Selfmade-Milliardär rollt Europas Telekommarkt auf


Patrick Drahi kauft für 17 Milliarden Euro die Vivendi-Mobilfunktochter SFR. (REUTERS)

Patrick Drahi kauft für 17 Milliarden Euro die Vivendi-Mobilfunktochter SFR. (REUTERS)

Der europäische Telekom- und Kabelsektor ist ohnehin schon unübersichtlich. Mit Carlos Slim aus Mexiko und John Malone aus den USA greifen immer wieder reiche Milliardäre aus dem Ausland in die tobende Konsolidierung der Branche ein. Nun haben sie einen weiteren Mitspieler: Den französisch-israelischen Unternehmer Patrick Drahi. Und das, obwohl ihn manche lange Zeit für nicht reich genug hielten.

Drahi hatte aber – zunächst auch ohne grosses Vermögen – Erfolg. Im November 2012 klopfte er bei Jean-René Fourtou an, dem Verwaltungsratsvorsitzenden des französischen Mischkonzerns Vivendi VIV.FR -0,44%. Er wollte die Vivendi-Mobilfunktochter kaufen. Doch er fand nur Ablehnung. „Sind Sie verrückt?“, fragte Fourtou. „Das ist nicht Ihre Liga“. Drahi könne gar nicht genug Geld für eine solche Transaktion auftreiben. Über dieses Gespräch berichten informierte Personen.

Weniger als zwei Jahre später hatte der Selfmade-Unternehmer die 17 Milliarden Euro für die Vivendi-Tochter SFR zusammen. Mit Krediten, Junk-Bonds und im Tausch gegen Aktien schaffte er mit seinem Investmentvehikel Altice den Sprung auf den französischen Mobilfunkmarkt. Er schlug dabei den etablierten Wettbewerber Bouygues, EN.FR +2,88%Frankreichs drittgrösster Mobilfunkanbieter, aus dem Feld. 

In der anstehenden Konsolidierung der Branche will Drahi nun mitspielen. Vor grossen Namen wie Telefónica oder Vodafone VOD.LN +1,40%hat der gebürtige Marokkaner dabei keine Angst. Er sieht sich als Spielverderber, den niemand auf dem Plan hat. 

„Ich habe ehrgeizige Ziele“, sagt Drahi in seinem ersten Interview seit der Übernahme von SFR Anfang April. „Da ist ein grosses Spiel in der Konsolidierung der europäischen Telekommärkte im Gange, und wir könnten eine Rolle darin spielen.“

Seine Unternehmen sind hoch verschuldet

Europas Telekommärkte sind stark fragmentiert. Doch die Branche gerät in Bewegung. Zahlreiche Fusionen und Übernahmen haben schon stattgefunden, über 45 Milliarden Euro sind allein dieses Jahr in Transaktionen in die eine oder andere Richtung geflossen. Das ist das höchste Volumen seit dem Jahr 2000. Trotz der Vorbehalte von Kartellbehörden mancherorts erwarten Branchenexperten und Analysten weitere grosse Deals.

Drahi kündigt nun an, weiter in den Märkten zuzukaufen, in denen er bereits aktiv ist. Das sind Belgien, Portugal und Israel. Er ist aber auch an Übernahmen in weiteren Ländern Europas interessiert – hier nennt er auch Deutschland. „Warum nicht auch Mittel- und Südamerika?“, fragt er.

Einfach wird das alles nicht: Sein Luxemburger Investmentvehikel Altice und seine französische Numericable Group NUM.FR +0,27%werden nach Abschluss des SFR-Kaufs hoch verschuldet sein. Der Handlungsspielraum des 50-jährigen Geschäftsmanns ist gering. Er will und muss angesichts eines harten Wettbewerbs die Kosten reduzieren, gleichzeitig hat Drahi den Erhalt der Arbeitsplätze in Frankreich versprochen. 

Drahi tritt gegen potente Kontrahenten an. Unternehmen wie Vodafone oder Liberty Global LBTYA +0,11%von John Malone haben tiefe Taschen. Sie alle setzen auf das neudeutsch „Quad Play“ genannte Angebot von gleich vier Dienstleistungen: Breitband, Mobilfunk, Festnetz und Fernsehen – alles mit einem Vertragsabschluss. 

Sohn eines Mathematiklehrers

Telekom-Analyst Javier Borrachero von Kepler Cheuvreux schätzt die Ambitionen von Drahi als sportlich ein: Seine Gegner seien ziemlich „dicke Fische“, findet der Analyst. Drahi habe aber schon beweisen, dass er langfristig denkt und einen langen Atem hat. Deshalb seien Überraschungen jederzeit möglich. 

