Der neue Trend zur alten Kibbuz-Idee


Israel = Kibbuz: Die Idee der solidarischen und sozialistischen Dorfgemeinschaft prägt das Land schon seit Beginn der jüdischen Einwanderung nach Palästina. Dabei leben heute nur noch etwa 120.000 Menschen in einem Kibbuz, etwa 1,8 Prozent der Bevölkerung. Doch jetzt entdecken besonders junge Familien die Vorteile dieser alten Idee neu.

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Harte Feldarbeit in einem Kibbuz in Israel: Die Idee der solidarischen Dorfgemeinschaften hat sich stark gewandelt. (picture alliance / dpa / Heidi Sternberg)

Amir zeigt auf eine Reihe von Häusern mit zwei Stockwerken direkt vor ihm. In dieser Gegend von Kibbuz Gal’ed wohnen Familien mit kleinen Kindern. Gerade entsteht in der Mitte des Viertels ein neuer Platz – mithilfe eines Schaufelradladers.

„Das ist die perfekte Umgebung, um Kinder aufzuziehen. Die Kinder können frei herumlaufen. Sie kennen alle Gesichter, sie sehen jeden Tag dieselben Leute. Sie haben also keine Angst und sind sehr viel selbstständiger. Wir unternehmen zudem sehr viel gemeinsam. Es ist eine sehr sichere und unheimlich freie Umgebung.“

Was Amir sagt, entspricht in etwa dem, was auch Eltern in Deutschland erklären, wenn sie mit der Familie von der Stadt aufs Land ziehen. Amir lebt mit seiner Frau und den drei Kinder seit acht Jahren in Gal’ed im Norden von Israel. So, wie viele junge Israelis, haben sie das Leben im Kibbuz neu entdeckt.

Ursprünge im Beginn der jüdischen Einwanderung nach Palästina

Die Idee des Kibbuz‘ reicht zurück zum Beginn des 20. Jahrhunderts, als Einwanderer aus Russland kommunistische Ideen nach Nahost brachten. Es entstanden landwirtschaftliche, jüdische Gemeinschaften im osmanischen Palästina, in denen es kein Privateigentum gab. Und in denen das Leben gemeinschaftlich organisiert wurde – im Kollektiv. Jeder sollte nach seinen Möglichkeiten geben und nach seinen Bedürfnissen Leistungen erhalten.

Gal’ed ist heute einer der wenigen Kibbuzim in Israel, in denen diese Idee immer noch gilt. Allerdings mit einigen Neuerungen, erklärt die Vorsitzende des Gemeinschaftsrats, Bodil. So lebt der Kibbuz Gal’ed nicht mehr vorwiegend von der Landwirtschaft, sondern ist an einem Unternehmen beteiligt, das sich am internationalen Markt orientieren muss:

„Ein kommunaler, sozialistische Kibbuz übernimmt inzwischen auch viele absolut kapitalistische, liberale Verhaltensweisen. Das ist keine philanthropische Gemeinschaft. Das ist eine Gemeinschaft, die ihre Existenz sichern muss, die Geld verdienen muss. Das ist ein Business in jeder Hinsicht. Eine kommunale Wirtschaftsorganisation.“

Tama heisst die Firma, deren Erlöse das kommunale Leben in Gal’ed finanzieren. Das Unternehmen entwickelt Plastiknetze für die Landwirtschaft und produziert weltweit. Es sind Netze, mit denen Heu, Grass, Stroh oder Baumwolle in Ballen zusammengehalten werden.

Das Geschäft läuft ausgezeichnet. Deshalb sei die Lebensqualität in Gal’ed hoch, sagt Bodil. Nicht so hoch wie in Dänemark, wo sie geboren worden ist, aber doch gut, erklärt die Vorsitzende des Gemeinschaftsrats.

Kibbuzim mussten sich wandeln

Diese Veränderung von landwirtschaftlichen Genossenschaften zu Dörfern mit Industriebeteiligung haben nicht alle Kibbuzim überstanden. In den 70er-Jahren gingen viele Kollektive schlicht Pleite. Andere wurden privatisiert, also zu ganz normalen Dörfern, in denen der Speisesaal heute wie eine private Kantine funktioniert.

Auch deshalb ist der traditionelle Speisesaal in Gal’ed durchaus etwas Besonderes: Täglich wird Mittagessen angeboten. Ein grosses Buffet mit Salaten, Hauptgerichten und Dessert. Zwei Mal in der Woche können die 210 Bewohner auch am Abend gemeinsam essen.

