Das neue Gesicht des getarnten Judenhasses


Die gefährlichste Form des Antisemitismus ist nicht die, die sich offen erklärt. Es ist jene, die sich in Argumenten versteckt, die vernünftig klingen und Menschen nicht abstösst, sondern überzeugt.

Kritik an Israel ist berechtigt. Demokratien laden zur Prüfung ein. Regierungen können herausgefordert werden. Doch was seit dem 7. Oktober 2023 an die Oberfläche geschwemmt wurde, ist keine Kritik mehr, es ist etwas strukturell anderes.

Es gibt eine Grenze. Und wer sie einmal erkannt hat, kann nicht mehr so tun, als wüsste er es nicht.

Die IHRA-Definition als Seismograph

Die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) konzentriert sich nicht nur auf offenen Hass. Sie erkennt Muster: Verschwörungsbehauptungen über jüdische Macht, Doppelstandards, die ausschliesslich für Israel gelten, und Erzählungen, die Komplexität leugnen, um starre Täter-Opfer-Rollen zu zementieren. Diese Muster sind keine Einzelfälle. Sie sind wiederkehrende Strukturen — und seit dem 7. Oktober wurden sie nicht einfach reaktiviert. Sie wurden normalisiert.

Der 7. Oktober 2023 hätte ein Moment moralischer Klarheit sein sollen. Über 1.200 Menschen wurden von der Hamas ermordet, gefoltert und vergewaltigt. Die Natur des Angriffs war nicht komplex, nicht mehrdeutig. Und doch wandte sich grosse Teile des öffentlichen Diskurses innerhalb weniger Tage der Rechtfertigung, Relativierung und Umkehrung zu. Die Opfer wurden «kontextualisiert». Die Täter wurden «erklärt». Die Verantwortung verschwamm.

Das ist kein Versehen. Das ist ein Muster.

Zahlen, die alarmieren

Die Datenlage ist eindeutig. In Deutschland erreichte die Zahl antisemitischer Straftaten 2024 mit 6.236 Delikten einen neuen Höchststand seit Beginn der Erfassung — ein weiterer Anstieg von über 20 Prozent gegenüber dem bereits erschreckend hohen Vorjahreswert. Gleichzeitig wurden 173 Gewalttaten registriert, 17 Prozent mehr als 2023. Auffällig dabei: Erstmals fiel der Anteil rechtsextrem motivierter Taten auf unter 50 Prozent. Ausländische Ideologie — darunter islamistisch geprägte Weltanschauungen — stieg zur zweitgrössten Kategorie auf.

  • 6.236  antisemitische Straftaten in Deutschland 2024 — neuer Höchststand (Quelle: PMK-Statistik, Bundesregierung)
  • 400 %+  Anstieg antisemitischer Vorfälle in Teilen Europas seit Oktober 2023 (Quelle: FRA, EU-Agentur für Grundrechte, Juli 2024)
  • 76 %  der jüdischen Menschen in der EU verbergen ihre Identität zumindest gelegentlich aus Sicherheitsgründen (Quelle: FRA-Umfrage 2024)

In Österreich dokumentierte die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien für 2024 insgesamt 1.520 Vorfälle — ein Anstieg von 32,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Wert seit Beginn der systematischen Erfassung. Rund 68 Prozent dieser Vorfälle ereigneten sich im digitalen Raum.

Auf EU-Ebene zeigt eine Erhebung der Agentur für Grundrechte (FRA), dass 80 Prozent der befragten Jüdinnen und Juden in 13 EU-Staaten der Auffassung sind, der Antisemitismus habe in ihrem Land zugenommen — und das noch vor dem 7. Oktober. Seither melden manche jüdische Gemeinschaftsorganisationen Anstiege von über 400 Prozent. Drei von vier Befragten gaben an, für die Handlungen der israelischen Regierung persönlich verantwortlich gemacht zu werden, obwohl sie keinerlei Verbindung dazu haben.

