an der Kotel entgegen.

Doch nicht alle sind bereit, dies als eine vollendete Tatsache zu akzeptieren. Zunächst gilt, dass, von einer religiösen Perspektive aus, unser im täglichen Gebet geäussertes Sehnen nach der Wiedererrichtung des Tempels und unserer vollständigen Wiederkehr nach Jerusalem nach wie vor besteht. Die Frage ist nur: Wer wird den Tempel erbauen? Ist dies unsere Aufgabe –oder wird er etwa vom Schöpfer selbst wiederhergestellt werden, wenn der Tag unserer Erlösung naht?

Seit jeher träumt das Volk Israel davon, in sein Land zurückzukehren und den Tempel zu bauen. Viele Jeschiwot beschäftigen sich mit dem Studium derjenigen Stellen der Tora, die mit dem Tempelleben zu tun haben: Halachot bezüglich der Unreinheit und Reinheit der Gemeinde und der Priester, Fragen der Opfer und der Architektur sowie die Bereitung von Tempelgeräten. Dieses Teilstudium ist durchweg sehr theoretischer Natur. Daher sind die damit Beschäftigten zum Grossteil auch Menschen, die bereits eine ausserordentliche Gelehrsamkeit in denjenigen Teilen der Tora erworben haben, die sich stärker mit unserem alltäglichen Leben beschäftigen.

Allerdings gibt es auch diejenigen, die nicht nur am Studium interessiert sind, sondern auch direkt zur Tat übergehen wollen. Dies ist vor allem das Tempelinstitut in Jerusalem unter Anleitung von Rabbiner Jisrael Ariel – einem der Kämpfer, die im Sechstagekrieg den Tempelberg befreit haben. Dieses Institut beschäftigt sich nicht nur mit der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Stoff, sondern auch mit der praktischen Herstellung von Tempelgeräten sowie der Verbreitung eines »Tempelbewusstseins« in allen Gesellschaftsschichten schlechthin.

ROTE KUH

Unlängst begann das Institut, sich mit einer der spannendsten Fragen im Judentum zu befassen – nämlich mit der Roten Kuh. Eine Kuh, die nie Feldarbeit leistete und deren Haare gänzlich rotbraun sind, gilt als Hilfsmittel zur Reinigung von Menschen, die sich im Zustand schwerster Unreinheit befinden, nämlich der »Tumat haMet«, der Verunreinigung durch Tote, die heute den meisten von uns, wenn nicht sogar uns allen, anhaftet.

Diese Unreinheit betrifft jeden, der in Kontakt mit einem Toten gerät, sei es auch nur, indem er auf einen Friedhof geht. Die Asche einer solchen Kuh kann von der »Tumat haMet« befreien – was die Voraussetzung schafft, dass alle Juden den Tempelberg betreten dürfen. Für die Aktivisten des Tempelinstituts wäre das ein wichtiger Schritt hin zu ihrem eigentlichen Ziel: den Dritten Tempel in Jerusalem zu errichten.

Es ist selten, eine Rote Kuh zu finden. Die neueste Idee, die die Mitglieder des Instituts jetzt beschäftigt, ist die Frage, ob es möglich ist, einen genetischen Klon einer Roten Kuh zu erzeugen. Nebenbei sei bemerkt, dass ein solcher Versuch bereits gelang, allerdings bei männlichen Kälbern und nicht bei weiblichen.

Doch so spannend diese halachischen Fragen im Detail auch sein mögen: Religiöser Extremismus geht von denjenigen Menschen aus, die daran interessiert sind, den rechtsstaatlichen und demokratischen Status des Staates Israel zu ignorieren. Dieser Status zeichnet Israel als das einzige demokratische Land im Nahen Osten aus, in dem Angehörige aller Religionen ein freies religiöses Leben führen können. Es gibt Menschen, die daran interessiert sind, die Vision der Endzeit bereits jetzt zu verwirklichen. Dies geschieht dann auf Kosten der Freiheit anderer.

Die Tora kennt keine totalitären Denkmuster. Sie stellt uns Mittel zur Verfügung, mit deren Hilfe wir die Wirklichkeit erfassen können. Der Versuch, Phasen in der Entwicklung der Wirklichkeit zu überspringen, ist bereits in seinem Ansatz fehlerhaft.

Wenn der Messias nicht kommt, dann können wir nicht vorwegnehmend eine messianische Realität schaffen, obgleich wir »beEmuna-Schlema« vollständig daran glauben, dass er kommen möge. Wenn der Tempel nicht erbaut wird, dann können wir ihn nicht schon heute erbauen.

DISKUSSION

Eines möchte ich allerdings an dieser Stelle auch betonen: Die gesellschaftliche Diskussion über den Status des Tempelberges, auf dem es laut Status quo von 1967 nur Muslimen erlaubt ist zu beten, ist durchaus legitim. (Israelische Gerichte haben das Gebet von Juden auf dem Tempelberg prinzipiell für zulässig erklärt.) Allerdings können wir erst dann eine klare Position dazu einnehmen, wenn eine Antwort auf die halachische Frage gefunden worden ist, ob es Juden heutzutage überhaupt erlaubt ist, den Tempelberg zu betreten. Dies wiederum hängt an der Frage, wo der Tempel genau stand.

Auf keinen Fall aber ist der Versuch legitim, anderen die eigene Meinung aufzuzwingen. Vor allem ist es völlig indiskutabel, einem Angehörigen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe das Leben zu nehmen, um seinesgleichen in Angst und Schrecken zu versetzen, damit sich die eigene messianische Ideologie effektiver durchsetzen kann. Solche Taten widersprechen der jüdischen Religion in jeder Beziehung. Sie haben keinen Platz in der Gesinnung und der Lebensführung des Volkes Israel und seiner Tora, von jeher und in Ewigkeit. ( )

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Gross-Dortmund und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (ORD). Dieser Artikel erschien in der Jüdischen Allgemeinen

 



Kategorien:Gesellschaft

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