Die Jüdische Gemeinde trauert nach Terroranschlag in Kopenhagen


kopenhagen-synagoge

Zwei Frauen zünden an der Synagoge in Kopenhagen eine Kerze für den getöteten Wächter an. (Bild: Fabian Bimmer / Reuters)

Der Wächter, den der Attentäter von Kopenhagen erschoss, hatte ein Gebäude für eine Bat-Mitzwa-Feier bewacht. Der dänische Oberrabbiner würdigte den Mann und zeigte sich von Israels Ministerpräsident enttäuscht.

Der Wächter, der vor der Synagoge in Kopenhagen erschossen wurde, wollte seinen Posten schon seit längerem an ein jüngeres Mitglied abgeben. Die Jüdische Gemeinde drängte ihn jedoch, weiter den Sicherheitsdienst zu machen.

«Er war ein Mensch, der immer gewillt war, zu helfen. Ein fantastischer, fantastischer Kerl.» Der dänische Oberrabbiner Jair Melchior kannte den jüdischen Mann, der am Sonntag bei dem Anschlag auf eine Synagoge in Kopenhagen erschossen wurde. Der 37-jährige sei ein langjähriger, «unersetzlicher» Wachmann gewesen, der die jüdische Gemeinde der Stadt geschützt habe, sagte Melchior.

Der Mann hatte ein Gebäude hinter der Synagoge für eine Bat-Mitzwa-Feier bewacht. Der Attentäter schoss ihm in den Kopf. Zwei Polizisten, die ebenfalls vor Ort waren, wurden leicht verletzt. Zuvor hatte der Attentäter auf einer Diskussionsveranstaltung über Meinungsfreiheit mit dem schwedischen Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks durch die Fenster eines Kulturzentrums geschossen. Dabei wurden ein 55-jähriger Filmemacher getötet und drei Polizisten verletzt.

Melchior sagte auf dem Internationalen Flughafen in Tel Aviv, wo er auf einen Rückflug in die dänische Hauptstadt wartete, der junge Mann habe die jüdische Schule besucht und sich schon seit seiner Jugend um die Sicherheit der Gemeinde mit gekümmert. Er sei ein talentierter Basketballspieler gewesen, habe in Politik einen Abschluss erlangt, eine Zeitlang in Israel gelebt und gelernt, fliessend hebräisch zu sprechen. Er habe gewollt, dass ihn jüngere Mitglieder im Sicherheitsdienst ersetzen sollten. Die Gemeinde habe ihn jedoch gedrängt, seinen Posten zu behalten. Seine Familie sei in der jüdischen Gemeinde Kopenhagens aktiv.

In Dänemark leben rund 7000 Juden. Davon sind 2000 in der jüdischen Gemeinde aktiv. Diese betreibt ihren eigenen Sicherheitsdienst, der in Abstimmung mit der Polizei die jüdischen Einrichtungen der Stadt schützt.

Melchior sagte, die Gemeinde habe die Polizei nach den Terroranschlägen von Paris vor fünf Wochen um verbesserte Sicherheitsvorkehrungen gebeten. Die dänische Polizei habe begonnen, diese neu zu bewerten. Nach der ersten Attacke auf das Kulturzentrum am Samstagnachmittag habe die Polizei die Sicherheitsvorkehrungen für das Gebäude der Jüdischen Gemeinde erhöht, in der die Bat-Mitzwa-Feier stattgefunden hatte, sagte Melchior.

Vor fünf Wochen war in Paris bei den Terrorattacken ebenfalls eine jüdische Einrichtung Ziel von Terroristen. Islamistische Extremisten hatten zunächst die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ angegriffen. Danach war ein Supermarkt für koschere Lebensmittel überfallen worden. Insgesamt starben 20 Menschen, darunter die drei Attentäter.

