Wie lange hält diese Waffenruhe?


Israelische Panzer an der Grenze zum Gaza

Die israelische Armee hat als Reaktion auf die Angriffe seit gestern insgesamt 65 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Man sei nicht an einer weiteren Eskalation der Situation interessiert, erklärte ein Sprecher der Armee. Seit heute früh um 5 Uhr ist es still, es hat keinen Raketenbeschuss mehr gegeben.Kein schulfrei heute im israelischen Grenzgebiet zum Gazastreifen. Doch so ganz trauen die Israelis der Ruhe in der Palästinenser-Enklave nicht, Schulausflüge sind gestrichen.

Gestern Abend gab es Berichte, wonach die Hamas und der Islamische Jihad sich mit Israel auf einen Waffenstillstand geeinigt hätten. Einem Bericht des Nachrichtenportals Ynet zufolge handelte sich nicht um einen Waffenstillstand, sondern nur um eine Vereinbarung zwischen den Terroristen und den Ägyptern, denen sie erklärten, den Beschuss auf Israel einseitig einzustellen in der Hoffnung, dass auf israelischer Seiter nach der Formel „Ruhe für Ruhe“ gehandelt werde.

Es wird angenommen, dass die Hamas und der Jihad damit den Eindruck erwecken wollten, als habe man bei der Auseinandersetzung mit Israel ein „Unentschieden“ erreicht, als hätten die Terrororganisationen mit dem Beschuss israelischer Orte etwas erreicht, was die israelische Armee zum Umdenken zwinge.

Israel war gestern nicht dazu bereit, mit der Hamas oder dem Islamischen Jihad auf irgendeine Abmachung einzugehen, solange noch geschossen würde. Der israelische Kabinettsminister Naftali Bennet sagte im israelischen Hörfunk, eine formelle Waffenruhe mit Israel gebe es nicht. Doch der Gegner wolle offensichtlich keine weitere Gewalt. Wenn die Palästinenser ihre Waffen schweigen lassen, will das israelische Militär das respektieren. Israel werde die Ruhe entsprechend beantworten, die Armee sei nicht an einer Eskalation interessiert, hatte Militärsprecher Jonathan Conricus zuvor gesagt.

Das hörte man im Gazastreifen nicht gerne, was der Grund für den Beschuss nach der „Verkündung“ des Waffenstillstandes von gestern Abend gewesen war.

Rund 180 Raketen und Mörsergranaten waren nach Angaben des israelischen Militärs seit gestern früh aus dem Gazastreifen abgefeuert worden, viele fing die Luftabwehr ab. Israel zerstörte daraufhin einen Tunnel im Gaza-Grenzgebiet zu Ägypten und flog massive Luftangriffe auf Produktionsstätten für Raketen und Waffen sowie Trainingscamps und Drohnenlager der militanten Gruppe Islamischer Jihad und vor allem der radikalislamischen Hamas, die im Gazastreifen regiert.

„Wir machen die Hamas für jeden gegen Israel gerichteten Akt der Aggression aus dem Gazastreifen verantwortlich, egal von welcher Terrororganisation er begangen wird“, sagte Militärsprecher Conricus. Denn die Hamas könne den Grad der Aggression kontrollieren. Nun gebe man der Hamas die Chance, zur Normalität zurückzukehren.

Experten deuten die gestrige Eruption der Gewalt jedoch als Indiz dafür, dass Hamas keineswegs so fest im Sattel sitzt wie vermutet. Die radikalen Islamisten hatten sich in den vergangenen Wochen darauf beschränkt, die Demonstrationen entlang des Grenzzauns zu Israel zu dirigieren. Obwohl mehr als 110 Palästinenser bei den Protesten gegen die israelische Blockade getötet und weit über 1000 verletzt wurden, untersagte Hamas anderen Gruppen dem Vernehmen nach grossangelegte Vergeltungsschläge.

Die Hamas-Führung beharrte offenbar auf einer politischen Lösung des Konflikts. Doch der Islamische Dschihad hielt sich nicht daran.

Am Wochenende hatte ein israelischer Panzer einen Beobachtungsposten der Gruppe beschossen und drei Terroristen getötet, nachdem Palästinenser Sprengsätze auf dem Zaun zu Israel angebracht hatten. Seine Gruppe wolle keinen Krieg, erklärte ein Sprecher des Islamischen Dschihad. Aber man habe Israel daran erinnern wollen, dass man über die Möglichkeiten verfüge.

Die hat sie wohl vor allem dank iranischer Unterstützung. Zwar brüstet sich auch Hamas mit guten Beziehungen zu Teheran, doch Israel betrachtet den Islamischen Dschihad als eigentlichen Stellvertreter Irans im Gazastreifen. So sollen die Mörsergranaten, die die Gruppe jetzt auf israelisches Gebiet abfeuerte, aus iranischer Produktion stammen. Nun wird spekuliert, dass Iran versucht, die Lage an Israels Südfront anzuheizen.

Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman reist heute nach Russland; Moskau soll in Syrien dafür sorgen, dass iranische Kräfte und Kämpfer der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah aus dem syrischen Grenzgebiet zu Israel abziehen. Anfang des Monats hatten iranische Truppen vor dort aus israelische Stellungen auf den Golanhöhen beschossen, Israel reagierte mit Gegenangriffen.

Zur Stunde ist es weiterhin ruhig. Im Gazastreifen scheint vom hohen Ast runtergestiegen zu seien, auf dem sie gestern gestiegen waren mit der Verkündung über die Einigung mit Israel auf einen Waffenstillstand, die es nicht gegeben hat. Dabei ist es doch so einfach: Keine Raketen auf Israel = Keine Angriffe im Gazastreifen. Denn Israel hat momentan kein Interesse daran, die Kontrolle der Hamas über den Gazastreifen zu beenden, denn es gibt niemanden, der die Kontrolle übernehmen könnte. Und eine Anarchie im Gazastreifen ist das letzte, woran Israel interessiert ist. Daher bemüht sich die israelische Armee immer darum , den Terrororganisationen ein Ende der Eskalation zu ermöglichen, ohne das diese zugeben müssen, die Verlierer der letzten Runde der Gewalt gewesen zu sein.

Ein erneuter Krieg im Gaza-Streifen scheint vorläufig abgewendet. Welche Normalität es ist, die Israel damit ermöglichen will, muss sich zeigen.

(Chaim Stolz, JNS  / Sabina Matthay, ARD / Bildquelle: AP)

 



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