Die Kabine der Wahrheit – Truth Booth


Gideon Unkeless

Ein Jude aus New York in Baracke 39. Gideon Unkeless hat hier seine Truth Booth aufgestellt.
Foto: Gerd Engelsmann

Gideon Unkeless ist ein Jude aus New York. In der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg, im deutschen Bundesland Brandenburg, hat er ein digitales Gästebuch eingerichtet, die „Truth Booth“ oder Kabine der Wahrheit. Mit Hilfe von Video- oder Tonaufnahmen können hier Besucher ihre Gefühle, Gedanken und Eindrücke hinterlassen.

Eine junge Frau mit langen dunklen Locken schaut in die Kamera. Sie bewegt sich nicht, sie sagt kein Wort. 20 Sekunden lang. Dann endet die Aufnahme. Es ist die, die Gideon Unkeless von allen bis jetzt am besten gefällt. „Vielleicht will sie einen herausfordern“, sagt er. „Vielleicht will sie ausdrücken, dass es für das, was sie gesehen hat, keine Worte gibt“. Der kurze Film entstand mit Hilfe der Truth Booth. Der Begriff lässt sich schwer übersetzen. Kabine der Wahrheit klingt längst nicht so gut. Gideon Unkeless hat die Truth Booth zusammen mit dem österreichischen Mathematiker Andreas Daniel Matt in der Gedenkstätte Sachsenhausen eingerichtet. Es war ihre Idee, und die Gedenkstätte hat sich darauf eingelassen. Die Truth Booth ist eine Art digitales Gästebuch. Besucher des einstigen Konzentrationslagers haben die Möglichkeit, hier ihre Gedanken, Gefühle und Eindrücke zu hinterlassen. In Form eines Videos oder eine Tonaufnahme. Rund 400 Aufnahmen sind so seit Anfang August entstanden.

Strafbares wird angezeigt

Ein junger Mann mit einem Bürstenhaarschnitt sagt, dass er sich das, was geschehen ist, nicht vorstellen könne. Dass es weit weg von ihm sei. Aber dass er sich trotzdem verbunden fühle mit der Geschichte, dass er Jude sei. „Sie mussten auf dem Boden schlafen“, sagt ein Mädchen, das mit ihrem kleinen Bruder in die Kabine gekommen ist. Eine Frau um die 40 weint fast, während sie erzählt, dass sie den Namen ihres Urgrossvaters gefunden hat. Dass es so wunderbar sei und so traurig, und sie jetzt am liebsten mit ihrer Schwester oder ihrer Tochter sprechen würde.

Gideon Unkeless nennt die Truth Booth ein Ventil. „Sie kann uns helfen zu verstehen, was Besucher suchen, finden und worüber sie nachdenken, wenn sie in Sachsenhausen sind.“ Er erwartet nicht nur politisch Korrektes. „Vielleicht wird irgendwann jemand sagen, wie langweilig er es hier findet“, sagt er. „Vielleicht wird jemand den Hitlergruss zeigen.“ Draussen auf der Kabine hat die Gedenkstätte den Hinweis angebracht, dass strafbare Gesten zur Anzeige gebracht werden.

Die Truth Booth steht in der Baracke 39 der Gedenkstätte, ein hellgrauer Holzkasten mit einem Vorhang. Drinnen steht ein Hocker vor einem Bildschirm. Wenn die Testphase vorbei ist, sollen die Besucher sich die Einträge anderer ansehen können, wenn diese sie als „öffentlich“ freigegeben haben. Man kann seine Aufnahme auch als „privat“ speichern. Dann wird sie nur zu Forschungszwecken genutzt.