Das Essen kostet nichts, denn innerhalb der Gemeinschaft gelten in Gal’ed die alten wirtschaftlichen Prinzipien: Kein Mitglied des Kibbuz verdient ein Gehalt, aber alle erhalten ein persönliches Budget. Die Vorsitzende Bodil verfügt im Monat über etwa 600 Euro:

„Mitglieder im Kibbuz Gal’ed bekommen ein persönliches Budget, das für jedes Mitglied gleich hoch ist. Es ist an die Zahl der Kinder in der Familie angepasst. Davon kauft man Duschbad, Zahnpasta, Putzmittel, Möbel, Elektrogeräte wie Fernseher und Computer. Essen bekommt man dagegen vor allem im gemeinsamen Speisesaal. Das heisst, wenn ich Camembert essen will, dann muss ich den selbst kaufen. Oder Spargel oder alles andere, was nicht auf der regulären Speisekarte steht.“

Kibbuzim bieten wirtschaftliche Sicherheit

Zu den grössten Vorteilen des Kibbuz gehört die wirtschaftliche Sicherheit. Niemand kann arbeitslos werden. Die Schulen der Kibbuzim gelten nach wie vor als die besten in Israel. Früher war das mit ein Grund, dass in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung die Mehrheit hoher Militärs und bedeutender Politiker aus Kibbuzim stammten. Und auch heute erzieht das Leben im Kibbuz zum Dienst an der Gemeinschaft. Zudem gibt es für Mitglieder eine organisierte Altersversorgung, niemand bleibt im Kollektiv allein und jeder hat ein Dach über dem Kopf.

Und so sind in den vergangenen drei Jahren in Gal’ed 40 Familien dazu gekommen, erzählt Bodil. Wobei die Aufnahme neuer Bewohner zwei Jahre dauern kann. Am Ende einer Probephase sind alle Mitglieder des Kibbuz aufgerufen, über die Neuen abzustimmen. Dürfen sie bleiben oder müssen sie wieder gehen?

Freiwillige Dienste der Bewohner

Dass der Kibbuz wächst, wird an vielen Stellen deutlich: Das Kollektiv lässt Häuser sanieren, baut an anderer Stelle neue und einige Plätze werden neugestaltet. Auf die Frage nach den Nachteilen fällt Amir deshalb auch nicht viel ein: Vielleicht, dass ihm die grossen Entscheidungen vom Kollektiv abgenommen werden. Er könne nie allein entscheiden, sagt der Familienvater. Aber das sei ihm nicht so wichtig, ebenso wenig, wie viel Geld oder ein eigenes Auto:

„Mir ist meine Familie wichtiger. Auch die Karriere ist weniger wichtig. Es ist mir schon wichtig, mich zu verwirklichen, aber das Gehalt ist weniger wichtig. Der Kibbuz kümmert sich um die wirtschaftliche Sicherheit und gibt uns die Möglichkeit, uns professionell zu entwickeln.“

Neben seiner Arbeit bei der Tama gehören zu Amirs Aufgaben auch freiwillige Dienste wie die Arbeit im Speisesaal, Dienste als Wachmann zur Sicherheit des abgezäunten Kibbuz und nicht weniger wichtig: Kühe melken. Denn die Landwirtschaft haben sie in Gal’ed nie aufgegeben.

Als Vorsitzende der Gemeinschaft fällt Bodil dann aber doch noch etwas ein, was regelmässig für Ärger sorgt: Die sehr unterschiedlichen Wohnverhältnisse sind es. Zwischen Bungalow und Villa mit roten Dachziegeln variiert das Angebot im Kibbuz:

„Über die Wohnungen wird gestritten. Vor allem über die Häuser mit den roten Dächern. Wie viele gebaut werden und warum nicht mehr gebaut werden. Das ist das heisseste Eisen hier. Beim Essen schmeckt es den einen und den anderen nicht. Aber über die Häuser wird am häufigsten gestritten.“

Ganz leicht ist das Leben in der Gemeinschaft also auch im Kibbuz nicht immer. Aber für viele Israelis offenbar etwas sorgenfreier. Derzeit leben etwa 120.000 Israelis in Kibbuzim. (Torsten Teichmann, Deutschlandfunk)

 



Kategorien:Gesellschaft

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