Thorazitat des Tages – Parascha


„Wenn du siehst, dass du weit entfernt von Gott bist, dann nur aus dem Grund, weil du keinen freien Kopf hast und deshalb nicht richtig zu denken vermagst.“

Thora-Parascha

Sidra: „Wajera“
Lesungen: 1. Mose 18,1 – 22,24
Haftara: 2. Könige 4,1 – 4,37

Wajera-Psalm 11
Prüfung des Gerechten

Der Midrasch (Bereschit Rabba 54,3) deckt einen Zusammenhang zwischen dem Wochenabschnitt Wajera und Psalm 11 auf. In der Tora steht: „Und es war nach diesen Begebenheiten, und es prüfte Gott den Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er sprach: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Yizhak, und gehe hin in das Land Morija und bringe ihn dort zum Opfer auf einem der Berge, den ich dir ansagen werde“ (Bereschit  22,1 – 2). In Psalm 11 heisst es: „Gott prüft den Gerechten, den Gesetzlosen aber und den Freund der Gewalt hasst sein Wesen“ (Vers 5). Nach dem Midrasch spricht der Psalmist hier von der Prüfung Abrahams.

Die Geschichte der Bindung Yizhaks wirft etliche Fragen auf, von denen hier nur zwei angeführt werden sollen. Gott wusste natürlich, dass Abraham seinen Test bestehen würde – warum hat er ihm dann die Prüfung auferlegt? Eine Antwort gibt uns die folgende Mischna: „In zehn Prüfungen wurde Abraham erprobt, und er bestand sie alle; um bekannt zu machen, wie gross unseres Vaters Abraham Liebe zu Gott war“ (Awot 5,4). „Denn nun weiss ich, dass du gottesfürchtig bist,  denn du hast mir nicht verweigert deinen Sohn, deinen einzigen“ (Bereschit 22,12). Warum ist in diesem Vers von   Gottesfurcht die Rede und nicht von der Liebe zu Gott? Abravanel erklärt, dass die Ehrfurcht im Gedanken an die Erhabenheit Gottes auf dieselbe Sache hinausläuft wie die Gottesliebe (siehe auch Rabbiner J. Z. Mecklenburgs Kommentar zu diesen Vers).

Es gibt einen weiteren Berührungspunkt zwischen Wajera und Psalm 11: Hier wie dort ist von einer Bestrafung der Frevler durch Gott die Rede. In der Tora lesen wir: „Und der Ewige liess regnen auf Sodom und Amora Schwefel und Feuer vom Ewigen vom Himmel. Und zerstörte die Städte und den ganzen Umkreis und alle Einwohner der Städte und das Gewächs des Erdbodens“ (Bereschit 19, 24 – 25). Im Psalm heisst es: „Er regnet auf die Frevler Schlingen, Feuer und Schwefel, und Glutwind ist ihres Bechers Teil“ (Vers 6). (Von: Prof. Dr. Yizhak Ahren)

Sidra Wajera

Nichts tun ist keine Option

Awraham wird in der jüdischen Tradition als das Vorbild für Gastfreundschaft gesehen. Obschon er sich nach seiner Beschneidung erholen muss, empfängt er die drei Männer, die zu ihm kommen mit der Bitte, sich doch bei ihm auszuruhen, zu erfrischen und zu sättigen. Er lässt Sara eine Mahlzeit kochen. Awraham ist ein mustergültiger Gastgeber. Auch Lot möchte ein vorzüglicher Gastgeber sein, verfehlt jedoch das Ziel jämmerlich, wenn er, um seine Gäste zu beschützen, seine Töchter dem Pöbel vor seinem Haus anbietet.

Lebt der Mensch als Gast oder Gastgeber auf der Erde? Gott gibt eine klare Antwort: «Denn das Land gehört Mir, und ihr seid Fremde und Beisassen bei Mir.» (Wajikra (3.BM) 25, 23). Raschi bestätigt es mit Nachdruck: «Denn Mein ist das Land, dein Auge ruhe nicht missgünstig darauf, denn es gehört dir nicht». Gott ist Gastgeber, wir Gäste. Das passt uns Menschen nicht. Wir betragen uns wie Eigner der Erde. Wir haben sie ausgebeutet für finanziellen Gewinn, für Komfort und um unsere Neugierde und Triebe zu befriedigen. Wir haben dabei unsere Mitgeschöpfe, die Tiere, in grosse Bedrängnis getrieben, ja sie zum Teil sogar ausgerottet. Wir holzen in schwindelndem Tempo die Urwälder ab, als ob sie nicht die Lungen der Erde seien. Die Ozeane sind besorgniserregend verschmutzt, die Mägen der Fische gefüllt mit lebensbedrohlichem Plastik.

Erst in den letzten Jahrzehnten werden wir uns langsam davon bewusst, dass unser Trieb das scheinbar Unmögliche zu erreichen, einen teuren Preis hat: wir sind daran unseren Planeten zu zerstören. Sicher, es ist kaum fassbar. Vorerst scheint es ‘nur’ ein Abstraktum. Wir leben unser Leben wie immer, sind zufrieden, manchmal verärgert und meistens beschäftigt mit Arbeit, Familie und Hobbies. Die uns vorgehaltenen Horrorszenarien schieben wir zur Seite, sie geben uns ein unbehagliches Gefühl. «Kann ich denn etwas dafür? Kann ich den Teufelskreis etwa zum Stillstand bringen?» Nein. Das Problem der leidenden Erde ist für uns als Individuum zu gross, zu überwältigend.

In der UK (Vereinigtes Königreich) gibt es eine ‘Eco Synagogue’ oder ‘Eco-Shul’ (https://ecosynagogue.org/). Es ist ein Zusammenschluss jüdischer Gemeinden. Sie entwerfen und teilen untereinander Ideen, Handreichungen und Programme, anhand derer jüdische Gemeinden Sorge für die Erde tragen können.

Leider gibt es eine solche Initiative in der Schweiz noch nicht. Aber immerhin hält Or Chadasch an diesem Sonntag einen ‘Mizwa Tag’, der mit Tat und Kraft dem Umweltschutz gewidmet ist. Ich weiss, es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Nichts tun jedoch ist – wie unsere Rabbinen schon vor zwei Tausend Jahren verstanden haben – keine Option:
«Als der Ewige, gepriesen sei Er, den ersten Menschen schuf, führte Er ihn durch den Garten Eden und zeigte ihm die Bäume und Pflanzen: Schau wie schön und vollkommen meine Schöpfung ist, die ich für dich geschaffen habe, Pass gut auf, dass du die Welt nicht zerstörst, denn es wird nach dir Niemanden geben, der sie wiederherstellen kann.» (Midrasch Kohelet raba 7, 1,13)

Wir sind zu Gast auf der Erde und sollen uns dementsprechend betragen.

Schabbat Schalom,
Rabbiner Ruven Bar Ephraim,  JLG Zürich

Paraschat Haschawua wajera.1.j., wajera.haftara



Kategorien:Gesellschaft

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