Exodus – Keine Spiritualität, nirgends


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Joel Edgerton und Christian Bale spielen Ramses (links) und Moses. | © Fox Filmverleih

Bibel-Bombast von Ridley Scott: Der Film „Exodus“ erzählt die Geschichte von Moses und dem Auszug aus Ägypten als monströses Epos.

Fünf Minuten. So lange braucht Ridley Scotts neuer cineastischer Monumentalangriff, um den Zuschauer in eine katatonische Starre zu versetzen. Wie soll er sich auch gegen die bombastischen Panoramaaufnahmen von ägyptischen Riesenstatuen und endlosen Armeen im Wüstenstaub wehren, die ihn da schon bombardiert haben? Wie gegen die Carmina Burana-artigen Chorgesänge und die wagnerianische Symphonie-Sauce, die jeder Einstellung Erhabenheit einzuposaunen versucht und sich in die Gehörgänge drückt? Man könnte aus Protest die 3D-Brille absetzen, aber das sorgte nur für zusätzlichen Kopfschmerz.

Dann also in den folgenden zweieinhalb Stunden den Kopf einziehen und durchhalten, denn Ridley Scott bleibt für den Rest des Films bei seinem Vorhaben, den Zuschauer mit opernhaftem Pathos zu malträtieren. Was sich auf der Leinwand abspielt, ist die grösstmögliche Form von Pomp. Maximale äussere Prachtentfaltung bei maximaler innerer Leere. Exodus ist eine erzählerische, ästhetische und gedankliche Ödnis, grösser als die Wüste Negev.

Und der nur noch ermüdende Endpunkt des Regie-Konzepts der perpetuellen Überwältigung, das Scott spätestens mit seinem Kolumbus-Epos 1492 (1992) umzusetzen begann. Nichts erinnert hier mehr an die überwältigende Schönheit und brodelnde Dringlichkeit seines Debüts Die Duellisten (1977), nichts an die ungeheure Dichte und das unerreichbare Geheimnis seiner Sci-Fi-Klassiker Alien (1979) und Blade Runner (1982).

Zu Recht wird Ridley Scott bis heute für diese drei Meilensteine als Kino-Visionär gefeiert. Gleichzeitig ist er gnadenlos überschätzt. Nie wieder hat er diese frühe Grösse erreicht, auch nicht mit Publikumserfolgen wie Gladiator (2000). Scotts Neigung, Stil über Substanz zu stellen, hat zumindest seine historischen Epen zunehmend zu monströs überinszenierten Vehikeln seiner Selbstüberschätzung werden lassen.

Tricktechnische Exerzitien

Diesmal dient ihm also die alttestamentarische Geschichte von Moses für allerlei tricktechnische Exerzitien. Im Wesentlichen ist Exodus eine Neuverfilmung von Cecil B. DeMilles Klassiker Die zehn Gebote von 1956. Scott verzichtet auf die Vorgeschichte mit Weidenkörbchen und badender Pharaonentochter. Sein Film setzt mit dem erwachsenen Moses (Christian Bale) ein, der als grosser Feldherr mit Prinz Ramses II. (Joel Edgerton) auf Kriegszüge geht. Moses ist klüger und gewandter als sein engster Freund, der sich im Geheimen vor ihm fürchtet. Als Ramses selbst Pharao wird und von Moses’ wahrer, nämlich hebräischer Herkunft erfährt, schickt er ihn in die Verbannung. Moses wird Schafhirte, er heiratet und bekommt einen Sohn. Auf dem Berg Sinai erscheint ihm Gott als brennender Dornbusch und befiehlt ihm, das Volk Israel in die Freiheit zu führen. Erst als zehn Plagen sein Land verwüstet haben, lässt Ramses die Hebräer ziehen. Was folgt, ist bekannt: Teilung des Roten Meeres, Tanz ums goldene Kalb, Tafeln mit den zehn Geboten.

Lange galt eben diese Teilung des Roten Meeres im Film von 1956 als tricktechnische Pionierleistung, die auch Jahrzehnte später auf kleinen Fernsehbildschirmen noch für Erstaunen sorgte. Die Szene entstand damals unter unendlichen Mühen mit mechanischen und fotografischen Tricks, so wie die Dreharbeiten selbst ebenfalls monumental waren. Am Ende waren zwei Jahre vergangen und DeMille hatte einen Herzinfarkt erlitten.