Der weltweite Antisemitismusbericht 2024 der Universität Tel Aviv, der Daten aus 22 Ländern zusammenfasst, bestätigt den Trend: Der massive Anstieg von 2023 hat sich 2024 auf sehr hohem Niveau eingependelt — ohne erkennbare Entspannung.

Öffentliche Figuren als Vektoren

Es wäre bequem, den Antisemitismus auf dunkle Ecken des Internets oder auf randständige Gruppen zu reduzieren. Doch das Problem sitzt heute in Anzug und Krawatte — und trägt mitunter UN-Abzeichen.

Francesca Albanese ist keine Kommentatorin am Rand. Als Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die palästinensischen Gebiete geniesst sie internationale Legitimität und Sichtbarkeit. Wenn sie die amerikanische Israelpolitik der «jüdischen Lobby» zuschreibt, bietet sie keine politische Analyse an. Sie reproduziert ein klassisches Verschwörungsmotiv: die Behauptung, Juden würden als Gruppe unsichtbar Regierungen steuern. Und wenn sich in ihren Berichten Israel stets als dauerhafter Unterdrücker erweist — ohne Ausnahme, ohne Anerkennung des Hamas-Terrors, ohne Nuancierung — dann ist das keine Analyse mehr. Es ist ideologische Fixierung, die genau jene Doppelstandards verkörpert, die die IHRA-Definition als antisemitisch qualifiziert.

Tucker Carlson, ehemals meistgesehener Moderator im amerikanischen Kabelnachrichtengeschäft, illustriert einen anderen Vektortyp. Seit seinem abrupten Abgang bei Fox News im April 2023 hat er Plattformen in Ländern gesucht und gefunden, die jenseits der Mainstream-Kritik operieren — darunter Auftritte im Zusammenhang mit Katar. Seine Botschaft integriert zunehmend Narrative über verborgene Kräfte, die Gesellschaft und Medien kontrollieren. Die Sprache entwickelt sich. Das Muster nicht.

Codes, Chiffren und Anspielungen — das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz hat dieses Phänomen in seinem jüngsten Lagebild explizit dokumentiert. Begriffe wie «Globalisten» oder «Finanzéliten» funktionieren als Euphemismen, die im öffentlichen Diskurs zirkulieren, ohne ihre antisemitische Kernstruktur explizit zu benennen. Hinzu kommt eine neue Entwicklung: KI-generierte antisemitische Bilder, die vor allem in rechtsextremen Milieus rasant verbreitet werden.

Die Schweiz: kein Sonderfall

Die Schweiz pflegt gerne das Selbstbild der neutralen Insel — eines Landes, das Extremen gegenüber immun ist. Die Daten der letzten Jahre zeichnen ein anderes Bild.

Laut dem Antisemitismusbericht 2024 des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus wurden in der realen Welt 221 antisemitische Vorfälle dokumentiert — 42,5 Prozent mehr als im Vorjahr und 287 Prozent mehr als noch 2022. Elf davon waren körperliche Tätlichkeiten. Vor dem 7. Oktober 2023 war in der Schweiz in einem durchschnittlichen Jahr allenfalls eine einzige Tätlichkeit registriert worden. SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner sprach von einem Dammbruch.

Das erschreckendste Einzelereignis dieses Zeitraums: Im März 2024 griff ein islamistisch radikalisierter Jugendlicher in Zürich einen orthodoxen Juden mit einem Messer an und verletzte ihn lebensbedrohlich. Das Opfer überlebte nur mit Glück. Kreutner kommentierte die Gesamtentwicklung nüchtern: «Der Antisemitismus hat in der Schweiz die Strasse erreicht — auf einem Niveau, wie man es aus anderen europäischen Ländern kennt.»

