Die jüdische Identität frei wählen


Dudi Sela

Die jüdische Existenz ist aus mehreren Gründen ein Rätsel. Wer nur ein bisschen über die jüdische Geschichte weiss, weiss auch, dass Juden in sehr schwierigen Zeiten den Tod vor einem zwangsweisen Übertritt wählten, der ihnen ein besseres Leben versprach. Sei es während unserer aufgeklärten Zeit oder unter dem Islam oder dem Christentum.

Es schien, als würden Juden ihren Traditionen treuer bleiben, je schlimmer ihre Verfolgung war. „Je mehr man sie verfolgte, desto mehr wurden sie und wuchsen.“

Das Gegenteil scheint jedoch der Fall zu sein, wenn Juden in toleranten Gesellschaften leben. Je toleranter eine Gesellschaft ist, desto eher sind Juden bereit, ihr Erbe zu verleugnen. Als die damals aufgeklärten Griechen in Israel herrschten, liessen sich Juden massenweise hellenisieren. Nach vielen Jahren solch sündhafter Verhaltensweisen entzündete Mattityahu 167 vor unserer Zeitrechnung eine Revolte, indem er einen Juden tötete, der dem Befehl des Antiochus Epiphanes gehorchte und den griechischen Göttern ein Opfer darbrachte. Mattityahu und seine Leute waren eine kleine Minderheit, die es ablehnten, ein gutes Leben zu führen, wie es die Juden lange getan hatten.

Ähnliches kann man heute vielleicht sogar besser erkennen denn je. In Amerika, dem Land der Freiheit, assimilieren sich mehr Juden als Juden dem jüdischem Glauben treu bleiben. In diesem Land, in dem Juden ihr jüdisches Leben auf vollste Weise, ohne jegliche Störungen, ausleben können, identifizieren sich mehr Juden mit der „aufgeklärten“ Gesellschaft ihres Landes anstatt mit dem Judentum.

Im einzigen jüdischen Staat der Welt sind die meisten Juden säkular und viele beschweren sich heftig über die religiösen Beschränkungen in unserem Land, wie die fehlende Unterhaltung am Jom Kippur. Es ist fast ein Axiom, dass ein Jude seine Identität abwirft, je freier er ist.

Es klingt merkwürdig, aber es scheint, als sei es in einer freien Gesellschaft schwieriger, seine jüdische Identität zu wählen, als in einer unterdrückten. Dieses Phänomen wurde allerdings bereits vor langer Zeit von den jüdischen Weisen erkannt, die die Juden Persiens unter König Ahasveros (von Historikern oft als Xerxes erkannt) lobten, da diese sich zum ersten Mal in der Geschichte des Judentums freiwillig dem Gesetz Mose unterordneten.

Die Entscheidung, ein Jude zu sein, ist nichts anderes als ein Wunder. Man erinnert sich dabei gerne an den Monolog von Tevje, dem Milchmann, mit Gott: „Ich weiss, ich weiss. Wir sind das auserwählte Volk. Aber könntest du ab und zu vielleicht mal jemand anderen erwählen?“ Deshalb ist der Facebook-Eintrag des Gründers Mark Zuckerberg keinesfalls etwas Selbstverständliches. Dieser zeigte darin deutlich sein jüdisches Erbe, obwohl er sich in diesem Zusammenhang vor niemandem rechtfertigen muss. Er wählte, nicht zum ersten Mal, seine jüdische Identität hervorzuheben, als er auf seine Facebook-Seite schrieb: „Heute geht Jom Kippur zu Ende, der heiligste Tag des jüdischen Jahres, an dem wir über das letzte Jahr nachdenken und um Vergebung für unsere Fehler bitten … für Fälle, in denen meine Arbeit benutzt wurde, um Menschen auseinanderzutreiben, anstatt sie näher zu bringen, bitte ich um Vergebung.“

Zur selben Zeit nahm der israelische Tennisstar Dudi Sela eine ähnliche Position ein. Sela ist keineswegs religiös, aber als der Versöhnungstag während des Shenzen Turniers in China immer näher kam, musste sich Sela entscheiden, was ihm wichtiger ist, Tennis oder seine jüdischen Werte. Sela entschied sich für das letztere, was ihn tausende Dollar kostete. Für die Entscheidung wurde Sela von der israelischen Ministerin für Sport und Kultur, Miri Regev, auf höchste Weise gelobt. Sie schrieb: „Ich war von Ihrer Entscheidung, ihr Spiel aufgrund des Versöhnungstags abzubrechen, sehr bewegt … Möge Gott Sie segnen und während Ihrer Karriere an Ihrer Seite stehen.“

Man muss hinzufügen, dass Sela nicht nur als Privatperson am Turnier teilnahmen, sondern Israel und alles, wofür das Land steht, repräsentierte.

„Der heutige Heldenmut,“ schrieb die Journalistin Sivan Rahav-Meir, „kommt aus dem Inneren, anstatt von externem Druck. Der Heldenmut von Zuckerberg und Sela ist genauso lobenswert wie der Heldenmut unter Zwang.“

(Tsvi Sadan / Foto: Uri Lenz/ Flash90)



Kategorien:Gesellschaft

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