Wenn schon auf nichts anderes, so verwiesen die Bilder von Die zehn Gebote doch wenigstens auf das Blut, den Schweiss und die Tränen, die in ihre Produktion flossen und ihnen so etwas wie Gravität verliehen. DeMilles Film war mit seinem naiven Theaterdonner sicher keine grosse Kunst, aber doch ein staunenswertes, buntes Märchen.

Wenn Ridley Scott endlich das Rote Meer teilt, hängt der Zuschauer längst völlig erschöpft im Sessel. Ausgelaugt von all den filmischen Kanonen, mit denen der Regisseur unentwegt auf Spatzen schiesst. Als wahre Pest erweist sich hier endgültig eine Kameraeinstellung, die extreme Totale, Weite oder Panorama genannt wird. Die Kamera kreist dabei wie ein Vogel am Himmel und blickt aus grosser Entfernung auf das Geschehen, mit Vorliebe Menschenmassen. Das tut sie seit ein paar Jahren in jedem Comic-, Fantasy- und Monumentalfilm, der etwas auf sich hält. Exodus aber prahlt damit enervierender als jeder Vorgänger. Ganze Sequenzen kleistert Scott damit zu, bis das dramatische Geschehen fast zum Erliegen kommt.

Schliesslich ist die grösste Einstellungsgrösse nicht dazu geeignet, psychologische Vorgänge zu zeigen. Die Figuren sind dazu schlicht viel zu weit von der Kamera entfernt. So wie Scott die extreme Totale einsetzt, berauscht sie sich, bar jeder Korrelation zwischen Signifikat und Signifikant, nur an ihrer eigenen Grösse. Nicht nur die gezeigten Landschaften, Städte oder Heere, die sie gespreizt ausstellt, stammen aus dem Rechner; die Aufnahme selbst wurde im Computer kreiert. So kommt der merkwürdig aseptische Computerspieleffekt zustande, der Exodus zum monumentalen Teflon-Drama mit Abperl-Garantie macht.

Bierernst trägt Scott die biblische Geschichte vor

Kein inneres Drama kommt hier in Gang. Es gibt keine menschlichen Konflikte, nur dramaturgische Behauptungen. Alles, jede einzelne Szene, ist auf pure Äusserlichkeit, auf Überwältigung hin inszeniert. Heute macht man sich über die Pappkulissen der Sandalenfilme der 1960er Jahre lustig. Aber die Kulissen von Exodus sind nicht weniger kulissenhaft. Was den Film von den alten Schinken unterscheidet, ist der Bierernst, mit dem Ridley Scott die biblische Geschichte vorträgt.

Eine Geschichte, die in der christlichen, jüdischen und muslimischen Mythologie gleichermassen eine herausragende Rolle spielt. Es gehe um eine spirituelle Suche, die zur Grössten aller Zeiten zähle, wird Scott denn auch im Presseheft zitiert. Spirituell aber ist nichts, gar nichts an Exodus. Darin gleicht der Film der anderen grossen Bibelverfilmung des Jahres, Darren Aronofskys Noah. Der vermied sogar das Wort „Gott“ und mutierte zum Fantasyspektakel samt steinernen Monstern.

Sehnsucht nach klaren Verhältnissen in unsicheren Zeiten

Ridley Scotts Moses ringt immerhin mit Gott, der in der Figur eines kleinen Jungen auftritt. Aber diese Szenen bleiben, wenn auch mit weniger naiver Wolkigkeit als DeMilles, rein theatralisch. Von Moses’ biblischer Bedeutung als Künder des Monotheismus weiss Scotts Film nichts. Die zehn Gebote und der Tanz ums Goldene Kalb sind nicht mehr als ein lustloser, angeklebter Epilog.

Eher schon entsprechen die archaischen Figuren Noah und Moses der Sehnsucht nach klaren Verhältnissen in unsicheren Zeiten. Sie entspringen dem Alten Testament mit seiner eindeutigen Aufteilung zwischen Gut und Böse. Als Führer der Bedrängten und Rächer über die Sünder sind sie in ihren Heldenposen den maskierten Muskelprotzen der Comic-Verfilmungen näher als ihren Wurzeln in der Bibel.

(Oliver Kaever, Zeit Online)



Kategorien:Kultur

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1 reply

  1. Die Produzenten hatten nicht die Absicht, ihre Zuschauer in einer Bibellektion zu unterweisen. Dieser Film dient auch nicht als Geschichtslektion. Der Film wurde aus knallhart finanziellen Interessen hergestellt.

    Wer am Original interessiert ist, dem empfehle ich, an Lektionen bei einem echt jüdischen Rabbiner teilzunehmen.

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