  • 287 %  Anstieg antisemitischer Vorfälle in der Schweiz 2024 gegenüber 2022 (Quelle: SIG/GRA Antisemitismusbericht 2024)
  • 2.185  Online-Vorfälle in der Schweiz 2025 — Anstieg von 37 % gegenüber 2024 (Quelle: SIG/GRA Antisemitismusbericht 2025)

Der Antisemitismusbericht 2025 — publiziert im Februar 2026 — zeigt: Während die Zahl physischer Vorfälle leicht auf 177 zurückging, schoss der Online-Antisemitismus um 37 Prozent auf 2.185 Fälle hoch. Dieser Rückgang in der realen Welt darf nicht als Entspannung gelesen werden. Die Vorfallszahl liegt weiterhin rund dreimal höher als vor dem 7. Oktober 2023. In Luzern und Davos wurden orthodoxe Juden geschlagen und herumgeschubst; in Zürich wurde eine jüdisch-orthodoxe Frau mit Steinen beworfen.

42 Prozent aller online erfassten Vorfälle bestanden aus antisemitischen Verschwörungstheorien — genau jener getarnten Form des Judenhasses, um die es in diesem Artikel geht. Rechtsextreme, linksextreme, islamistische und radikal pro-palästinensische Milieus traten gleichermassen als Tätergruppen auf, ebenso Akteure aus der gesellschaftlichen Mitte. Antisemitismus ist in der Schweiz keine Randerscheinung. Er ist milieu-übergreifend.

Der Bundesrat hat den Anstieg offiziell als «ernsthafte Herausforderung für den sozialen Zusammenhalt und die Sicherheit» bezeichnet — hält aber zusätzliche Massnahmen gegenwärtig für nicht notwendig. Diese Zurückhaltung ist schwer nachvollziehbar angesichts von Zahlen, die seit 2022 um fast 300 Prozent gestiegen sind.

Politischer Ton und gesellschaftliche Wirkung

Spanien unter Pedro Sánchez bietet ein weiteres Lehrbeispiel dafür, wie politischer Ton soziale Realität formt. Seit Kriegsbeginn hat sich die offizielle spanische Rhetorik in eine Richtung entwickelt, die Israel nicht als einen Staat unter vielen, sondern als einzigartig verantwortlich darstellt — mit absoluter Rahmung, ohne Grautöne. Gleichzeitig meldeten jüdische Gemeinden in Spanien deutlich steigende Vorfallzahlen.

Der politische Ton ist kein blosser Ausdruck von Meinungsfreiheit. Er sendet ein Signal darüber, was gesellschaftlich akzeptabel ist. Wenn Führungspersonen Narrative übernehmen, die Komplexität ausschliessen und kollektive Schuld zuschreiben, bleibt das nicht auf die Aussenpolitik beschränkt. Es schafft ein Klima, in dem Feindseligkeit leichter zu rechtfertigen ist — auch gegenüber Jüdinnen und Juden, die seit Generationen Teil der europäischen Gesellschaft sind.

An Universitäten in den USA und Europa verdichten sich Berichte über Ausgrenzung, Einschüchterung und strukturelle Feindseligkeit gegenüber jüdischen Studierenden. Laut einer aktuellen Eurobarometer-Erhebung gaben 70 Prozent der befragten Lehrkräfte an, keine professionelle Schulung erhalten zu haben, um modernen Antisemitismus zu erkennen und anzugehen.

Das Muster erkennen

Hören wir also auf, allgemein zu sprechen — und schauen wir auf die Struktur.

Wenn Politik durch Verweise auf «die jüdische Lobby» ersetzt wird. Wenn komplexe Konflikte auf einseitige Narrative reduziert werden. Wenn verborgene Kräfte anstelle von Belegen beschworen werden. Wenn Israel nach Massstäben beurteilt wird, die auf kein anderes Land angewendet werden — dann ist das keine Kritik mehr.

Es als Kritik zu bezeichnen, macht es nicht wahr.

Die gefährlichste Form des Antisemitismus ist nicht die, die sich offen erklärt. Es ist jene, die sich in Argumenten versteckt, die vernünftig klingen. Denn diese Argumente stossen Menschen nicht ab. Sie überzeugen sie.

Die Worte sind modern. Die Darbietung ist poliert. Aber das Muster ist alt. Und wer es einmal gesehen hat, kann nicht mehr so tun, als wüsste er es nicht.

Chaim Stolz



Kategorien:Gesellschaft

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