Auf nach Zion


templemount_jewNoch nie wanderten so viele europäische Juden nach Israel aus. Grund ist der gesteigerte Antisemitismus – aber nicht nur.

70 Jahre nach seinem Tod drohe Hitlers Lebensziel doch noch wahr zu werden: «ein judenfreies Europa». Zu dieser Aussage sah sich der deutsch-israelische Publizist Rafael Seligmann vor knapp einem Jahr veranlasst. Grund waren die hohen Migrationszahlen europäischer Juden. Insgesamt 26’500 Juden wanderten 2014 nach Israel aus, das waren so viele wie seit einem guten Jahrzehnt nicht mehr. Die aktuellen Zahlen werden Seligmann kaum zum Rückzug seiner Aussage bewegen. Im Gegenteil: Mehr als 30’000 Juden entschlossen sich dieses Jahr, nach Israel zu migrieren. So viele wie noch nie.

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In welchen Ländern am meisten Juden leben. Die Schweiz rangiert an 18. Stelle. (Quelle: Berman Jewish Policy Archive)

Besonders augenfällig ist der Aderlass in Frankreich – dem europäischen Land mit der grössten jüdischen Gemeinde. Gemäss der israelischen Immigrationsbehörden verliessen dieses Jahr 7900 Juden das Land. 2014 war die Auswanderungsquote noch zehn Prozent tiefer, und nochmals ein Jahr zuvor war sie um mehr als zwei Drittel tiefer. Hinzu kommen Hunderttausende Franzosen, die bei der halbstaatlichen Einwandererorganisation Jewish Agency for Israel anrufen, um sich über einen Umzug nach Israel zu informieren. «Viele Juden spüren seit einiger Zeit, dass sie in Frankreich nicht offen als Juden leben können», sagte ein Sprecher der Jewish Agency. Nach den Terroranschlägen in Paris habe sich ihre Angst noch verstärkt.

Mehr Attacken auf Schweizer Juden

In der Schweiz ist die Auswanderung vergleichsweise marginal: 81 Juden verliessen 2014 das Land in Richtung Israel. Fürs laufende Jahr gibt es noch keine Angaben. Stellt man die Zahlen allerdings denjenigen in Deutschland gegenüber, so fällt auf, dass aus der Schweiz fast gleich viele Juden ausgewandert sind. Dies, obwohl die Diaspora im Nachbarsland rund sechsmal grösser ist. Ein möglicher Auswanderungsgrund ist der Anstieg der Attacken gegen Juden. 66 gravierende antisemitische Vorfälle registrierte der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) im Jahr 2014 – fast dreimal mehr als ein Jahr zuvor. Zweimal kam es gar zu physischen Übergriffen.

In der Schweiz sei es allerdings nicht primär die Angst vor antisemitischen Attacken, welche Juden zum Auswandern bewege, sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Israelischen Gemeindebunds (SIG), zu Bernerzeitung.ch/Newsnet. Religiöse und soziale Motive, eine gute Infrastruktur zur Praktizierung des jüdischen Glaubens und die Möglichkeit, für einmal nicht Teil einer Minderheit zu sein, würden eine wichtige Rolle spielen: «Manche schätzen es ganz einfach, dass sie in Israel, anders als in der Schweiz, nicht auffallen mit einer Kippa auf dem Kopf», sagt Kreutner. Viele verstehen sich als Zionisten mit starker Verbindung zu ihrem Heimatland.

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Die jüdische Diaspora schrumpft seit dem Zweiten Weltkrieg stetig. In den vergangenen zwei Jahren (in der grünen Kurve noch nicht sichtbar) kommen Zehntausende weitere jüdische Migranten dazu. (Grafik: Berman Jewish Policy Archive)

Die Hoffnungen der jüdischen Auswanderer sind gross. «Alija» heisst auf Hebräisch die Migration nach Israel, was sich mit dem «Aufstieg» ins Gelobte Land übersetzen lässt. «Israel ist eure Heimat und wartet mit offenen Armen auf euch», sagte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu dieses Jahr. In Israel herrscht Willkommenskultur.

Doch manchmal werden die hohen Erwartungen enttäuscht. «Einige kehren nach einer gewissen Zeit in die Schweiz zurück», sagt Kreutner. Die Integration sei nicht immer einfach, die Lebensstandards bisweilen tiefer als hierzulande. Und nicht alle Juden fühlen sich gleich willkommen: Mehrere Tausend Immigranten aus der früheren Sowjetunion verliessen etwa in den vergangenen Jahren Israel wieder. Als säkulare Juden fanden sich viele von ihnen in dem Staat nicht zurecht: Israelische Rabbiner haben bei Heiraten, Todesfällen und anderen zivilrechtlichen Angelegenheiten ein wichtiges Wort mitzureden.

Mehr Geld für Integration

Israel ist sich der Problematik bewusst, welche die erhöhte Einwanderung mit sich bringt. Angesichts des «historischen Augenblicks» sei ein langfristiger «nationaler Plan» nötig, sagte Natan Scharanski, Chef der Jewish Agency for Israel. Die Regierung beschloss deshalb ein Hilfsprogramm für Neueinwanderer in der Höhe von gut 40 Millionen Euro. Damit soll etwa der Hebräischunterricht für Neuankömmlinge gefördert werden – falls möglich schon im Herkunftsland.

Die sprachliche Integration ist für jene besonders schwierig, die zurzeit in grosser Zahl nach Israel kommen: die französischen Juden. Anders als Einwanderer aus den USA oder England, die sich in Israel gut mit Englisch durchschlagen können, ist ihre Heimatsprache in der neuen Heimat kaum verbreitet. Kommt dazu: Mitgebrachte Schul- und Berufsabschlüsse werden in Israel kaum anerkannt.

Eigene Stadt für französische Juden?

Dabei könnte Israel neue, hoch qualifizierte Arbeitskräfte gut gebrauchen. Die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise tief, die Arbeitsmarktsituation besser als beispielsweise in Frankreich. Dafür stellt sich ein anderes Problem: der überhitzte Wohnungsmarkt. Gemäss der «FAZ» trägt die Nachfrage wohlhabender Einwanderer aus Frankreich dazu bei, dass besonders in den Städten und an der Küste und in Jerusalem die Immobilienpreise stark steigen.

Das verlangt nach kühnen Einfällen. Zum Beispiel jener von Dov Maimon von der Jewish Agency for Israel. Der Rabbiner, der einst selbst aus Frankreich nach Israel kam, möchte eine eigene Stadt für französische Einwanderer hochziehen – eine Retortenstadt in der Negev-Wüste: «So wie Phoenix in Arizona», sagt Maimon der «Frankfurter Rundschau». Finanzieren würde sich das Projekt, indem man etwa damit an die Börse in New York gehe. «Einwanderer kurbeln die Wirtschaft an», sagt Maimon. Ökonomisch habe Israel Frankreich längst überholt. (Martin Sturzenegger / Tagesanzeiger)

 



Kategorien:Gesellschaft

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