Ratlos war der Rabbi nie


25001Es ist bekannt, dass die Chassiden, also die Anhänger des Chassidismus, eine sehr enge Bindung zu ihrem weisen Rabbi – dem spirituellen Vater und Anführer – haben.

Im russischen Rostow am Don lebte einst ein Rabbi, der viele Schüler hatte und eines Tages zu ihnen meinte, dass sich alle zum anstehenden Laubhüttenfest (Sukkot) in einer relativ weit entfernten Stadt in Polen zusammentreffen sollten, um dort die Feiertage zu verbringen. Der Rabbi aus Rostow fügte aber noch hinzu, dies sei keine Einladung, sondern eine Aufforderung, der sich niemand entziehen dürfte, egal welche Hindernisse sich auf dem Weg dorthin ergeben könnten.

Einer seiner jungen Schüler ging nach dieser Ankündigung nach Hause und teilte seiner Frau mit, dass er aufgrund der Aussage seines Rabbis auf keinen Fall mit ihr die Feiertage verbringen kann und stattdessen in die sehr weit entfernte Stadt nach Polen reisen wird. Ihm kam es also nicht einmal in den Sinn, seine Frau zu fragen, was sie davon hält – er hat sie schlicht vor vollendete Tatsachen gestellt!

Wie zu erwarten, zeigte sich seine Frau empört über diese Pläne und war darüber hinaus auch sehr verletzt, da er sie ja völlig überraschend über die Feiertage alleine lassen wird. Doch der junge Schüler zeigte sich von der Reaktion seiner Frau gelassen, da der Rabbi ja ausdrücklich verlangte, dass niemand fehlen darf, was auch immer geschehen mag!

So fuhr er also über die Feiertage nach Polen – und als der gnädige Herr dann wieder zu Hause ankam, erkannte er seine Frau wegen des schweren Schmerzes, den er ihr zufügt hatte, nicht mehr wieder. Sie war nun nicht mehr der verständnisvolle süsse Schatz, sondern ein Drache, der ihm das gesamte kommende Jahr zur Hölle machte.

Der Schüler wusste selbstverständlich, dass der Grund dafür die Reise war, der seine Frau ja nicht zugestimmt hatte. Deshalb war er nun auch sehr beunruhigt, da er in seinem Herzen bereits den Entschluss gefasst hatte, nächstes Jahr diese Reise zu wiederholen.

Gott hatte aber Erbarmen mit diesem ignoranten Schüler und führte ihn „zufällig“ mit seinem ehemaligen Schullehrer und Vertrauens-Rabbi Salomon Hirsch zusammen. Da Rabbi Hirsch ja sein Schullehrer war, kannte er ihn daher natürlich sehr gut.

Als sein ehemaliger Schüler ihm dann von den neuesten Ereignissen bei sich zu Hause erzählte, erwiderte er diesem: „Mein geliebter Sohn, du hast deinen Rabbi aber völlig falsch verstanden. Als er euch dazu aufforderte, ihm nach Polen über die Feiertage zu folgen, meinte er damit nicht, dass ihr euer Haus eigenhändig abreissen sollt! Seine deutliche Wortwahl sollte euch darauf hinweisen, kühn und weise zu sein und es zu bewerkstelligen, den Weg nach Polen zu beschreiten. Ihr müsst aber auch ein schönes und warmes zu Hause zurückzulassen, das nur darauf wartet, die ausgesandten Männer wieder willkommen zu heissen.“

Der Schüler fand seine Argumente sehr einleuchtend, dennoch fragte er: „Vor dieser Reise letztes Jahr herrschte zwischen mir und meiner Frau eine überaus innige Bindung, und dennoch wollte sie damals nichts von dieser Reise hören. Und wenn ich sie jetzt fragen würde, ob ich nächstes Jahr wieder fahren könnte, dann würde sie mich vor Wut bestimmt nicht einmal diesen Satz zu Ende sprechen lassen. Daher bleibt mir wohl wieder keine andere Wahl, ausser voller Hingabe an den Rabbi und ohne Rücksicht auf meine Frau zu fahren.“

Sein ehemaliger Schullehrer antwortete ihm: „Hierbei handelt es sich nicht um eine Art Hingabe, sondern um Dummheit höchsten Grades. Daher höre bitte auf deinen Rabbi des Vertrauens, der dich ja schon von klein auf kennt. Gehe am besten heute noch zu deiner Frau und erkläre ihr, du würdest dieses Jahr auf keinen Fall ohne ihre Einwilligung irgendwo hinreisen. Ferner musst du ihr deinen Reisepass in die Hand drücken und sagen: Schatz, hier hast du meinen Pass! Ich werde nirgendwo hinfahren, wenn du es mir nicht ausdrücklich erlaubst! Im letzten Jahr habe ich einen sehr grossen Fehler gemacht, das tut mir unendlich leid und ich möchte mich bei dir in aller Form entschuldigen. Meine Freunde haben, so wie ich, die Anweisungen des Rabbis einfach nur missverstanden und deshalb haben sie  mich völlig in die Irre geführt, indem sie mir rieten, dass ich unbedingt fahren sollte, ganz gleich für welchen Preis. Doch nun habe ich meine Gedanken geordnet und kam zu dem Entschluss, dass du meine Nummer eins bist und daher über alles in meinem Leben stehst. Folglich bist du natürlich auch wichtiger als diese Reise!

