Antisemiten und Ursache des Antisemitismus


Was ist die Ursache des Antisemitismus?

Zwei bis heute unerklärliche Mysterien beherrschen die Weltgeschichte: Das erste Mysterium ist der Antisemitismus, der sich wie nur wenige Erscheinungen so beständig, universal und voraussehbar hält. Unabhängig von Land, Kultur, Religion, Lebensweise oder Philosophie gibt es eine historische Gemeinsamkeit: Juden wurden sowohl von einzelnen Persönlichkeiten, als auch von grossen Bevölkerungsteilen abgelehnt.

Was aber wussten jene Menschen über die Juden? Manchmal glaubten sie, viel zu wissen, manchmal wussten sie wenig oder gar nichts, – und doch fühlten sie in Gegenwart von Juden unbehaglich. „Begründungen“, die diese Antisemiten hervorbrachten, lassen uns nach dem Warum ihres Denkens fragen.

So gibt es z.B. eine sogenannte Verschwörungstheorie, nach der wir die Weltherrschaft anstreben. Wir haben zwar auch unsere Fehler, doch wie kommen Menschen auf die Idee, dass Juden die Welt erobern wollen? Um das Mysterium des Antisemitismus zu verstehen, sollten wir zuerst seine „Zielscheibe“, das jüdische Volk, betrachten.

Doch das leitet das zweite Mysterium mit der Frage ein: Wer ist ein Jude und was ist überhaupt dieses Judentum, dass manche Menschen so hassen? Ist es eine Religion, eine Kultur, eine Familienangelegenheit, eine Nation?

Die Juden wurden in der Bibel stets „das auserwählte Volk“ genannt. Eine neuere Definition liefert ein nichtjüdischer Professor einer israelischen Universität, ein ehemaliger Priester, der Philosophie unterrichtet. Er war sehr bestürzt über die israelischen Kritiken, als Israel sich gezwungen sah, Soldaten nach Libanon zu schicken. Er war noch mehr bestürzt, als die Juden selbst, und beschloss, sich im Rahmen einer Pressekonferenz zu äussern. Dort verkündete er Israels gutes Recht, sich zu verteidigen, was er für moralisch absolut korrekt hielt, und wurde bei dieser Pressekonferenz gefragt, wie er Juden definiert. Der Professor antwortete: „Ein Jude ist jemand, der religiös ist, ohne es zu wissen, – und das gilt für alle Juden, von der extremen Rechten bis zur extremen Linken. Dieses Phänomen wird sogar bei Juden beobachtet, die zum Christentum oder was auch immer übergetreten sind.“

Beide Beschreibungen des jüdischen Volkes werfen jedoch mehr Fragen als Antworten auf. Auserwählt? Wozu auserwählt? Warum muss G-tt sich ein Volk auserwählen? Und wie kann ein Mensch religiös sein, ohne es zu wissen?

Das Auserwählt-Sein

In der Schöpfungsgeschichte steht nirgends, dass G-tt etwas auserwählt hätte. Er plante das zu Erschaffende und erschuf es. Was bedeutet dann, dass Er das jüdische Volk auserwählt hat? Er hätte ja nur die Juden zu erschaffen brauchen. Wenn G-tt aber das jüdische Volk „auserwählt“ hat, dann müssen ursprünglich alle Menschen gleich gewesen sein, doch G-tt hat entschieden, dass eine bestimmte Nation eine bestimmte Aufgabe erfüllen soll. Deshalb sah Er sich um, begutachtete die Kandidaten und entschied sich, uns zu wählen, – und so wurden wir, die Juden, zum auserwählten Volk.

Jeder hätte es sein können, – es war Seine Wahl und G-tt wählte uns. Doch hätte Er auch andere wählen können, die dann jüdisch geworden wären, was aber keinen Sinn ergibt. Wenn der Wille G-ttes die Erschaffung eines auserwählten Volkes ist, dann erschafft er sich dieses Volk, – und ein Volk hat selbst keine Wahl, „auserwählt“ erschaffen zu werden. Wo also ist die Wahl für das jüdische Volk hinsichtlich besonderer Merkmale, die den Juden jüdisch machen?

