Juden verlassen zuhauf Westeuropa


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Brutale Angriffe schockieren nicht nur Frankreich, viele Juden fühlen sich nicht mehr sicher. Aber auch wirtschaftliche Gründe führen zu Emigration. – Foto: Reuters/CHARLES PLATIAU

Juden verlassen zuhauf Westeuropa, besonders Frankreich, um nach Israel auszuwandern. Der Grund ist der zunehmende Antisemitismus, vor allem von Seiten radikaler Muslime. Nach Angaben der Jewish Agency, der offiziellen Einwanderungsorganisation des Staates Israel, ist die Zuwanderung nach Israel im vergangenen Jahr um 32 Prozent im Vergleich zu 2013 gewachsen.

Die Zahl der aus Westeuropa zugewanderten Juden stieg um 88 Prozent auf 8.640 Personen. Rund 7.000 kamen aus Frankreich, 620 aus Grossbritannien, 340 aus Italien und etwa 120 aus Deutschland. Zum ersten Mal seit der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 steht Frankreich an der Spitze der Länder, aus denen Juden nach Israel auswandern.

Manchmal ist es schon wichtig, über Vorfälle schlicht zu reden“, sagt der jüdische Jugendbetreuer Bernard Zanzouri: „Kürzlich fragte ich ein Dutzend Kinder, wer schon mal, weil Jude, Stress hatte. Alle haben aufgezeigt und erzählt. Das war erleichternd.“

An diesem Abend diskutiert Zanzouri mit Eltern und Lehrern in einer Synagoge in Creteil. Dieser Vorort im südlichen Pariser Einzugsgebiet, der eine der grössten jüdischen Gemeinden Frankreichs beherbergt, geriet Anfang Dezember in die Schlagzeilen. Drei vermummte Männer waren mit Schusswaffen im Anschlag in eine Wohnung eingedrungen und hatten den 21-jährigen Jonathan, einen vormaligen Berufsgendarmen, und seine 19-jährige Freundin Marie gefesselt und misshandelt, damit sie verraten, wo Geld versteckt sei. „Ich habe ihnen gesagt, wir haben unser Geld auf der Bank, aber sie antworteten: Juden bringen ihr Geld nicht auf die Bank“, erzählte später Jonathan. Marie wurde sexuell genötigt. Bevor sie die Wohnung verliessen, zerstörten die Täter alle jüdischen Kultgegenstände.

Wenige Stunden später wurden zwei der drei Täter, junge Männer aus der Nachbarschaft, festgenommen. Die Polizei konnte sie so schnell ausfindig machen, weil einer ihrer Freunde am selben Tag einvernommen worden war. Und zwar weil er sich bereits an einem Gewaltakt gegen einen 70-jährigen Juden beteiligt hatte.

Diese Mischung aus Einfalt und Gewalttätigkeit ist bei den allermeisten Übergriffen gegen Juden am Werk. Wobei es sich bei den Tätern, wie in Creteil, fast ausschliesslich um muslimische Jugendliche handelt, die sich an der Schnittstelle zwischen Kriminalität und radikalem Islam bewegen. Was als „Antisemitismus in Frankreich“ registriert wird, kommt nicht aus dem rechten Eck oder der Anhängerschaft der Nationalistin Marine Le Pen, die sich für den Schutz der Juden gegen die Islamisten stark macht.

Nach dem Überfall von Creteil erklärte Präsident Hollande den „Kampf gegen den Antisemitismus“ zur „nationalen Angelegenheit“. Christliche und muslimische Würdenträger beteiligten sich an der Kundgebung der jüdischen Gemeinde in Creteil. Aber die jungen Täter bewegen sich in einer brachialen Subkultur, die jeglicher Kontrolle entgleitet. So kann der Alltag für Juden in Migrantenvierteln zum Spiessrutenlauf werden: Mal werden Passanten, die als jüdische Gläubige erkenntlich sind, bedroht, mal wird ein Rabbiner vor seiner Synagoge abgepasst und bespuckt, mal prasseln schwere Gegenstände auf den Hof eines jüdischen Kindergartens, der sich am Fuss von mehrstöckigen Wohnanlagen befindet – die Kinder können nicht mehr im Freien spielen.

Spätestens seit der franko-algerische El-Kaida-Anhänger Mohammed Merah 2012 in einer jüdischen Schule in Toulouse drei Kinder und einen Lehrer erschoss, ist den Juden klar geworden, dass ihre Gelegenheitspeiniger aus der Nachbarschaft zu Attentätern mutieren können. „Drei Opfer von Toulouse kannte ich. Es kann jeden von uns treffen“, sagt Zanzouri, und beschreibt die Klima-Veränderung in den jüdischen Gemeinden: „Früher galten Israel-Auswanderer als Spinner. Jetzt schicken Eltern mitten im Schuljahr ihre Kinder nach Israel, weil sie sie dort in Sicherheit wähnen.“

Mit 7000 Juden auch Frankreich waren es doppelt so viel als in den Jahren zuvor, die 2014nach Israel auswanderten. Allerdings dürfte die Dunkelziffer der Rückkehrer bei etwa einem Drittel liegen. Etliche Juden gehen auch in die USA oder nach Kanada, so wie viele weitere Franzosen, die vor der Wirtschaftsflaute fliehen. Ausserdem muss die Gesamtzahl der französischen Juden, rund eine halbe Million, berücksichtigt werden. Frankreich zählt Europas grösste jüdische, aber auch muslimische Bevölkerung (rund fünf Millionen). Die Mehrheit beider Gruppen stammt familiengeschichtlich aus Nordafrika.

Die ganze Bandbreite jüdischer Reaktionen wird beim Gespräch in Creteil deutlich. Eine Lehrerin einer jüdischen Schule klagt, sie bekomme die Unruhe der Kinder nicht mehr in den Griff. Zanzouri meint: “ Wenn die Kinder bei uns Erwachsenen Unsicherheit spüren, dann wollen sie selber das Heft übernehmen.“ Die Erwachsenen müssten sich entscheiden – sinngemäss zwischen Frankreich und Israel.

Wie zur Bestätigung, erzählt eine Mutter von ihrer 15-jährigen Tochter, die sofort auswandern will und nicht mehr davon abzukriegen ist. „Sie ist bedroht worden und hat Angst.“ Zanzouri rät: „Ihre Tochter muss erst lernen, ihre Angst zu relativieren.“

Einem Familienvater ist diese Antwort zu vage: „Wir haben keine Zukunft in Europa.“ Die Leiterin einer jüdischen Privatschule wirbt dafür, Kinder aus öffentlichen Schulen abzuziehen, um sie vor Mobbing zu schützen. Aber die stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Creteil, Sandra Guez, widerspricht: „Mein Sohn war ursprünglich in einer jüdischen Schule, besucht aber jetzt auf eigenen Wunsch eine öffentliche Schule. Lehrer und Kameraden zeigen grosses Interesse für unsere Traditionen. Wir haben die Klasse in die Synagoge eingeladen und alle sind gekommen, Muslime, Christen, Atheisten.“



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