Im Allgemeinen musst du dein Verhalten ihr gegenüber völlig verändern. Sie muss bei allem, was du sagst und tust erkennen, dass du zu deinem Wort stehst und dass du weisst, dass ohne sie dein Leben ohne Sinn und Hoffnung wäre.

Des Weiteren solltest du dir einen Tag Auszeit nehmen, dich an einen stillen und abgelegen Ort zurückziehen, um dies für intensive Gespräche mit Gott zu nutzen. Diese Methode ist die Erfolgsmethode überhaupt, so wie es heisst: Sei mir gnädig, mein Gott; denn zu dir rufe ich den ganzen Tag [allezeit]! [Psalmen Davids, Psalm 86, Vers 3]

Bitte Gott also um Verzeihung dafür, dass du deine Frau so sehr verletzt hast und bitte Ihn, Er möge deiner Frau doch bitte ins Herz legen, dir aus ganzem Herzen zu verzeihen. Natürlich musst du dich bei Gott auch für deine ketzerische Einstellung, diese Reise um jeden Preis beschreiten zu wollen, entschuldigen. Denn mit diesem „um jeden Preis“ hast du dir ja eingebildet, alles aus deiner Kraft und der Stärke deiner Hände erreichen zu können! Du hättest wissen müssen, dass der Widerstand deiner Frau gegen diese Reise von Gott gewollt ist, um bei dir ein unbeschreibliches Verlangen und eine Sehnsucht danach zu erzeugen. Diese hättest du dir mit Gebeten aneignen sollen. Daher ordne dich nun dem Willen deiner Frau unter und bete dafür, dass du auch dieses Jahr die Reise antreten kannst – diesmal allerdings mit Zustimmung deiner Frau!

Nachdem du dieses lange Gebet vollzogen hast, musst du auf einen harmonischen Tag zwischen dir und deiner Frau warten. Einen Tag, der von gegenseitiger Liebe und Wärme geprägt sein wird. Warte also auf den richtigen Zeitpunkt und frage sie dann mit aller Vorsicht, ob du doch vielleicht die Reise antreten könntest, da es für die gesamte Familie von unbeschreiblichem – insbesondere spirituellem – Wert wäre. Deine Worte müssen ihr das Gefühl geben, dass du nur mit ihrer 100%igen Einwilligung diese Reise machen willst. Aus deiner Sicht muss bereits ein kleiner Zweifel ihrerseits ausreichen, um alle Pläne abzublasen. Wenn du während des Gesprächs aber einen Hauch von Widerstand erkennst, dann sei bitte ja nicht hartnäckig, sondern gib klein bei. Sei dir bewusst, dass du noch so einen langen Tag voller Gebete brauchst. Denn: Wenn Gott an dem Verhalten eines Menschen Wohlgefallen findet, lässt er seine Feinde mit ihm Frieden machen.“ (Sprüche Salomons, Kapitel 16, Satz 7)“

Der Schüler hat natürlich sofort begriffen, dass die Worte seiner Vertrauensperson aus ganzem Herzen kamen und er auch nur sein Bestes wollte. Daher befolgte er seinen Rat und führte alle Punkte gewissenhaft aus. Und am Ende liess ihn sogar seine Frau voller Freude die Reise erneut aufnehmen!

Hier sieht man also ganz deutlich, welche Ergebnisse man durch unterschiedliche Verhaltensweisen erreichen kann. Der Schüler wollte mit Leib und Seele diese Reise machen, was man gut verstehen kann und im Prinzip ja auch in Ordnung ist. Doch die Art und Weise, wie er das seiner Frau vorträgt und sie dabei missachtet, bestimmt den weiteren Verlauf. Anstatt ihr seine Abreise einfach so an den Kopf zu knallen, hätte er sie einbeziehen und ihre Zustimmung abwarten müssen. Und eine Ablehnung ihrerseits hätte er ohne zu murren akzeptieren müssen.

Sie muss also in jeder Situation das Gefühl behalten, seine Nummer eins zu sein, für dich also weit bedeutender als diese Reise. Mit solch einem Verhalten hätte seine Frau ihm wahrscheinlich eigenhändig die Koffer gepackt und ihn sogar noch zur Reise beglückwünscht!

Doch selbst wenn sie nein gesagt hätte, bedeutet das in Wahrheit eine Ablehnung durch Gott. Denn man hat dann das gesteckte Reiseziel als selbstverständlich betrachtet – ohne wahre Gefühle von Verlangen und Sehnsucht danach zu haben. Deswegen sagt Gott einem auch durch den Umweg über seine Frau: Jetzt noch nicht! Denn du vergisst das Wichtigste dabei: Das Gebet, durch das dir deine Träume zur Wirklichkeit werden. (Rabbi David Kraus)



Kategorien:Gesellschaft

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