In Amerika begeistert uns die Idee der Gleichheit. Weil alle Menschen gleich sind und dieselben Rechte haben, fühlen wir uns unbehaglich mit der Idee des auserwählten Volkes und bemühen uns, Diskretion zu wahren und das Thema möglichst nicht zu erwähnen. Wir versuchen dem nichtjüdischen Nachbarn zu erklären, dass Auserwählt-Sein nicht Anders-Sein bedeutet. Sein Grossvater hätte auserwählt werden können, nur konnte unser Grossvater im Gegensatz zu seinem Grossvater bereits einen hebräischen Text lesen, und daher wurde unser Grossvater gewählt.

Doch was hätte das mit einer Wahl zu tun? Gemäss chassidischer Weltanschauung bedeutet der Begriff „Auswahl“ eine Anzahl Dinge, die alle denselben Zweck erfüllen und dieselben Bedürfnisse decken. Da wir nur eins dieser Dinge brauchen, müssen wir wählen. Doch wenn z.B. nur einer dieser Grossväter die notwendigen Voraussetzungen erfüllt, um G-tt auf eine bestimmte Weise zu dienen, während der andere Grossvater andere Qualitäten aufweist, wo ist dann da die Wahl?

Zur Veranschaulichung: Möchten wir z.B. nur eine Orange, erhalten aber einen Früchtekorb, der auch eine Orange enthält und nehmen jene Orange heraus, dann haben wir sie nicht ausgewählt, denn wir wollten von vornherein nur diese Orange. Wir gaben also nicht der Orange nach reiflichem Überlegen den Vorrang gegenüber den anderen Früchten. Die Orange war die einzige Frucht zur Erfüllung unseres vorgefassten Planes. Nach chassidischer Definition war das keine Wahl, weil die anderen Früchte nie in Betracht kamen.

Ein Midrasch sagt: G-tt bot Seine Tora allen Nationen an, aber jede von ihnen wies sie zurück. Dann bot Er sie den Juden an, und sie nahmen sie. Heisst das, jeder hätte jüdisch sein könnte, hätte er die Tora als Erster akzeptiert?

Im Gegenteil: Der Midrasch erklärt, ist dass niemand ausser den Juden hätte die Tora akzeptieren können, weil die Tora speziell für die Juden gedacht war und nur zu ihnen passt. Der Midrach besagt nicht, dass G-tt den übrigen Nationen die Beachtung der Regeln z.B. für koscheres Essen oder dem Pessachfest angeboten hat. Es wäre nicht sinnvoll, die Ägypter dazu aufzufordern, Mazza und Maror zum Andenken an die Leiden ihrer Vorväter in Ägypten zu essen. G-tt bot den übrigen Nationen nicht die 613 Mizwot der Tora an, die sich nur auf die Juden beziehen, sondern zeigte ihnen die 7 Gebote Noachs, denn diese verlangt die Tora von ihnen. G-tt fragte die Nationen, ob sie diese 7 Gebote unverzüglich und fraglos beachten würden, aber sie antworteten: „Nein, wir wollen erst wissen, worum es sich handelt.“ Doch als G-tt zu den Juden kam und ihnen 613 Gebote anbot, akzeptierten sie ohne nach dem Inhalt zu fragen.

Der Midrasch will nicht sagen, dass G-tt unter den verschiedenen Nationen fragte, ob sie wohl das Jüdische Volk sein möchten. Sie waren keine Juden und würden es niemals werden. Wenn Er Juden will, kann Er zu Abraham gehen, wenn Er Ägypter will, geht er nach Ägypten … es gibt nichts zu wählen.

