«Diesen Hass zu ertragen, ist schwer»


«Es ist schockierend, empörend und beängstigend»: Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, über die Zunahme von Antisemitismus in der Schweiz. Foto: Keystone

«Es ist schockierend, empörend und beängstigend»: Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, über die Zunahme von Antisemitismus in der Schweiz. Foto: Keystone

In einem dramatischen Appell fordert Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, den Bundesrat auf, Massnahmen gegen den Antisemitismus zu ergreifen.

Es sei «schockierend, empörend und beängstigend», wie in den letzten Wochen auch in der Schweiz der Antisemitismus sein hässliches Gesicht gezeigt habe, schreibt Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), in seinem heute erschienenen Appell im jüdischen Wochenmagazin «Tachles».

Bereits vor einem Monat äusserte sich SIG-Präsident Herbert Winter in einem Meinungsartikel im Tages-Anzeiger zu den besorgniserregenden antisemitischen Angriffen in den Sozialen Medien in der Schweiz. Zum Artikel

Es ist schockierend, empörend und beängstigend, wie in den letzten Wochen auch in der Schweiz der Antisemitismus sein hässliches Gesicht gezeigt hat. Damit hatten wir nicht gerechnet! Dass in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen in Nahost antisemitische Äusserungen zunehmen, kennen wir zwar. Das ist schlimm genug. Doch diesmal ist die Situation gravierender.

Seit Juli ist die Anzahl der uns gemeldeten antisemitischen Vorfälle mehr als doppelt so hoch wie sonst in einem ganzen Jahr – soziale Medien noch nicht einmal eingerechnet. Auch die Tonlage ist hemmungsloser geworden: Wir erhalten Briefe, in denen bedauert wird, dass «Hitler nicht alle Juden vergast» hat. Auf Facebook lesen wir reihenweise Kommentare wie «nur ein toter Jude ist ein guter Jude», die erst noch viel Zustimmung erhalten. Alte antisemitische Vorurteile bezüglich der «Weltverschwörung der Juden» werden hervorgeholt. Auch zu Beschimpfungen, Gewaltandrohungen und Tätlichkeiten ist es gekommen. Nicht wenige unter uns sind um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder besorgt.

Das alles hat mit einer politischen Debatte überhaupt nichts zu tun. Es ist nichts anderes als menschenverachtender, gemeiner Judenhass. Es darf nicht sein, dass eine solche Haltung in unserem Land toleriert oder gar salonfähig wird!

Verschiedene Medien haben über das Thema berichtet, und viele Mitbürger sind ebenso entsetzt wie wir und haben dies auch kundgetan. Für diese Solidarität sind wir dankbar – sie tut gut. Aber es geht nicht nur um uns Juden: Solche Tendenzen schaden unserer ganzen Gesellschaft, sie vergiften das Klima und bedrohen das friedliche Zusammenleben in unserem Land. Wer weiss schon, wer als nächster dran ist.

Sehr hätten wir uns gewünscht, dass mehr als nur ein paar wenige Politiker, auch Vertreter muslimischer und anderer religiöser Gemeinschaften, die antisemitischen Tendenzen in aller Deutlichkeit verurteilt hätten. Das ist bis jetzt über weite Strecken ausgeblieben. Ich fordere insbesondere auch den Bundesrat auf, ein klares Zeichen zu setzen und Massnahmen zu ergreifen. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) engagiert sich seinerseits mit rechtlichen Mitteln und setzt sich mit seinen Mitstreitern auf allen Ebenen ein, den neu entflammten und deutlich sichtbarer gewordenen Antisemitismus im Keim zu ersticken.

Auch wenn es nur wenige Akteure sind: Diesen Hass zu ertragen ist schwer. Die Situation geht an den meisten von uns nicht spurlos vorbei. Umso mehr müssen wir, gerade als kleine Minderheit in diesem Land, selbstbewusst sein, uns wehren und für unsere Rechte eintreten. Wir dürfen auch nicht in den Chor jener einstimmen, welche die Ereignisse kleinreden wollen. Jetzt wieder zur Tagesordnung überzugehen, nur weil die Welle – vorerst – etwas abgeebbt ist, wäre ein völlig falsches Signal. Wir bewegen uns auf dünnem Eis, und die nächsten Fälle kommen bestimmt.

An alle Menschen in unserem Land, ganz gleich welcher Religion, Ethnie oder Herkunft, ergeht mein Appell: Lasst Rassismus und Antisemitismus, in welcher Form auch immer, nicht zu!

Herbert Winter, Präsident Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG)



Kategorien:News

Schlagwörter:, , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: