Thorazitat & Parascha


„Meine Augen sind immer auf Gott gerichtet“ (Psalm 25 Vers 15)

Thora-Parascha

Schabbat „Chukkat – Satzung“
Wochenabschnitt: 4. Mose 19,1 – 22,1
Haftara-Prophetenlesung: Richter 11, 29 – 12,7

Chukat – Psalm 95
Sünden unserer Väter

In Psalm 95 finden wir mahnende Worte: „Härtet nicht euer Herz wie zu Meriwa, wie am Tage von Massa in der Wüste. Da mich versuchten eure Väter, mich prüften, obschon sie sahen mein Werk. Vierzig Jahre war ich überdrüssig des Geschlechts, und ich sprach: ein Volk irren Herzens sind sie, und sie erkannten nicht meine Wege“ (Verse 8 – 10). Hier spricht der Psalmist im Namen Gottes; Rabbiner I. Jacobson bezeichnet solche Psalmen als „dramatische Psalmen“.

Die Frage drängt sich auf: Auf welche Begebenheiten in der Wüstenwanderung spielt der Psalmist an? Einige Kommentatoren (Radak, Hirsch, Chacham) verweisen auf folgenden Vers, in dem die im Psalm erwähnten Ortsnamen Meriwa und Massa auch vorkommen: „Und er nannte den Namen des Ortes Massa (Versuchung) und Meriwa (Zank) wegen des Zankens der Kinder Israel, und weil sie den Ewigen versuchten, indem sie sprachen: Ist wohl der Ewige in unserer Mitte oder nicht?“ (Schemot 17,7). Wie wir erkennen, lässt sich Psalm 95 mit dem Wochenabschnitt Beschalach verbinden; diesem wurde jedoch Psalm 66 zugeordnet. Welche Verbindung besteht mit dem Wochenabschnitt Chukat? Auch hier ist von Zank im Zusammenhang von Wassermangel die Rede: „Das ist das Hader-Wasser (Me Meriwa), wo die Kinder Israel haderten mit dem Ewigen, und durch welches er verherrlicht wurde“ (Bamidbar 20,13. Siehe Rabbiner  Hertz zu diesem Vers).

Den mahnenden Hinweis auf Sünden unserer Väter kann man auf eine weitere Episode im Wochenabschnitt Chukat beziehen: „Da sprach das Volk wider Gott und wider Mosche: Wozu habt ihr uns aus Mizraim herausgeführt, in der Wüste zu sterben? Denn wir haben kein Brot und kein Wasser, und uns ekelt vor dem elenden Brote“ (Bamidbar 21,5). Hier erwiesen sie sich als undankbare Menschen (Talmud, Awoda Sara 5 a). Ihre Undankbarkeit wurde in angemessener Weise bestraft (siehe Raschi zu Vers 6), und  sie bekannten: „Wir haben gesündigt, indem wir gegen Gott und dich gesprochen haben“ (Bamidbar 21,7). Von unseren Vätern  können wir lernen, dass Sünder um Verzeihung bitten sollen. (Von: Prof. Dr. Yizhak Ahren)

Sidra Chukat

Ein  Arzt tritt ins Wartezimmer voller Patienten und sagt
mit lauter Stimme: „Herr Müller, Sie haben Krebs. Nächster Patient, bitte!“

Diese Woche kam mir die Ehre zuteil, im Zürcher Kinderspital einen Vortrag zu halten über jüdische Traditionen während dem Sterbeprozess und in der ersten Zeit der Trauer. Nach dem Vortrag wurden Themen diskutiert wie z.B. die Frage, wie man Kinder über ihre Krankheit und die voraussichtlichen Prognosen informiert. Haben Ärzte eine Informationspflicht oder überlässt man das Informationsbedürfnis dem Anstoss des Kindes? Sind es ausschliesslich die Eltern, die das Kind über seine Situation aufklären oder darf / kann / soll diese Aufgabe zu den Mitarbeitern des Care-Teams gelegt werden? Welche Rolle spielt der Charakter und das Alter des Kindes bei all diesen Fragen?
Zufall oder nicht, die dieswöchige Sidra  Chukat behandelt genau dieses Thema.