Der dänische Geheimdienst erklärte, der Täter könnte von der Attacke auf „Carlie Hebdo“ inspiriert worden sein. Er könne auch durch von der Terrormiliz Islamischer Staat oder anderen geschicktes Material beeinflusst worden sein.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu forderte die Juden in Europa am Sonntag nach dem erneuten Anschlag auf, nach Israel auszuwandern. Seine Regierung plane, mit Hilfe eines mit umgerechnet rund 40 Millionen Euro ausgestatteten Plans zu einer grossen Einwanderung zu animieren, sagte er zu Beginn eines Kabinettstreffens. Er sprach vor allem die Juden in Frankreich, Belgien und der Ukraine an.

„Wieder sind auf europäischen Boden Juden nur deshalb ermordet worden, weil sie Juden sind», sagte er. «Es ist zu erwarten, dass sich diese Angriffswelle ebenso wie mörderische antisemitische Attacken fortsetzen.“

Melchior sagte, er sei enttäuscht über Netanjahus Aufruf. „Terror ist kein Grund, nach Israel zu ziehen“, sagte er. „Menschen ziehen aus Dänemark nach Israel, weil sie Israel lieben, wegen des Zionismus‘.“

Attentäter von Kopenhagen war Polizei bekannt

Nach den tödlichen Angriffen auf ein Kulturzentrum und eine Synagoge in Kopenhagen ist der mutmassliche Täter am Morgen von der Polizei erschossen worden. Der Verdächtige sei im Morgengrauen vor einer observierten Wohnung aufgetaucht, woraufhin die dort postierten Polizisten ihn bei einem Schusswechsel erschossen hätten, teilte die dänische Polizei mit. Demnach war der polizeibekannte Täter womöglich durch die islamistischen Anschläge von Paris inspiriert.

Der Polizeisprecher Torben Mölgaard Jensen sagte, die Ermittler gingen davon aus, dass die beiden Angriffe auf ein Kulturzentrum und die Synagoge von Kopenhagen vom selben Täter verübt worden seien, und dass es sich bei dem getöteten Verdächtigen um den Attentäter handele. Bei den beiden Angriffen am Samstagnachmittag und in der Nacht zu Sonntag war jeweils ein Mann getötet worden; insgesamt wurden fünf Polizisten verletzt.

0,,18258968_403,00

Das Bild aus einer Überwachungskamera zeigt den mutmasslichen Täter

Eine am späten Nachmittag von der Polizei veröffentlichte Aufnahme einer Überwachungskamera zeigt einen Mann mit dunklem Anorak und rotbrauner Mütze, der etwa 25 bis 30 Jahre alt sein soll.

Im Morgengrauen tauchte der mutmassliche Täter dann vor einer Wohnung im Stadtviertel Nörrebro auf, die unter Beobachtung gestellt worden war. Laut der Polizei eröffnete er umgehend das Feuer, als die vor dem Haus postierten Polizisten ihn ansprachen. Er wurde erschossen, als die Beamten zurückfeuerten. Am Sonntag durchsuchte die Polizei mehrere Wohnungen in dem Viertel, wie der PET-Vertreter sagte.

Die dänische Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt sprach von einem „zynischen Akt der Gewalt“ und einem „Terrorakt“. Niemand dürfe ungestraft die „offene, freie und demokratische dänische Gesellschaft angreifen“. Die Ministerpräsidentin besuchte später Vertreter der jüdischen Gemeinde, um ihnen ihr Beileid auszudrücken und Blumen niederzulegen. Sie betonte, dass die Sicherheitsvorkehrungen nach den Anschlägen von Paris verschärft worden seien.

Am Abend stürmten Polizisten ein Internetcafé in Kopenhagen. Der Fernsehsender TV2 berichtete vor Ort, zwei Verdächtige seien festgenommen worden. Ein Polizeisprecher sagte dem Radiosender DR, die Razzia sei Teil der Ermittlungen.

Der französische Präsident François Hollande sicherte Thorning-Schmidt „Frankreichs Solidarität“ zu. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte ihr in einem Telefonat die Zusammenarbeit Deutschlands bei der Bekämpfung des Terrorismus zu. Deutschland stehe „fest an der Seite Dänemarks“. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu rief die europäischen Juden nach dem Angriff in Kopenhagen zur „Massenemigration“ in ihre „Heimat“ Israel auf.

(JNS und Agenturen)



Kategorien:Sicherheit

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: