Pilotprojekt in Israel – Aus Hausmüll wird Plastik


Müllhalde bei Kibbutz Zeelim (Israel)

Kibbuz Zeelim, Christopher Sveen steht vor einem Haufen Müll, der in der Wüstenhitze vor sich hin rottet. Falken und Geier kreisen in der Luft. „Das ist die Goldmine der Zukunft“, sagt der Mann mit einem Blick auf die Abfälle. Und vielleicht hat er Recht. Sveen ist Betriebsdirektor von UBQ, einer israelischen Firma, die ein Verfahren zur Umwandlung von Haushaltsmüll in Plastik entwickelt hat.

Das Unternehmen betreibt eine Pilotanlage und eine Forschungseinrichtung im Kibbuz Zeelim am südlichen Rand der Negev-Wüste. Die kleine Anlage kann pro Stunde eine Tonne städtischen Müll verarbeiten.

Das ist eine relativ kleine Menge und würde nicht ausreichen, um den Anforderungen auch nur einer mittelgroßen Stadt zu entsprechen. Aber UBQ plant nach eigenen Angaben eine Erweiterung und hofft, dass das patentierte Verfahren eines Tages die Müllkippen weltweit überflüssig macht – wenn sich die Technologie als langfristig zuverlässig und wirtschaftlich vernünftig erweist.

„Wir verwenden etwas, das nicht nur keinen Nutzen hat, sondern unserem Planeten auch viel Schaden zufügt, und wir sind in der Lage, es in Dinge zu verwandeln, die wir jeden Tag gebrauchen“, sagt Albert Douer, Vorstandsmitglied des Unternehmens. Das produzierte Material könne als ein Ersatz für konventionelles petrochemisches Plastik und Holz dienen – was den Ölverbrauch und das Abholzen von Wäldern verringern würde.

UBQ hat mittlerweile umgerechnet gut 24 Millionen Euro von privaten Investoren zusammenbekommen. Einer der Finanziers ist Douer, der als Topmanager des internationalen Plastik-Konglomerats Ajover Darnel Group arbeitet. Dem Beirat von UBQ gehören namhafte Wissenschaftler an, so Chemie-Nobelpreisträger Roger Kornberg, Biochemiker Oded Schosejow von der Hebräischen Universität Jerusalem und die frühere EU-Kommissarin für Klimaschutz, Connie Hedegaard.

Und wie funktioniert das Ganze? Firmenchef Jack Bigio zeigt auf Bündel von Abfällen, die von einer örtlichen Müllhalde stammen. Nach seiner Schilderung werden als erstes Gegenstände wie Glas, Metall und Mineralien aussortiert, die sich Recyceln lassen. Dann wird der verbleibende Müll getrocknet und zu Puder zermalmt – seien es Bananenschalen, Hühnerknochen, Hamburger-Reste, schmutziges Plastik oder schmutzige Kartons, wie Bigio erklärt. Aus dem Puder entsteht anschließend in einer Reaktionskammer ein plastikähnliches Kompositmaterial.

Nach Angaben von UBQ werden in dem Verfahren kein Kohlendioxid oder giftige Nebenprodukte erzeugt. Es erfordere außerdem nur wenige Energie und benötige kein Wasser.

Das Unternehmen UBQ betreibt eine Pilotanlage und eine Forschungseinrichtung im Kibbuz Zeelim am südlichen Rand der Negev-Wüste. (Foto: AP)

Der UN-Umweltorganisation Unep zufolge werden fünf Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen durch verwesendes organischen Material auf Müllhalden erzeugt. Rund die Hälfte davon ist Methan, laut Weltbank ein 21-mal stärkerer Faktor beim Treibhauseffekt als Kohlendioxid.

Mit jeder Tonne seines produzierten Materials werde die Erzeugung von drei bis 30 Tonnen Kohlendioxid durch Abfälle auf Müllhalden verhindert, erklärt UBQ. Der Stoff könne als Zusatz zu konventionellem Plastik verwendet und zu Ziegeln, Balken, verschiedenen Behältern und Baumaterialien geformt werden. Im Gegensatz zu den meisten Plastikarten zerfalle der Stoff beim Recyceln nicht.

Das Unternehmen glaubt, dass die Umwandlung von Müll in vermarktungsfähige Produkte profitabel ist und langfristig keiner staatlichen finanziellen Unterstützung bedarf. Aber es gibt Skeptiker. Duane Priddy etwa, Topmanager der Beratungsfirma Plastic Expert Group, nennt UBQs Angaben „zu gut, um wahr zu sein“ und vergleicht die Sache mit Alchemie.

„Chemiker haben über Jahrhunderte hinweg versucht, Blei in Gold umzuwandeln, ohne Erfolg“, schreibt Priddy in einer E-Mail. „Genauso haben Chemiker seit mehreren Jahrzehnten versucht, Müll in Plastik zu verwandeln.“

Aber auch wenn sich die Technologie als erfolgreich erweist, stellen sich UBQ andere Fragen. Der Bau zusätzlicher Anlagen könnte teuer und zeitaufwendig sein, und es muss einen Markt für diese Plastikprodukte geben. Die Firma sagt, dass sie bereits mit grösseren Kunden über Verträge verhandele, aber sie hat es abgelehnt, Einzelheiten zu nennen.

Unep würde auf jeden Fall jubeln: Es hat die Beseitigung fester Abfälle zu einem zentralen Punkt bei der Bekämpfung der Umweltverschmutzung weltweit gemacht. Müllkippen verseuchen nicht nur Luft, Wasser und Erde, sondern nehmen auch Land und Ressourcen in Anspruch, die besser auf andere Weise genutzt werden könnten.

„Jedes Jahr werden weltweit schätzungsweise 11,2 Milliarden Tonnen an Feststoffabfällen gesammelt“, erklärt die UN-Organisation. Die beste Lösung sei natürlich eine Reduzierung der Müllproduktion, aber wo das nicht möglich sei, „sollte die Rückgewinnung von Materialien und Energie aus Abfall sowie das Recyceln zu verwertbaren Produktion die zweite Option sein.“

Israel hinkt in Sachen Müllbeseitigung hinter anderen entwickelten Staaten zurück. 2016 etwa wurden nach offiziellen Statistiken in diesem Land mit seinen acht Millionen Einwohnern 5,3 Millionen Tonnen Müll erzeugt. Über 80 Prozent landeten auf zunehmend überfüllten Halden. Ein Drittel dieser Abfälle sind Essensüberreste, die verrotten und dabei Treibhausgase produzieren. Für UBQ bedeuten Israels Müllkippen eine nahezu endlose Versorgung mit Rohmaterial. (Handelsblatt)



Kategorien:Wirtschaft

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