Weitere Betrachtung: Der Begriff des auserwählten Volkes wird durch die Übergabe der Tora beschrieben. G-tt sagte zu Moses am Berg Sinai, sein Volk auf die Übergabe der Tora vorzubereiten, um Sein auserwähltes Volk zu werden. Dort wandte sich G-tt an jene Menschen, die Er gerade erst selber aus Ägypten herausgeführt hatte, indem er ihre Widersacher mit zehn Plagen gequält und durch Wunder die Durchquerung des Schilfmeers ermöglicht hatte, – eben weil sie Juden sind. Er nahm sie aus Ägypten heraus und brachte sie zum Sinai Berg, um ihnen die Tora zu geben. Falls sie durch die Übergabe der Tora zum auserwählten Volk wurden, stellt sich die Frage, was sie zuvor waren. Sie waren G-tt sicher nicht fremd. Sie waren bereits für etwas Besonderes gekennzeichnet. Warum hätte G-tt sonst die Mühe auf Sich genommen, sie aus Ägypten herauszuholen?

Was ist ein Jude?

Der Aspekt des Auserwählt-Seins kennzeichnet nicht wirklich die Beschreibung des Juden. Vielmehr ist ein Jude eine spezielle Beschaffenheit. G-tt erschuf das Gras, die Bäume, die Steine, das Wasser, die Tiere, die Menschen und die Juden. Ein Jude ist eine besondere Schöpfung, daher unterscheidet sich die Seele eines Juden von Grund auf von der Seele eines Nichtjuden. Die Kabbala sagt, dass alles durch „G-ttes Sprechen“ erschaffen wurde: G-tt sprach z.B. „Es soll Licht werden“, und es wurde Licht. Die Welt wurde durch G-ttes Sprechen erschaffen, – ausser den Juden.

Der Sohar sagt, dass der Jude durch „G-ttes Gedanken“ entstand und nicht durch „G-ttes Sprechen“. Das Sprechen können wir unterlassen. Doch das Denken ist nicht anzuhalten: Denken wir nicht mehr an das Eine, so denken wir etwas Anderes.

Durch Sprechen Erschaffenes ist begrenzt. Denn es gab eine Zeit, als der Zeitbegriff noch gar nicht existierte und G-tt noch nicht sprach: „Es soll Licht werden“. Bevor Er das Wort Licht aussprach, war das Licht noch gar nicht vorhanden. Einst gab es keine Welt, und die jetztige ist von endlicher Dauer und „geographisch“ begrenzt. Doch die Aussage, dass die Seele des Juden durch G-ttes Gedanken erschaffen wurde, bedeutet, dass die Seele des Juden nicht einem äusserlichen Ausdruck, wie die Sprache, entstammt, sondern aus einem inneren, persönlichen, intimen Ort kommt, der mit den Gedanken verglichen werden kann. Daher ist die Seele eines Juden „ein Teil von G-tt“, wie es das Buch Tanja beschreibt, und nicht etwa eine weitere „Schöpfung“.

Das Wesen eines Juden, d.h. was ihn zum Juden macht, ist seine Seele, – und seine Seele ist nicht das Resultat eines Schöpfungsaktes. Die Seele des Juden ist ein ewiger, unbegrenzter Teil des ewigen, unbegrenzten G-ttes. Wer diese Seele hat, ist jüdisch und wer sie nicht hat, ist nicht jüdisch, sondern ist ein menschliches Wesen, das in den sechs Tagen der Schöpfung durch G-ttes Sprechen erschaffen wurde.

[Spricht die Tora von einem Proselyt, bedient sie sich nie des Ausdrucks „eines zum Judentum bekehrten Nichtjuden“, sondern „eines zum Judentum bekehrten Proselyt.“ So gibt es drei Arten von Menschen: Juden, Nichtjuden, Proselyten. Der Proselyt steht daher zwischen einem Juden und einem Nichtjuden, bis er übertritt und vollständig zum Juden wird. Menschen werden mitunter als Nichtjuden geboren, doch brennt in ihnen der Funke einer jüdischen Seele, die sich danach sehnt, zum jüdischen Volk zurückzukehren. Diese Seele findet daher keine Ruhe, bis sie konvertiert hat. Diese Seele ist unsichtbar und nicht an den Eigenschaften dieser Person erkennbar, doch wird sie alles daransetzen, damit der Betroffene sich bekehrt. Daher entmutigen wir ihn zuerst, indem wir ihn zurückweisen und ihm die Schwierigkeiten und Gefahren erklären. Erst wenn uns und dem Anwärter selbst klar wird, dass auch er eingesehen hat, dass eigentlich alles gegen eine Konversion spricht, doch irgendetwas in seiner Seele ihn trotzdem nicht ruhen lässt, ist es für ihn ratsam, diesen Prozess fortzusetzen. Wir können ihm garantieren, dass erfahrungsgemäss sein Leben schwerer sein wird. Wir wollen es ihm nicht antun, es sei denn, es handle sich um die Seele eines Proselyten, dessen Leben ohne Übertritt noch unangenehmer sein wird.]

