Am Shabbat bleibt das Stadion leer


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Fans von Beitar Jerusalem © AFP/Getty Images

Israels Orthodoxe nehmen es mit mächtigen Gegnern auf: dem Fussball und seinen Fans. Am Samstag soll nicht mehr gespielt werden, das würde den Verband auch Geld kosten.

Der Samstag ist in Israel den ruhigen Dingen gewidmet. Es ist Familienzeit, Soldaten kehren nach Hause, einem Besuch in der Synagoge folgt ein ausgedehntes Mahl mit der Familie. Am Ende des heiligen Sabbats wird in vielen Familien Fussball geschaut. Fussball am Sabbat, diese Gewohnheit ist älter als der Staat Israel selbst.

Doch die Feiertagsroutine hat einen Riss bekommen. Der Profifussball stand kurz vor einem Verbot und steht es noch immer ein bisschen. Fromme Fussballer aus der Zweiten Liga hatten geklagt. Für sie ist ihr Beruf nicht mit der strengen Auslegung einer Sabbat-Ruhe vereinbar. Die Spieler zogen vor ein Arbeitsgericht und bekamen Unterstützung von der mächtigen Histadrut-Gewerkschaft.

Ende August gab das Gericht den Fussballern Recht und entfachte eine Debatte über den wachsenden Einfluss der Religion auf Leben und Alltag. Die Sabbat-Ruhe ist schon lange ein Konflikt. Im Sommer regten orthodoxe Kräfte an, in Jerusalem die letzten geöffneten Kioske zu schliessen. Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr waren ebenfalls Teil der Auseinandersetzung.

In kaum einem anderen Gesellschaftsbereich aber attackierte die wachsende Zahl der orthodoxen Israelis die Säkularen so direkt wie es die Fussballer versucht haben. Israels Gesellschaft fragt sich nun, ob eine Minderheit einer Mehrheit ihren Willen aufzwingen darf.

Streng genommen ist Fussballspielen am Samstag nun eine kriminelle Handlung. Denn, so will es das jüdische Recht, wer am Sabbat arbeiten möchte, benötigt eine Ausnahmegenehmigung. Der Wirtschaftsminister Arye Deri ist aber nicht bereit, diese für Fussballer zu geben. Seine orthodoxe Schas-Partei kämpft für die Einhaltung des jüdischen Rechts.

Der israelische Fussballverband griff zu einem drastischen Mittel und drohte mit einem Boykott aller Spiele, weil er ein Ende des Fussballs am Samstag nicht akzeptieren will. Sogar der Staatspräsident Reuven Rivlin schaltete sich ein und forderte eine Fortsetzung der Spiele am Sabbat. Erst durch den Schiedsspruch des Generalstaatsanwalts Yeuhda Weinstein vor vier Wochen wurde der Boykott abgewendet, Fussball am Sabbat wird erstmal fortgesetzt.

Aber damit ist die Sache nicht erledigt. Die Frage, wie der Profisport mit religiösen Feiertagen umgeht, ist für James Dorsey Teil des grossen Konflikts der israelischen Gesellschaft. „Die Drohung eines Boykotts ist eine neue Stufe“, sagt er. Der Politikwissenschaftler und Co-Direktor des Instituts für Fankultur in Würzburg analysiert Politik und Sport im Nahen und Mittleren Osten auf seinem Blog Mideastsoccer. Fussball sei in Israel immer politisch gewesen, sagt er, „ein Ringen zwischen religiösen und weltlichen Einfluss auf den Fussball aber ist neu“.

Geht es nach dem Fussballverband, soll sich der Fussball auch künftig dem religiösen Zugriff entziehen. „Tausende spielen jede Woche, zehntausende verdienen ihr Geld damit und hunderttausend verfolgen den Sport am Samstag“, äusserte sich der Verband in einer Videobotschaft auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen. Für ihn stehen auch wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel. Nur am arbeitsfreien Sabbat werden die Stadien voll und die TV-Quoten blieben hoch.

