Nach drei Jahrzehnten Geheimwaffe enthüllt


perehAnfang der 1980er wurden extrem weit fliegende Panzerabwehrraketen, die bis 30 Kilometer weit lenkbar sind, in normalen Kampfpanzerchassis versteckt. Sie dienen seither oft als Präzisionsartillerie, etwa gegen die Hamas.

In einem ungewöhnlichen Schritt haben die israelischen Streitkräfte (IDF) ein Waffensystem enttarnt, dessen Existenz sie mehr als 30 Jahre lang verheimlicht hatten. Es handelt sich um einen Panzer namens „Pereh“, der an sich als Panzerjäger/Jagdpanzer konstruiert ist und seine Ziele auf ungewöhnlich grosse Entfernung bekämpfen kann: Nämlich mittels Lenkraketen auf Reichweiten von 15 bis 30 Kilometer. Zum Vergleich: Die effektive Feuerreichweite normaler Kampfpanzer mit Kanonen liegt heute bei einigen Kilometern – 4000 Meter etwa sind es bei der deutschen Rheinmetall L/44 Kaliber 120 Millimeter, einem in vielen westlichen Panzern und Ländern verbreiteten Modell.

Das erste Lüpfen des Schleiers fand Ende Juli statt, mit einem schlichten Tweet der IDF, das einen Pereh zeigt, und darunter den Text: „Top Secret: Nach 30 Jahren präsentieren wir unseren hochentwickelten Panzer, bestückt mit Panzerabwehrraketen.“

pereh_idf

Der enthüllende Tweet / Bild: IDF

Erst vor wenigen Tagen liessen sich dann hohe Offiziere des israelischen Artilleriekorps detaillierter über den Pereh aus. Demnach handelt es sich ursprünglich um – an sich stark veraltete – Kampfpanzer vom US-Typ M-48 „Patton“ (in der IDF als „Magach“ in Versionen von 1 bis 5 bekannt). Ihre Türme wurden stark umgebaut, sodass aus einem im Turm unsichtbar versenkten, aber nach oben herausklappbaren Startgerät Panzerabwehrraketen vom Modell „Tamuz“ verfeuert werden können.

Wolf im Schafspelz

Zwar sind die Kanonenrohre nicht verschwunden – es sind allerdings Attrappen: Der Gegner soll nämlich nicht sehen können, mit was er es eigentlich zu tun hat und wie weit dieses Gefährt tatsächlich schiessen kann. Wegen ihrer enormen Feuerreichweite können sich diese Jagdpanzer im Hinterland der Front aufhalten, sozusagen in der zweiten Reihe, und sollen mit ihrer Kanonenattrappe für einen Gegner daher nicht als direkte Bedrohung und dringliches Ziel erscheinen. Sie sind eigentlich Wölfe im Schafspelz.

שבת צוק איתן אליהו הרשקוביץ

שבת צוק איתן אליהו הרשקוביץ

_1439567346232904_v0_h

Lupojacob Pereh im „getarnten“ Zustand, Raketensystem eingefahren, nahe Gaza, Sommer 2014

Die Perehs (der Name steht im Hebräischen für den Onager, den asiatischen Wildesel, nach dem in der Spätantike gewisse Modelle von Katapulten benannt waren) sollen die Front allerdings auch absichtlich meiden. Ihre Panzerung, obwohl seitlich durch allerhand Schürzen und Reaktivelemente verstärkt, ist im Kern nämlich noch rein aus homogenem Stahl nach Art des Zweiten Weltkriegs gemacht. Das ist schon lange nicht mehr zeitgemäss, denn Panzerungen werden heute aus mehreren Schichten verschiedener Materialien gebaut, etwa aus mehreren Stahlsorten, Weichmetallen, Keramik, ja sogar Glas und mit Hohlräumen. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 waren die Verluste der Israelis an Magachs gross gewesen.

