„Wie ein Vogel, der nicht landen kann“


junge-frau-mit-kippa1970 befragte der damals 19-jährige Daniel Cil Brecher seine jüdischen Schulfreunde in Düsseldorf über ihr Verhältnis zu Deutschland. Sein Film darüber brach damals Tabus. Vier Jahrzehnte später traf er seine nun über den Erdball verstreuten Freunde wieder zum Gespräch. Eine persönliche Studie über die Generation nach dem Holocaust.

Karin Beindorff, Redakteurin des politischen Features beim Deutschlandfunk, widmete beim diesjährigen Forum Essay unter dem Motto „Alles Lüge?! Über Dokumentarismus“ dem Thema „Zeitzeugen als Protagonisten“ ihren Podiumsvortrag. Wie organisiert der Autor sein O-Ton-Material? Was bleibt übrig vom Erzählten der Protagonisten? Was soll dokumentiert werden mittels der Zeitzeugen? Wie objektiv, wie wahr kann solch eine Form der Geschichtsdokumentation sein?

„Der Originalton, das gesprochene Wort, ist wohl das bedeutendste Element, die tragende Säule der Radiofeature-Konstruktion. Zeitzeugen als Hauptfiguren und Protagonisten kommt also eine ganz besondere Rolle zu.“ (Karin Beindorff beim Forum Essay im Mai 2014)

Der Zeitzeuge als grösster Feind des Historikers?

Diese Fragen hatte sich Karin Beindorff selbst gestellt als Redakteurin des Features „Wie ein Vogel, der nicht landen kann. Gespräche mit deutschen Juden 1970 und 2012“ von Daniel Cil Brecher. Er ist Historiker, wurde 1951 in Tel Aviv als Sohn österreichisch-jüdischer Holocaust-Überlebender geboren, ging in Düsseldorf zur Schule. Und dort fand er, damals 19 Jahre jung, einige der Protagonisten für sein Feature, bzw. zunächst für ein Filmprojekt.

Der Film (und das Feature) beginnt 1970, Befragungen von Düsseldorfer Passanten auf der Strasse: „Was denken Sie, wenn Sie das Wort Jude hören?“ – Antwort: An Tod. An Tod. An Krieg.“ Brecher sammelte hier Material für den Film „Junge Juden in der Bundesrepublik“, der 1971 im ZDF ausgestrahlt wurde und eine Protestwelle, insbesondere von jüdischen Zuschauern auslöste. Der Autor hatte ein Dutzend jüdischer Freunde befragt, über ihr Verhältnis zu Deutschland, was sie über die Nazi-Vergangenheit und über Israel, über ihre Zukunft, über Liebe dachten.

Ihre Antworten brachen damals ein Tabu im Nachkriegsdeutschland, das geprägt war von Philosemitismus und dem Bedürfnis nach einer schnellen, reibungslosen Aussöhnung zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen. Denn: Die Jugendlichen fühlten sich schlecht integriert und träumten alle von Auswanderung nach Israel nach dem Abitur. Leben in Deutschland? Nein, danke!

„Psychologisches Ghetto“

Viele Kinder der Holocaust-Überlebenden wollten nach Israel auswandern. Ihr Leben in Deutschland: voller Tabus, Schweigen, unsichtbarer Mauern

Viele Kinder der Holocaust-Überlebenden wollten nach Israel auswandern. Ihr Leben in Deutschland: voller Tabus, Schweigen, unsichtbarer Mauern

Es herrschte ein beredtes Schweigen seitens der jüdischen Eltern und der deutschen Öffentlichkeit über die Gräuel des Zweiten Weltkriegs. In Kultur und Politik waren Juden nicht präsent, es gab keine Mediendebatten über den NS-Terror und der Begriff „Zeitzeuge“ war auch noch nicht geläufig. „Psychologisches Ghetto“, ein Ausdruck des Düsseldorfer Psychiaters Abraham Braun, beschreibt das Gefühl der jüdischen Jugendlichen gut, so sagt es Daniel Brecher selbst im Feature.

Über 40 Jahre nach der Ausstrahlung seines Films, dem von jüdischer Seite damals der Vorwurf gemacht wurde, er würde neuem Antisemitismus Vorschub leisten und das Vorurteil bestärken, dass Juden sich selbst absonderten, da traf Daniel Cil Brecher viele seiner ehemaligen Interviewpartner wieder und befragte sie erneut zu denselben Themen. Wie der Autor, der heute in Amsterdam zuhause ist, leben die meisten seiner Schulfreunde nicht mehr in Deutschland.

„Es sind hier viele, die nach Israel und zurück und hier und da, also irgendwie wie ein kaputter Kompass waren, ihren eigenen Norden gesucht haben. War das Morgenstern, der sagte: Der Jude ist wie ein Vogel, der nicht landen kann, weil er immer die Füsse verbrennt?“ (Meikel, ehemaliger Schulfreund, lebt heute in Israel)

Prof. Dr. Wolfgang Benz

Prof. Dr. Wolfgang Benz

Dass die O-Ton-Geber mit dem Fragesteller befreundet sind, scheint klar durch die Art ihres Sprechens: Sie wirken entspannt, erzählen offen ihre Lebens- und Auswanderungsgeschichten. Brecher als Fragender ist immer präsent, manchmal wird er von einem Freund direkt angesprochen. Und stets fügt er sehr persönliche Kommentare aus dem Off ein, baut seine eigenen Erfahrungen zu dieser Art Gruppenbild jüdischer Freunde dazu.

„Der Zeitzeuge ist kein Feind des Historikers, aber er ist ein Konkurrent.“ ( Professor Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin)

Ihren Vortrag schliesst Redakteurin Karin Beindorff mit der Bemerkung, dass dieses Feature ein Beispiel dafür sei, dass der Zeitzeuge nicht notwendigerweise der grösste Feind des Historikers sein müsse. Als Historiker hat Brecher in seinem Feature auch gar nicht erst versucht, historische Fakten durch emotionale Zeitzeugenaussagen zu „beweisen“. Sein Stück zeigt offen die eigene Konstruktion, will nichts anderes sein als ein Wirklichkeitsausschnitt, multiperspektivisch, reflektierend, subjektiv und „wahr“.

„Wie ein Vogel, der nicht landen kann“;  Gespräche mit deutschen Juden 1970 und 2012 von Daniel Cil Brecher am 29. Mai im Nachtstudio des Bayerischen Rundfunks.

 



Kategorien:Gesellschaft

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