Eine endgültige Entscheidung steht aus, der israelische Fussball ist in einem Zustand der Unsicherheit. Das Verbot des Arbeitsgerichts gilt weiterhin, genauso wie der vom Generalstaatsanwalt ausgerufene Status quo, es zu ignorieren. Zwei Monate hat sich ein Ausschuss unter der Leitung der Kultur- und Sportministerin Miri Regev gegeben, um eine Lösung zu erarbeiten.

Regev liess durchblicken, dass sie einen Kompromiss anstrebt, der es frommen Spielern ermöglicht, selbst zu entscheiden, ob sie spielen wollen oder nicht. Das wirft Fragen auf: Bleiben nur einzelne Spieler den Spielen fern, wie es schon vereinzelt geschieht? Oder tritt das ganze Team nicht an? Für den Verband ergäben sich enorme Probleme bei der Terminansetzung. Von einem Fussball-Verbot am Sabbat wären auch mehr als 30.000 Amateurspieler betroffen.

Der Verband hat Mitstreiter. Die liberale Zeitung Haaretz wertet das Gerichtsurteil als einen Eingriff in das säkulare Leben und fordert, auch den von Regev geplanten Jeder-wie-er-möchte-Kompromiss zu verwerfen. Nur dann wäre die Bedrohung des säkularen Lebens abgewendet. Doch Dorsey sagt: „Warum sollten die Religiösen nun den Ball fallen lassen? Sie erleben gerade etwas wie einen Aufstieg.“

Der Lieblingsverein des Staatspräsidenten Rivlin, Beitar Jerusalem, hat hingegen angekündigt, seine Spiele diese Saison nicht mehr am Sabbat auszutragen. Traditionell ist der Klub die Heimat vieler Konservativer. Andere Klubs könnten dem Beispiel folgen, fürchten säkulare Kräfte. Auffällig wurde der Klub auch deshalb, weil seine mächtige Fangruppe „La Familia“ Muslime rassistisch beleidigte. Der Verein ist deshalb einer der Gründe, warum sich der Weltverband Fifa mit dem israelischen Fussball beschäftigt. Seit einem Monat überwacht ein Komitee unter anderem, ob der israelische Verband konsequent gegen den Rassismus von Beitar Jerusalem vorgeht. Der Klub weigert sich, muslimische Spieler zu verpflichten.

Das von der Fifa eingesetzte Komitee ist das Ergebnis eines Deals, den der scheidende Fifa-Präsident Sepp Blatter initiiert hat. Palästina hatte Israels Ausschluss gefordert, „dafür gab es sogar eine beachtliche, wenn auch nicht entscheidende Mehrheit“, sagt Dorsey. Auf dem Kongress Anfang Juni aber machte Israel den Palästinensern weitreichende Zugeständnisse, Palästina zog seinen Antrag zurück. Obwohl Palästina kein von den Vereinten Nationen anerkannter Staat ist, besitzt es eine Fifa-Mitgliedschaft. Und die nutzt es zur Politik. Eine der Forderungen: Spieler aus dem Gazastreifen sollen ins besetzte Westjordanland fahren dürfen, um Spiele auszutragen.

Palästina fordert noch mehr, und im Februar findet der nächste Fifa-Kongress statt. Neben der Wahl eines neuen Präsidenten wird es auch um die Ergebnisse des Komitees gehen, das Israel überwacht. Israel kann sich eigentlich keine Verfehlungen erlauben. „Die moralische Messlatte, die man an andere anlegt, wäre mit einer Fifa-Sanktion enorm beschädigt“, sagt James Dorsey. Der Verband muss handeln. Und nehmen auch die Einflussversuche der religiösen Gruppen weiter zu, stehen dem israelischen Fussball schwierige Zeiten bevor. (Zeit Online)



Kategorien:Sport

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