Gott beauftragt Mosche: „Nimm Aharon und Elasar, seinen Sohn, und führe sie hinauf auf den Berg Hor. Dann ziehe Aharon sein Priestergewand aus und bekleide damit seinen Sohn Elasar. Aharon wird dort mit seinen Vorfahren vereint werden und sterben.“ (Bemidbar 20, 25-26). Der Toratext ist kurz und bündig. Es werden keine Worte an Gefühle verschwendet.

Dieser Mangel wird durch den Verfasser des Midrasch Petirat Aharon ausgeglichen (in: Jehuda Eisenstein, Ozar Midraschim  1915, S. 13-15). Mosche erwidert Gottes Auftrag mit der Frage: „Wie kann ich Aharon dies sagen? Er ist mein älterer Bruder?“ Im Midrasch zieht sich die in der Tora fünf Verse dauernde Situation rund um das Sterben von Aharon über zwei Seiten hinaus. Mosche verzögert es, seinen Bruder über den bevorstehenden Tod zu informieren. Er weckt Aharon am Morgen auf, etwas, dass er bis anhin nie gemacht hat, und hilft ihm beim Ankleiden. Er teilt Aharon mit, einen Auftrag von Gott erhalten zu haben, ohne jedoch jegliche Einzelheiten zu geben. Aharon bemerkt Mosches unübliches Verhalten und drängt ihn zum Reden. Vergeblich. Erst als Mosche Aharon in der Grabhöhle auf dem Berg Hor Aharon das Priestergewand auszieht, erfährt dieser von seinem anstehenden Sterben. Das Drama der Bruderliebe entfaltet sich vor den Augen des Lesers.

Die schwierige Frage womit Mosche ringt: Wann erzähle ich meinem Bruder, dass er sterben wird? Die Frage in einer derartigen Situation ist allgemeingültig, die Antwort jedoch von den Umständen und Verhältnissen abhängig. In welcher Beziehung steht man zu dem Sterbenden? Wie gut kennt man die Person? Wie schätzt man das Bedürfnis des ‚Wissenwollens‘, die Reaktion einer möglichen Antwort oder die Tragkraft des Sterbenden ein? Die Erfahrung lehrt übrigens, dass Kinder offener und vielleicht wenig bange gegenüber dem Sterben stehen als Erwachsene.

In der jüdischen Tradition finden wir in Bezug auf die aufgeworfenen Fragen unterschiedliche Auffassungen. Jeschaja (38, 1) instruiert den kranken König Chiskijahu: „Bestelle deine Verwandten, denn du wirst sterben und nicht leben“. Die Rabbinen verurteilen das unnachsichtige Betragen Jeschajas (Midrasch Kohelet Raba 5, 6) und sehen in der plötzlichen Genesung des Königs ‚Gottes Hand‘ und eine Ablehnung der groben Haltung des Propheten. Im Sefer Chassidim (154; 13. JH, Deutschland) wird für eine Offenheit der Ärzte gegenüber den Kranken plädiert. Die unterschiedlichen Auffassungen spiegeln wohl die Normen und Werte und die Kultur der Zeit, in der diese artikuliert wurden. Bis in die 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts war es unüblich, Kranke detailliert über ihren Zustand und den bevorstehenden Tod zu informieren. Mit der allgemeinen Bürgeremanzipation und dem aufkommenden Selbstbestimmungsrecht hat sich hinsichtlich der Informationsverschaffung einiges geändert.

Entsprang Mosches Zögern der Feigheit? Spielte, anders gesagt, sein eigenes Unbehagen ein Rolle in seinem Unvermögen, dem Bruder Klartext zu geben? Oder ist genau das Gegenteil der Fall? Könnte seine Zurückhaltung auf Feingefühl und Empathie zurückzuführen sein, und zwar aufgrund seiner Einschätzung, dass Aharon die Nachricht nicht verkraften könnte?

Die talmudischen Rabbinen lehren uns immerhin, einen Sterbenden sorgfältig und auf möglichst empathische Weise auf den Tod vorzubereiten.

Schabbat schalom,

Rabbiner Reuven Bar Ephraim,   JLG Zürich

Paraschat Haschawua: chukat.2.j.pdf; chukat.haftara.pdf



Kategorien:Gesellschaft

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