Gideon Unkeless ist gerade 29 geworden, in zierlicher junger Mann mit dunklen Locken aus Brooklyn, New York. Er ist Jude. Studiert hat er an der renommierten Wesleyan-Universität an der Ostküste. Er erzählt, dass er sich zusammen mit seiner Grossmutter manchmal das Life Magazin mit den Fotos von der Befreiung des KZ Buchenwald angesehen hat. Da war er noch ein kleiner Junge. Er sah bis auf das Skelett abgemagerte Häftlinge, Leichenberge, die Überreste einer Leiche im Krematorium. „Wenn man Jude ist, wird man irgendwann mit diesen Bildern konfrontiert“, sagt er. Seine Grossmutter stammt aus Neuwied, sie emigrierte mit ihrer Familie schon 1934 in die USA und entkam der Verfolgung. Doch das Trauma sei kollektiv, sagt er. Es werde von einer Generation an die nächste weitergegeben. „Aber ich wollte nicht auf der Ebene der Leichenberge und der Gaskammer stehen bleiben.“

Vor einem Jahr kam Gideon Unkeless deshalb nach Deutschland. Er wohnt in Schöneberg und hat als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen in der Gedenkstätte Sachsenhausen gearbeitet. Wenn man mit ihm auf dem Gelände des einstigen Konzentrationslagers unterwegs ist, merkt man, wie gut er sich dort auskennt. Seine Aufgabe in Sachsenhausen bestand darin, Führungen zu geben, meist in Englisch. Er zeigt auf den Platz, an dem die Baracke stand, in der das Lagerbordell untergebracht war. Die Frauen seien aus Ravensbrück hergebracht worden. „Auf dem Appellplatz wurde auch Fussball gespielt.“ Und auf der Schuhprüfstrecke um den Platz herum hätten Firmen wie Salamander ihre Schuhe von Häftlingen prüfen lassen. Es ging immer im Kreis, über spitze Steine, Erde, Sand und Asphalt. Manchmal seien die Schuhe ein paar Nummern zu klein gewesen, sagt Unkeless. Eine Quälmethode.

Er erzählt, dass es manchmal Lehrer gibt, die ihre Schüler auffordern, ein paar Runden auf dieser Prüfstrecke zu drehen. „Damit sie ein Gefühl dafür bekommen, wie das gewesen sein muss.“ Als ob das möglich wäre. Solche Erlebnisse haben ihn nachdenklich gemacht. „Was nehmen die Besucher eigentlich mit von ihrem Besuch?“ Er hat gemerkt, dass es solche gibt, die sich vor allem für Militärgeschichte interessieren, oder für die historischen Daten und Fakten. Anderen gehe der Besuch sehr nahe.

Chronologisch oder dramatisch

Auch die Führungen seien alle anders. Manche eher dramatisch, andere chronologisch. Er selber hat irgendwann aufgehört, Besucher zu der Gaskammer zu führen. „Dreimal am Tag dieses Wort zu sagen, das war deprimierend“, sagt er. Das ist auch ein Aspekt, der ihn interessiert: „Was geschieht mit mir, während ich hier bin?“ Antworten auf all diese Frage zu finden, das ist vielleicht der Grundgedanke, auf dem die Truth Booth beruht.

Mitte September fliegt Gideon Unkeless zurück nach New York. Sein Projekt wird er dort weiter verfolgen. Er möchte Geld sammeln, das es ihm ermöglicht, Truth Booths auch in anderen Gedenkstätten einzurichten. Und er möchte irgendwann ein Video aus diesem Archiv an Einträgen machen, das jetzt in Sachsenhausen entsteht.

Führungen

H15G0440_2Die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen in Oranienburg sind täglich von 8.30 bis 18 Uhr geöffnet, vom 15. Oktober an von 8.30 bis 16.30 Uhr.

Montags sind Bibliothek und Archiv sowie die Museen geschlossen. Die Open-Air-Dokumentation „Mord und Massenmord im KZ Sachsenhausen“, der Gedenkort „Station Z“ sowie das Besucher-Informationszentrum sind geöffnet.

Die museumspädagogische Abteilung führt nach Voranmeldung unter 03301-200 200 oder besucherdienst@

gedenkstaette-sachsenhausen.de Führungen durch. An Wochenenden werden thematische Führungen zu spezifischen Aspekten der Geschichte des Ortes angeboten.

Informationen zur Truth Booth unter www.the-truth-booth.org

(JNS / BZ)



Kategorien:Gesellschaft

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1 Antwort

  1. Toller Artikel! Kann ich nur weiterempfehlen!

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