Einem Artillerieoffizier zufolge kam die Idee zu dem nun enttarnten Raketenjagdpanzer gleich nach eben diesem Krieg: Damals waren die Syrer um ein Haar mit einer gewaltigen Panzerstreitmacht über die Golanhöhen bis ins Jordantal gestossen. Sie wurden von anfänglich weit unterlegenen israelischen Truppen nur mit extrem viel Glück, Kriegskunst, Mut und dank der miserablen taktischen und operativen Führung der Syrer aufgehalten. Die Ägypter konnten ihrerseits damals den Suezkanal überwinden, stellten dann aber auf Verteidigung um und fügten den Israelis, die mit Panzerdivisionen Gegenstösse fuhren, in der ersten Phase ebenfalls schwere Verluste zu, vor allem durch eingegrabene Infanterie mit tragbaren Panzerabwehrraketen sowjetrussischen Typs.

Den Gegner schon in dessen Hinterland treffen

Jedenfalls realisierte die IDF danach, dass angesichts grosser gepanzerter Verbände der Araber irgendein zusätzliches bodengestütztes Mittel von Vorteil wäre – und zwar eines, das vorzugsweise schon weit hinter der Front bis hinein in die gegnerischen Sammlungsräume wirkt, das seine Truppen also schon ausdünnt, noch bevor sie ins direkte Treffen gelangen.

Also beauftragte die IDF den Rüstungskonzern Rafael, der an einer weitreichenden Panzerabwehrrakete arbeitete, diese Raketen mit obsoleten M-48 (Magach 5) zu „vermählen“. Die ersten Perehs wurden angeblich 1982 fertig und drei Bataillone zu je 40 Stück aufgestellt, jeder Panzer hat vier Mann Besatzung. Später wurden wahrscheinlich auch etwas modernere M-60 (in Israel Magach 6 und 7) zu Raketenwerfern umgewandelt.

p1639539iru3x_1439567137878720_v0_h

IDF Drei hier leicht erkennbare Perehs mit aufgeklappten Werfern

Zwölf Raketen haben in einem Pereh Platz, es handelt sich um die erwähnten „Tamuz“, auch: „Spike NLOS“, wobei die Abkürzung für „Non Line of Sight“ steht, denn zwischen Schütze und Ziel wird es bei der hohen Reichweite der Rakete meist keine Sichtlinie geben. Die Koordinaten des Ziels werden daher in der Regel von externen Beobachtern bzw. Systemen zugewiesen.

Die Tamuz hat einen kombinierten Infrarot- und optischen Suchkopf, was mehrere Steuermöglichkeiten zulässt: Einerseits liefert die Kamera in der Rakete per Funk in Echtzeit Bilder, so kann der Schütze sie steuern. Sie fliegt verhältnismässig langsam (angeblich etwa 220 Meter pro Sekunde), was dem Schützen das Lenken erleichtert. Sie ist durch den Wärmesuchkopf aber auch im Fire-and-Forget-Modus verschiessbar, kann sich also das Ziel selber suchen. Ein Eingreifen per Funk ist auch dann möglich.

Laut IDF-Offizieren verfeuern die Perehs zur Zeit Tamuz 2 (15 km Reichweite) oder Tamuz 4 (25 bis 30 km). Möglich ist auch Tamuz 5, die verbesserte Tag/Nacht-Sicht und zusätzlich eine halbaktive Laser-Steuerung hat (ein Dritter beleuchtet das Ziel mit Laser, die Rakete folgt automatisch dem reflektierten Licht und hält aufs Ziel zu). Ausserdem soll es eine Variante gegen Luftziele geben. Daraus lässt sich folgern, dass diese Variante keinen panzerbrechenden Hohlladungsgefechtskopf, sondern einen hochexplosiven Splittergefechtskopf hat – und damit gegen „weiche“ Bodenziele wie Autos, gewöhnliche Häuser und Kämpfer einsetzbar ist.

Auch Rakete war über Jahrzehnte geheim

Die IDF gab die Existenz der Tamuz/Spike NLOS erst 2009 bekannt, unter anderem durch Fotos, die sie auf leichte gepanzerte Fahrzeuge montiert zeigen. Den Pereh aber verschwieg man weiter. Ganz so eindeutig ist die Sache mit der Geheimhaltung allerdings nicht, denn die Britische Armee hatte nach Angaben von Militärexperten schon 2007 etwa 600 bis 700 Spike NLOS in Israel beschafft und unter dem Namen „Exactor“ eingeführt; sie wurden im Irak und Afghanistan eingesetzt.

