Der Herz-Arzt


Gestern ging ich zu meinem Familienarzt zu einem Gesundheitscheck. Ich habe mich in der letzten Zeit nicht so sehr gut gefühlt, weil ich einen Druck im Brustkasten spürte und so wollte ich mal nachsehen lassen, ob mit meinem Herz alles in Ordnung ist.

Als ich nun im Wartezimmer sass, wir kennen das ja alle, kam eine ältere Dame herein, um ihren Mantel mitzunehmen. Es war eiskalt in den vergangenen Tagen hier in München und nachdem ich bereits zwei Jahre hier lebe, denke ich, dass ich mich wahrscheinlich niemals an diese Kälte gewöhnen werde. Jedenfalls sah mich diese Dame und sie begann eine Unterhaltung mit mir, weil sie mich wohl als ihr Projekt des Tages ansah. Sie sprach mit einem schweren bayrisch-deutschen Akzent.

Der Unterschied zwischen Deutsch und Bayrisch ist immens, fast wie zwei verschiedene Sprachen. Als ich hierher zog um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, musst ich Hochdeutsch lernen sowie auch das hier gewöhnlichere bayrische Deutsch, das ich noch immer nicht gut beherrsche und es klingt lustig, wenn ich versuche, mich so zu unterhalten. So erzählte mir die Dame, wie wundervoll der junge Arzt ist und wie grossartig es sei, eine gute Ausbildung in Deutschland zu bekommen und dass sie selbst keine gute Ausbildung bekommen konnte, da sie während der Kriegszeit aufwuchs. Dann machte sie eine Pause, wie höfliche Leute das so machen, und wartete nun darauf, meine Ansicht dazu zu erfahren.

An diesem Punkt werde ich immer nervös, denn ich weiss, dass die Menschen an meinem gebrochenen Akzent sofort wissen, dass ich nicht von hier bin. Dann merkt die andere Person, dass sie die letzte halbe Stunde mit jemanden gesprochen hat, der alles nur halb versteht, was sie sagt (ich versuche immer den Eindruck zu erwecken, als ob ich alles verstehe und hoffe, dass sie keine Antwort von mir erwarten) und dazu kommt dann noch, dass ich sagen muss, dass ich aus Israel stamme (sie fragen immer „Woher kommen Sie?“ wenn sie einen Akzent hören) und sie redete gerade über den Zweiten Weltkrieg, was immer eine heikle Angelegenheit ist.

Ich sah sie mit einem Lächeln an und sagte, dass auch ich die deutsche Bildung schätze und dass ich aus Israel komme und in meiner Heimat dies anders ist, denn man dient erst in der Armee und beginnt danach das Studium, weshalb die junge Generation in Israel immer etwas älter ist als die in Europa, wenn sie ihre Ausbildung beginnt. Ihre erste Reaktion im Gesicht sah so aus, als ob sie es bereute, das Gespräch mit mir begonnen zu haben, und ich hörte auch etwas Scham in ihrer Stimme. Sie begann, sich zu entschuldigen und sagte, sie sei erst vier Jahre alt gewesen, als der Krieg zu Ende ging und wie sie die Züge mit den hungrigen Menschen aus Dachau habe passieren sehen und wie ihre Familie versuchte, den Leuten im Zug mit Kartoffeln und Wasser zu helfen, weil diese so verhungert und durstig aussahen. Sie sagte, dass sie bis heute sich an die dürren Gesichter erinnern könne und dass ihr Vater während des Krieges gestorben sei und dass ihre Familie nichts mit dem Krieg zu tun haben wollte. Sie sagte mir, dass sie sich deshalb sehr schämt.

Ich sah sie mit einem Lächeln an und antwortete, dass sie sich nicht zu schämen brauche und dass die Vergangenheit vorbei ist. Sie lächelte dann mit glänzenden Augen zurück und wollte mir noch etwas sagen, aber ich musste dann zum Arzt hinein gehen.

Mein Herz fühlte sich schon etwas better.

Ich habe hier viel Umgang mit der jungen deutschen Generation, die vielleicht nicht die Schande für das, was damals passierte, mit sich herumschleppt. Aber diese nette alte Dame schleppt dies noch immer mit sich herum und solche Treffen, finde ich, sind der Grund dafür, dass ich jetzt hier lebe. (Moriel Beth, ih)

Moriel Beth (Foto) ist eine 30-jährige Künstlerin, die im Namen der Liebe von Israel nach München zog. Sie liebt Gott und alle schönen Dinge und sucht weiterhin nach ihrer Bestimmung für das Leben.



Kategorien:Gesellschaft

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