In der Tora finden wir Parallelaussagen: Wir werden z.B. gebeten, G-tt mit unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Seele und mit unserem ganzen Vermögen zu lieben und wir werden gebeten, unsere Mitjuden wie uns selbst zu lieben. Ein weiteres Beispiel ist, dass wir Ehrfurcht haben sollen vor G-tt. Rabbi Akiwa lernt von der vorstehenden Präposition, die im hebräischen Originaltext den Akkusativ einleitet, dass wir ebenfalls gebeten werden, grossen Respekt für Tora-Belesene (Talmidei Chachamim) zu haben. So können wir zusammenfassend sagen, dass alles, was wir für G-tt tun, wir auch für unsere Mitjuden tun sollten, und alles, was wir gebeten werden, für unsere Mitjuden zu tun, sollten wir auch für G-tt tun. Wir haben andere Juden als G-ttliche Wesen zu behandeln, denn das entspricht der inneren Wirklichkeit und daher beinhaltet unsere Liebe zu G-tt die Liebe zu unserem Mitjuden. Unsere Gefühle für G-tt werden auch auf diese Teile von G-tt übertragen, die in dieser physischen Welt existieren, und indem wir unsere Mitjuden lieben, bringen wir unsere Liebe zu G-tt selbst zum Ausdruck.

Die Seele des Menschen ist ein Teil von G-tt. Die Schechina ist der feminine Teil von G-tt, der hier auf der Erde weilt, – der Teil von G-tt, der in uns wohnt, die kollektive jüdische Seele. Dieser Teil verkörpert G-ttes Gegenwart in dieser Welt. Daher sagten nichtjüdische Theologen, dass die Juden die Anwesenheit G-ttes auf Erden darstellen. So kam es zu Judenhass in der Geschichte, weil deren Hass auf G-tt sich zum Ziel setzte, die Juden zu vernichten, da Juden G-ttes Gegenwart in der Welt verkörpern. Es gibt zwei verschiedene, getrennte Einheiten auf der Welt: Menschen und Juden, die ein Teil von G-tt sind, Der Sich Selbst in die Schöpfung investiert hat.

Wenn wir wissen, was der Jude ist – ein Teil von G-tt – stellt sich die Frage: „Warum würde G-tt einen Teil von sich selbst in eine endliche, beschränkte und manchmal sogar grobe, physische Wirklichkeit investieren?“ Es erscheint so ungerecht, dass sich ein G-ttliches Wesen mit so anti-G-ttlichen Bedingungen abgeben muss. Warum würde G-tt die Seele von den erhabensten Höhen in die niedrigsten Tiefen hinunterschicken? Diese Frage kommt aus der Erkenntnis, dass der Jude nicht Teil der Schöpfung ist. Wir wundern uns, was die Seele hier wohl macht.