Interessanterweise hatte Rafael nach ihr weitere Varianten mit verschiedenen Steuerungen unter dem Übertitel „Spike“ entwickelt, die allesamt geringere Reichweiten (800 bis 8000 Meter) haben und nicht verschwiegen wurden. Es gibt sie auch in tragbaren Versionen für die Infanterie und sie wurden in viele Staaten, von Chile über Deutschland bis Indien, verkauft.

1200px-Spike_LR_3_1439567927364233_v0_h

Natan Flayer Israelische Soldatin posiert mit Spike-Werfer

Als vom Pereh in den vergangenen Jahren aber immer öfter Bilder im Internet auftauchten (für Printprodukte war das verboten), griff die elektronische Zensur ein und löschte sie rasch. Dennoch wurden die Gerüchte unter Militärexperten, Technik-Affinen, Journalisten und sogar israelischen Soldaten immer lauter, dass mit diesen Kampfpanzern etwas nicht stimmen könne: Niemand hatte je gesehen, dass ihre Kanonen feuern würden.

Britische Zeitungen berichten, dass schliesslich vor etwa zwei Jahren ein militärisches Fachmedium bzw. Internetformum die IDF gebeten habe, mit der Zensur aufzuhören. Es habe mittlerweile schon zu viele Sichtungen und Fotos der Panzer gegeben, die mit ihren grossen gebogenen Antennen an der Turmrückseite und aufgrund anderer Eigenheiten auffällig sind, auch wenn das klobige Raketenstartgerät nicht ausgefahren ist.

tank1-e1437633349877_1439568301673684_v0_h

Pereh, wieder im Tarnzustand, man beachte hinten die auffälligen Antennen (Bild: fresh.co.il)

Tatsächlich kam das System bisher nie in einem klassischen konventionellen Krieg zum Einsatz, so viel man weiss auch nie gegen Panzer, wie es ursprünglich gedacht war, und erstmals überhaupt erst 2005: Da feuerten Perehs in den Gazastreifen. Weitere Einsätze erfolgten im Sommerkrieg 2006 gegen die Hisbollah im Libanon (angeblich wurden 527 Raketen verschossen) und in den späteren Kämpfen mit der Hamas in Gazah: Man konnte deren Kämpfer aus sicherer Entfernung heraus präzise beschiessen (Kollateralschäden – sprich tote Zivilisten – wird es dennoch wohl gegeben haben).

Vergeltungsbeschuss auf dem Golan

Nach Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs 2011 wurden Perehs auf die Golanhöhen verlegt und beschossen seither öfters Stellungen der syrischen Armee als Vergeltung für Beschuss israelischen Gebietes. Aufgrund ihrer Schusspräzision und des Schutzes der Besatzung haben sie sich als ideal für asymmetrische Konflikte erwiesen. Eigentlich kamen und kommen sie mehr als weitreichende Präzisionsartillerie denn als Panzerjäger zum Einsatz. Über Verluste ist nichts bekannt

Beobachtern zufolge könnte Israel nun interessiert sein, das Pereh-System ins Ausland zu verkaufen, zumindest als Raketen-Nachrüstsatz für andere gebräuchliche Panzer. Allerdings scheint das wenig wahrscheinlich, denn in bestehenden Kampfpanzermodellen wären umfangreiche Umbauten in Turm und Kampfraum nötig. Einfacher wäre es, wenn die jeweiligen Panzerhersteller gleich neue Turmmodelle konstruierten, die den israelischen Raketenwerfer aufnehmen können.

Für Spike NLOS sind natürlich wie erwähnt andere Startvorrichtungen möglich, etwa an Hubschraubern. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete Ende 2011, dass das Militär etwa 50 Spike NLOS bestellt habe. Als Stückpreis wurden 300.000 US-Dollar angegeben. Man will damit vorrangig nordkoreanische Artilleriestellungen bekämpfen, wenn aus diesen, wie es gelegentlich geschieht, auf Südkorea geschossen wird.

Video aus Suchkopf einer Spike NLOS, Südlibanon, Sommer 2006:

Übungsschiessen auf Panzer:

(WOLFGANG GREBER  / DiePresse.com)



Kategorien:Sicherheit

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: