Ein hautenges T-Shirt mit kurzen Ärmel zu tragen ist für die meisten hier kein Problem. Ganz anders sieht es damit schon in Mea Schearim, einem ultraorthodoxen Viertel in Jerusalem, aus. Ultraorthodoxe Juden mit einer Vielzahl verschiedener religiöser Strömungen aus aller Welt hat es dorthin gezogen. Einigkeit herrscht Mea Schearim aberdarüber, wie Frauen sich zu kleiden haben.
In den Strassen hängen Poster mit der Aufforderung: „Frauen und Mädchen sollen nicht in unangemessener Kleidung durch unser Viertel laufen.“ Als unangemessen gelten schon T-Shirts und kurze Röcke, das Zeigen von nackter Haut sowie enge Hosen. Selbst an den heissesten Tagen tragen dort orthodoxe Jüdin immer lange Sachen: Das heisst, einen knöchellangen Rock, ein Oberteil, das ihre Arme vollständig bedeckt und ein Kopftuch.
In Mea Schearim lebt auch der orthodoxe Rabbi Schimon Horowitz (65). Er lehrt an der Talmudschule Aisch HaTorah in der Nähe der Klagemauer. Die strikten Regeln innerhalb der orthodoxen jüdischen Gemeinde erklärt er so: „Die Kleiderordnung schützt Frauen vor den Blicken und Übergriffen der Männer. Wir sagen den Frauen nicht, was sie zu tun haben. Wenn sie wirklich religiös sind, verstehen sie die Regeln der Thora von selbst.“
Die Anthropologin Tamar El Or (58) forscht an der Hebräischen Universität in Jerusalem zu Geschlecht und Orthodoxie in Israel. Es ist aber auch ein neues Phänomen zu beobachten: „Früher haben die Ultraorthodoxen die Regeln in Jerusalem bestimmt, seit einer Weile gewinnt jedoch das moderate orthodoxe Judentum an Bedeutung. Dieses will pluralistisch und liberal sein und akzeptiert auch einen gewissen Feminismus innerhalb der Gemeinschaft.“, sagt sie.
Hierzu zählt auch die neunundvierzigjährige Geschäftsfrau Rachal Ginsberg. Sie betreibt in Mea Schearim ein kleines Textilgeschäft. Seit dem Sommer 2012 verkauft sie im Onlineversand auch Hebrew T-Shirts. Nach einem sehr persönlichen Erlebnis hatte sie die Idee dazu den T-Shirts im Design ein Statement aufzudrucken.
Das T-Shirt ist hauteng und hat kurze Ärmel, auf Hebräisch steht darauf geschrieben: «Töchter Israels ziehen sich nicht aufreizend an.» Ein schwarzes T-Shirt und weisse Buchstaben – die Farben der Thora. Die meisten Bestellungen dafür kommen aus den USA, der Verkauf läuft sehr gut. „Für Jerusalem ist es zu gewagt, deshalb hänge ich es nicht ins Schaufenster. Ich habe Angst, dass mir sonst jemand die Scheiben einschlägt“, sagt sie, es soll eine ironische Provokation sein.
Gegen diese Art der Bevormundung möchte sie mit ihrem T-Shirt protestierten. „Ich verstehe, dass wir uns geschmackvoll anziehen sollen. Ich mag es auch nicht, wenn sich die Leute zu offenherzig kleiden. Aber ich wehre mich dagegen, dass man mir vorschreibt, wie ich meine Religion zu leben habe.“
Mit dem T-Shirt möchte sie eine Diskussion über extreme Positionen innerhalb der jüdischen Gemeinde anzustossen. Aber noch wissen nicht viele Kundinnen davon, welche ihren Laden betreten. Aber eines Tages wird Zeit reif sein, es für alle sichtbar zu platzieren.
Webseite von Hebrew T-Shirts
Ironisches T-Shirt auf Etsy-Seite von Ginsberg
(JNS, Chaim Stolz)
Kategorien:Gesellschaft


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