Die Bedeutung der Weisung


Wir sprechen von „Weisung“ und nicht von „Religion“ der Noachiten, weil ein Unterschied besteht zwischen Weisung und Religion. „Weisung“ trägt noch die praktische Bedeutung von „Wegweiser“ in sich, das bedeutet: die Weisung bringt den Menschen auf den Weg eines Lebens, in dem er seine geistige Ganzheit erreicht und seine Fähigkeiten ausschöpfen kann.

„Religion“ demgegenüber fügt im allgemeinen dem vielfältigen Tun des Menschen die Dimension des Heiligen hinzu, wie etwa religiöse Feiern zum Anlass einer Eheschliessung oder eines Todesfalles. Die Religion bringt zuweilen eine Trennung mit sich zwischen dem natürlichen Leben des Menschen und gewissen Winkeln der Heiligkeit, eine Erscheinung, die sich etwa im Bau einer Kirche zum Gebet oder eines Klosters zur Absonderung vom irdischen Leben widerspiegelt. Aber das ist nicht Weisung! Die Weisung will den Menschen lehren, wie er sein ganzes Leben führen kann und soll. Der Satz: „dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, verstanden als künstliche Aufteilung von Lebensbereichen, entspricht nicht der Tora; sie umfasst das ganze Leben des Menschen, vom Öffnen bis zum Schliessen der Augen, von Geburt bis zum Tod, denn die Weisung will wirkliche Orientierung für das Handeln geben.

Einer der Gelehrten Israels, Rabbi Bachya Ibn Pakuda, der vor 900 Jahren in Spanien lebte, stellt in seinem „Lehrbuch der Herzenspflichten“ fest, es sei ein Irrtum zu glauben, es gebe drei Arten von Handlungen, nämlich positive, negative und wertfreie. In Wahrheit gebe es nur zwei, sagt er, nämlich positive und negative, in diesem Rahmen würden alle Handlungen beurteilt: Handlungen, die uns der Wahrheit und dem Guten näher bringen, seien begrüssenswert, und was uns von der Wahrheit abbringt, sei abzulehnen. Jedes Tun, ob Lernen, Arbeiten, Essen oder Ruhen sei dann als begrüssenswert zu betrachten, wenn es ein positives Ziel verfolgt, und sei abzulehnen, sobald es aus einem anderen Grund heraus getan wird. Als Beispiel kann uns dienen, was Maimonides schreibt: „Der Körper ist gesund und vollkommen in den Wegen Gottes; es ist aber unmöglich, dass jemand Erkenntnis des Schöpfers hat, solange er krank ist; darum muss man sich fernhalten von Dingen, die den Körper schädigen, und sich an die Gesundheit fördernde und heilsame Dinge halten.“ (Maimonides, Mischne Tora, Deoth 4,1)

Maimonides weiter: „Wer sein Leben gemäss den medizinischen Erkenntnissen führt, der sollte nicht nur darauf achten, dass sein Körper und seine Glieder unversehrt sind und dass er Nachkommen hat, die seine Arbeit übernehmen und ihn versorgen können. Er soll vielmehr darum auf die Unversehrtheit und die Kraft seines Körpers achten, damit seine Seele sich darauf ausrichten kann, Gott zu erkennen. Denn es ist unmöglich, sich mit den Lehren auseinanderzusetzen und sie zu verstehen, wenn man hungrig oder krank ist oder wenn eines der Glieder schmerzt. Und du wirst sehen, dass derjenige, der alle Tage auf diesem Weg einhergeht, Gott fortlaufend dient, selbst wenn er einen Prozess führt oder mit seiner Frau geschlechtlichen Umgang hat. Denn seine Absicht bei all dem ist, seine Bedürfnisse zu erfüllen, damit sein Körper ganz ist, um Gott dienen zu können. Selbst der Schlaf, wenn er in der Absicht geschieht, Geist und Körper ruhen zu lassen, um nicht krank zu werden und so Gott nicht mehr dienen zu können, ist Gottesdienst. Darum geboten die Weisen: „Alle deine Werke tue um des Himmels willen“. Das sagte auch Salomo in seiner Weisheit: „Er kennt alle deine Wege und macht gerade deine Pfade“. (Maimonides, Mischne Tora, Deoth 3, Ende)

Es ist deutlich, dass sich die Worte des Maimonides auf das auserwählte Volk Israel beziehen, das sich über jeden Schritt Rechenschaft abzulegen hat. Aber wir lernen doch daraus allgemein die Richtung des Guten: Alles auf dieser Welt soll auf das Gute und Begrüssenswerte ausgerichtet sein und nicht auf ihr Gegenteil. Darauf zielt die Tora ab. Die Weisung als Wegweiser des Lebens lässt sich selbst an einer ethisch hochstehenden philosophischen Weltanschauung nicht genügen. Demjenigen, der die Weisung für einen Selbstzweck hält und sie nicht in einen Lebensweg umsetzt, sagten die Weisen Israels eindeutig: „Wer spricht: „Ich habe nichts als die Tora“, der hat keine Tora“, denn alle nicht umgesetzten ideellen Werte haben in Wirklichkeit keinen Wert.

