»Masel Tov Cocktail« – Authentische Figuren


Arkadij Khaet (M.) und sein Co-Regisseur Mickey Paatzsch

Arkadij Khaet hat den jüdischen Film des Jahres 2020 gedreht.

Die Liste ist lang. Seit der Premiere ihres Films Masel Tov Cocktail auf einem Filmfestival im Januar 2020 erhielten Arkadij Khaet und Co-Regisseur Mickey Paatzsch unzählige Preise.

WG – Der Film lief im Oktober im Fernsehen, seitdem ist er in der ARD-Mediathek abrufbar. Es scheint, als würde die Öffentlichkeit den provokativen und direkten 30-Minüter rund um den jüdischen Jugendlichen Dima geradezu umarmen. All die Aufmerksamkeit und die Auszeichnungen hätten ihn ein wenig skeptisch werden lassen, bekennt Khaet im Zoom-Gespräch an einem Februarabend. Wir erreichen den 29-Jährigen in seiner Duisburger WG.

»Es macht mich skeptisch, wenn alle sagen: Ja, das ist ganz toll!«, präzisiert Khaet. Es habe keine nennenswerte Kritik an Masel Tov Cocktail gegeben. Khaet hatte mit sehr viel mehr Gegenwind gerechnet. Schliesslich sind aus seiner Sicht diejenigen Filme am besten, die auf ein geteiltes Publikumsecho stossen. »Natürlich hoffe ich auch, dass das ein guter Film ist. Ich glaube wirklich, dass er vielen Leuten gefällt«, betont Khaet.

2020 war Masel Tov Cocktail unter den zehn meistgesehenen Filmen in der ARD-Mediathek. Die Leute schauten ihn aus Interesse an einem Perspektivwechsel und an authentischen jüdischen Figuren, meint Khaet. »Viele Leute haben gesagt, sie hätten bei Masel Tov Cocktail mehr gelernt als in der Schule.« Und auch an Schulen wird der Film laut Khaet oft gezeigt – »weil er beim jüngeren Publikum gut funktioniert und der Protagonist jugendlich ist«.

FALLE – Man könnte meinen, dass eine deutsche Eigenart, die Masel Tov Cocktail karikiert, sich in den vielen begeisterten Reaktionen Bahn bricht: Die Frage, ob die zahlreichen Preise auch ein Zeichen für Philosemitismus sein könnten, bejaht Khaet. »Ich glaube, Deutschland ist von einem sehr starken Interesse an jüdischen Themen geprägt.« Sichtbares jüdisches Leben ist, sagt er, sehr wichtig für das deutsche Selbstverständnis und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Wie aber entkommt man der Philosemitismusfalle? Wie entzieht man sich den Erwartungen? »Ich glaube, das bekommt man hin, indem man jüdische Identifikationsfiguren schafft, die das nicht bedienen«, sagt Khaet. Lange seien jüdische Figuren im deutschen Film entweder als religiöse Juden erkennbar gewesen, oder sie hätten eine von der Schoa geprägte Biografie oder Psychologie gehabt. Khaet sieht unterdessen eine Generation junger Juden heranwachsen, die das ändern möchte. Es ist eine Generation, die sich, wie er sagt, weniger zu Gast fühlt, sondern den Anspruch hat, mitzubestimmen und den Diskurs mitzuformen.

2020 war »Masel Tov Cocktail« unter den zehn meistgesehenen Filmen in der ARD-Mediathek.

»Ich sehe ganz stark, dass Leute, die jetzt Ende 20 oder Anfang 30 sind, in Positionen kommen, wo sie sprechen können und wo ihnen auch zugehört wird«, sagt Khaet. Zu dieser selbstbewussten Kohorte zählt er vor allem die Kinder der aus der Ex-Sowjetunion eingewanderten »Kontingentflüchtlinge«. 1991 in Moldawien geboren und im selben Jahr mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, ist Khaet Teil dieser Generation. Er wuchs im Ruhrgebiet auf. Die Gemeinde in Oberhausen beschreibt er als »klein, sehr russisch und sehr überaltert«. Jüdische Freundeskreise habe es in seiner Stadt nicht gegeben.

Als eine Rettung muss Khaet daher das Stipendium des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) empfunden haben. »Auf einmal gibt es einen Denkraum, wo Leute sind oder gewesen sind, die auf einmal Sachen artikuliert haben, die man sich die ganze Zeit schon gedacht hat«, erinnert er sich. Dort traf er Gleichgesinnte. Das neue jüdische Selbstbewusstsein, so Khaets Beobachtung, werde vor allem durch Social Media und durch Vereinigungen forciert, »die abseits vom Planeten ›Jüdische Gemeinde‹ stattfinden«.

ELES – Neben ELES führt er die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD) und die queere Initiative »Keshet« als Beispiele an. Sein Studium der Spielfilmregie an der Ludwigsburger Filmakademie möchte er dieses Jahr abschliessen. Was kommt aber nach dem Studium und dem grossen Erfolg von Masel Tov Cocktail?

»Ich schaue einfach, was uns als Regie-Duo interessiert«, sagt Khaet. Ein neues Projekt stehe noch ziemlich am Anfang. »Es soll aber auf jeden Fall ein Langfilm werden«, verrät er. »Im besten Fall wird der Film einen jüdischen Bezug haben, der kein jüdischer Bezug ist.«

Als Filmemacher möchte er sich nicht in gängige Schubladen einordnen lassen: »Ich interessiere mich nicht für diesen Ort, der für jüdische Filmemacher in Deutschland bestimmt ist.« Es sei ein passiver Ort, wo man sitzen und nicht aufbegehren solle. Khaet betont vielmehr: »Ich bin vor allem an wehrhaften jüdischen Figuren interessiert.« Die jüdische Geschichte ist, so Khaet, voll von Wehrhaftigkeit, von Partisanentum, von jüdischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis kämpften.

KINO – In dieser Hinsicht war Quentin Tarantinos Kriegsfilm Inglourious Basterds eine wichtige Inspiration für Khaet. Nach seiner Überzeugung hat damit ein nichtjüdischer Regisseur einen der grössten Beiträge zum jüdischen Kino geleistet. Der Film hat ihn mehr inspiriert als Der Pianist oder Schindlers Liste. Khaet hebt aber auch die Selbstverständlichkeit jüdischer Figuren im Kultfilm The Big Lebowski der Coen-Brüder hervor. »Für Masel Tov Cocktail haben wir viele Filme von Guy Ritchie geguckt.«

Sein künstlerisches Selbstverständnis bringt Khaet in wenigen Worten auf den Punkt: »Ich mache ganz klassisches Erzählkino.« Er zeigt sich daran interessiert, Geschichten zu erzählen, die unterhalten und Spass machen. Kino darf sich, so Khaet, für den Zuschauer nicht als Arbeit anfühlen. Eine letzte Frage, bevor das Zoom-Meeting endet: Wann gibt es Momente in seinem Alltag, in denen er nicht Filme macht oder über das Filmemachen nachdenkt? Arkadij Khaet antwortet: »Wenn ich Filme gucke.«  (Eugen El/Jüdische Allgemeine ; Foto: SWR/ Filmakademie Baden-Württemberg)

 



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