Drahi steht auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen dieser Erde kurz vor dem Einzug in die Top 100. Dabei fing er klein an. Als Vertreter tingelte er von Tür zu Tür, um den Bewohnern Kabelverträge anzudrehen. Aus dieser Zeit stammt auch sein Leitsatz: „Fang immer mit dem Kabel an.“

Als Sohn eines Mathematiklehrers besuchte Drahi einige der besten Ingenieursschulen Frankreichs, zum Beispiel die École Polytechnique. Anders als seine Kommilitonen heuerte er dann aber nie bei den Grosskonzernen oder Behörden Frankreichs an.

Schon als 20-Jähriger sagte Drahi am Ende eines Praktikums bei der Bahn SNCF zu seinem Ausbilder: „Ich werde niemals hier arbeiten. Ich will mein eigenes Ding machen“, erinnert sich sein damaliger Klassenkamerad Olivier Huart, der nun als Chef für den Sender TDF arbeitet. „Patrick hat keine Hemmungen. Wenn er etwas will, sagt er es und tut es.“

Vorbild für Drahi ist der Kabelmagnat Malone, der sich durch Zukäufe ein Kabel-Imperium aufbaute. So begann auch Drahi in den 1990er Jahren damit, kleine Kabelnetze im Süden Frankreich zu kaufen. Kurz arbeitete der heutige Unternehmer sogar in einer Vorgänger-Firma des Malone-Konzerns Liberty. Dann liess er sich jedoch ausbezahlen und nutzte das Geld als Grundstock für den Kauf eines eigenen Kabelnetzes. Ab 2004 halfen ihm dabei Beteiligungsgesellschaften. Alle Kabelgeschäfte wurden dann im Unternehmen Numericable zusammengeführt. 

Erfolge in Israel als Testlauf für Frankreich

Seine Pläne wurden dann immer grösser. Er sprach mit den Mobilfunkunternehmen SFR, Bouygues Telecom und Iliad über einen Zusammenschluss oder einen teilweisen Verkauf. Doch niemand wollte anbeissen.

Deshalb setzte Drahi in Israel fort, was ihm in Frankreich zunächst misslang. Im Jahr 2009 kaufte er das Kabelunternehmen Hot, später fusionierte er die Firma mit einem Mobilfunkanbieter – ein erster Test für seine späteren Pläne in Frankreich. In Paris müssen allerdings noch die Kartellbehörden dem Zusammenschluss von Numericable und SFR zustimmen.

Nach seiner Abfuhr im Jahr 2012 bei Fourtou wusste Drahi, dass er mehr Finanzkraft braucht. In zwei Börsengängen erlöste er für Anteile an Numericable und Altice rund 2 Milliarden Euro. Hinzu kamen dann 16 Milliarden Euro, die er über verschiedene Anleihen und Kredite zusammenbekam.

Jetzt, direkt nach der Übernahme ist Drahi klar, dass er nicht sofort die nächste Grossübernahme stemmen kann. Der Manager sagt, Altice werde möglicherweise zwei Jahre warten müssen, bevor der nächste Zukauf möglich wird. Zunächst müsse sich das Unternehmen darauf konzentrieren, das französische Geschäft miteinander zu verzahnen. 

Die hohen Schulden sind für Drahi jedenfalls kein Hindernis für weitere Zukäufe. „Ich bleibe nachts nicht wegen der hohen Schulden wach. Sorgen macht mir nur Geld, das ungenutzt rumliegt“, sagte Drahi einmal auf einem seiner regelmässigen Flüge nach Tel Aviv.

Drahi drängt in die Elite vor

Als Aussenseiter beim Übernahmekampf um SFR unterscheidet sich Drahi auch sonst von der französischen Elite. Während viele ranghohe Offizielle sich gerne in exklusiven Clubs treffen, bleibt Drahi zum Abendessen lieber zuhause in Genf oder Tel Aviv bei seiner Frau, mit der er seit 25 Jahren verheiratet ist. Seit seinem Einstieg bei SFR hat er aber an Reputation bei den französischen Eliten gewonnen.

Vivendi-Verwaltungsratsmitglied Henri Lachmann lobt den Manager öffentlich: „Drahi hat mich beeindruckt. Er ist wie ein Raubtier, das sich an seiner Beute festbeisst.“

Drahi weiss inzwischen, wie der Hase in Frankreich läuft. So traf er sich jüngst mit Präsident François Hollande, wie Informanten berichten. Er versprach, 10 Millionen Euro für Telekom-Eliteschulen zu spenden. Auch denkt er über Investments bei französischen Zeitungen nach – eine Art Initiationsritus, um in Frankreich zur Crème de la Crème der Geschäftswelt zu gehören. „In den letzten Monaten haben wir wohl einige überrascht“, sagt Drahi über sich selbst und ergänzt mit einem Grinsen: „Jetzt wird alles etwas ernster.“ (RUTH BENDER, Dow Jones)



Kategorien:Wirtschaft

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