Die Weisen haben dies durch folgende Geschichte klargemacht:

Als Moses zum Himmel aufstieg, sahen ihn die Dienstengel und fragten Gott: „Was macht ein Mensch hier?“ Das sagte ihnen Gott: „Er kommt, um Weisung zu empfangen.“ Die Engel überkam das Entsetzen: „Sollte es möglich sein, dass eine so heilige und edle Weisung dem Menschen gegeben werde!?  Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und das Menschenkind, dass du es heimsuchst? Ewiger, unser Gott, setze deine Herrlichkeit (deine Weisung) über die Himmel!“ Gott sprach zu Moses: „Du, gib ihnen Antwort!“ Und Moses sprach: „Was steht in der Tora geschrieben, die du mir gibst?: Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich aus Ägypten herausgeführt habe. Seid ihr (Engel) etwa nach Ägypten hinabgezogen und zu Sklaven gemacht worden? Warum ist sie also eure Weisung? Und nochmals: Was steht in ihr geschrieben: Nicht soll dir ein anderer Gott vor meinem Angesicht sein. Ist bei euch etwa Raum für Götzendienst? Und es steht in ihr geschrieben: Du sollst den Namen Gottes nicht zu Nichtigem gebrauchen und nicht lügnerisch schwören. Gibt es bei euch etwa gerichtliche Verhandlungen? Und genauso steht es mit der Ehrung von Vater und Mutter, mit dem Töten und vielem anderen.“ Da waren die Engel überzeugt davon, dass die Tora zu den Menschen passe, die ihre Gebote halten sollen. (Midrasch Pesikta Rabbati 20, 96-98)

Die Weisung zielt nun darauf ab, die Eigenart des Menschen zu bewahren, dessen Seele eine aufrichtige Wurzel hat, denn es steht geschrieben: „Gott schuf den Menschen aufrichtig“ (Pred. 7, 29). Aber er ist auch triebbestimmt, wie es heisst: „Der Antrieb des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an“ (1. Moses 6, 5). Der Mensch braucht die gärende Triebkraft, die Kraft, die von den Reizen ausgeht, damit er zum Essen, zum Tun und zur Fortpflanzung veranlasst wird. Aber es muss auch eine Gegenkraft da sein, die die Triebe in eine begrüssenswerte Richtung lenkt. Der Mensch braucht eine Ausrichtung, auf die hin er seine Fähigkeiten und Kräfte entwickeln kann; denn jede menschliche Möglichkeit soll ausgenutzt werden als von Gott verliehen, wie die Gabe zum Zeichnen, zum Lehren, Musik machen oder was es sonst sei. Aber die Wahrnehmung dieser Möglichkeiten soll nicht nur der eigenen geistigen Persönlichkeitsbildung, sondern auch der Gesellschaft dienen.

Der Mensch ist keine Maschine und auch kein Tier, das von seinen Instinkten geleitet wird; der Mensch ist ein Geschöpf, das denken und wählen kann. Er braucht die Ausrichtung, und das ist die Weisung vom Himmel, ohne sie verfängt sich der Mensch in der Vielfalt seiner Möglichkeiten. Ausserdem bestehen innere und äussere Reize, ihn vom Weg abzubringen. Die Weisung jedoch bewahrt ihn davor abzuweichen. Sie aktiviert auch, was in der Seele des Menschen verborgen ist. So gelangt der Mensch durch sie zu Freude und Reichtum.

Pädagogen weisen uns darauf hin, dass in der Kindererziehung das Vermitteln von Grenzen und irgendwie definierten Lebensbereichen wichtig sei. Sie vermitteln ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

Darum hat Gott seinen Kindern seine Weisung gegeben. Er ist für sie wie ein Elternteil, das seine Kinder erzieht, wie ein Lehrer, der seine Schüler anleitet.

( ,Breslev)

 



Kategorien:Gesellschaft

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