Der erste Kommentar

Raschi stellt zum ersten Vers des ersten Kapitels des ersten Buches der Tora „Am Anfang erschuf G-tt Himmel und Erde“ folgende Frage: „Warum fängt die Tora mit einer Beschreibung der Schöpfung an? Sollte sie nicht eher mit dem ersten Gebot, dieser Monat soll für euch der erste aller Monate sein (Ex. 12:2) beginnen?“ Nachdem die Tora eigentlich die Basis zur Beachtung von G-ttes Geboten darstellt und als Richtlinie für unser Verhalten im Alltag dient, erwarten wir eine direkte Erklärung, wozu wir auf Erden sind. Doch sie beginnt mit einer langen Beschreibung der Schöpfung und der Weltgeschichte bis zum Erhalt der Tora und der Einwanderung nach Israel. Raschi antwortet: „Das hat seine Richtigkeit, weil eine Zeit kommen wird, da andere Nationen uns Gauner und Imperialisten nennen werden und uns anklagen, dass wir das Land den Nationen gestohlen hätten. Deshalb beginnt die Tora mit der Schöpfungsgeschichte, so dass wir um die Argumente wissen, die wir ihnen entgegenhalten sollen.“

Unsere Antwort: „G-tt hat Himmel und Erde erschaffen. Das Land gehört G-tt. Er gab es eine Zeit den Kanaanitern, doch dann gab Er es uns zurück.“ Wir können das Land nicht stehlen, weil es G-tt gehört, und Er gibt es, wem Er will.

Der Lubawitscher Rebbe fragt betreffend Raschis Kommentar: „All das, anderthalb Bücher, mussten geschrieben werden, nur damit wir wissen werden, was wir einem Antisemiten antworten sollen, der uns Gauner nennt? Das scheint nicht ganz gerechtfertigt. Ausserdem könnte Raschi eine passendere Erklärung für ein fünfjähriges Kind finden, für das der Kommentar bestimmt war. Was versteht ein Fünfjähriger von Antisemitismus und Imperialismus?“

Der Rebbe betont, dass dieser Raschi-Kommentar, der eigentlich ein Zitat des Talmuds ist, nicht sagt: „das Land Israel“. Es steht nicht geschrieben, dass wir das Land Israel gestohlen haben, sondern wir werden angeklagt, das Land den Nationen gestohlen zu haben. Was bedeutet der Begriff „das Land der Nationen“? Ausserdem ist es nicht die Antwort auf die Anklage eines Antisemiten. Es ist die Antwort für Juden, die bezüglich dieses Themas befürchten, die Antisemiten könnten Recht haben. Warum würde ein Jude einem Antisemiten Recht geben? Um das zu verstehen, müssen wir uns vor Augen führen, was genau am Sinai-Berg geschehen ist.

Als die Juden Ägypten verliessen, nannte Moses die Gründe: Die Ägypter sind keine heiligen Leute, während sie die Juden, zu einem heiligen Volk und einem Königreich von Priestern werden sollen. Wie sollte das geschehen? Indem sie die Tora am Sinai-Berg erhalten würden. Daher erhoffte sich das jüdische Volk am Berg Sinai, die erhabensten Dinge zu hören. Doch stattdessen hörten sie: „Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst keine verbotenen Beziehungen eingehen. Ehre deine Mutter und deinen Vater.“ Sie hätten diesen Schock nicht überlebt.

Daher brauchten sie eine kleine Vorbereitung: Nachdem ihnen mitgeteilt wurde, dass sie Ägypten verlassen müssen, um ein heiliges Volk zu werden, hätten sie nicht erwartet, Gebote zu hören, die das Stehlen, das Morden, das Ehebrechen verbieten: Das sind Untaten, von denen doch jeder zivilisierte Mensch zurückschreckt, ohne deswegen gleich heiliggesprochen zu werden. So ging ihnen der Gedanke durch den Kopf: „Wir sollen ein heiliges Volk sein und werden gebeten, nicht zu stehlen? Wenn wir heilig sind, dann sollten wir uns überhaupt nicht mit Geld beschäftigen, d.h. wir sollen am Schabbat nicht arbeiten. Heilige Leute sollten überhaupt nicht arbeiten gehen! Und wie soll das Essen koscherer Tiere uns heilig machen? Wir sollten überhaupt kein Essen benötigen. Wir sollten uns von jedem Kontakt mit der materiellen Welt fernhalten und uns nur noch mit Spiritualität befassen. Als Himmlische brauchen wir uns nicht mit dieser physischen Welt abzumühen!“

Daher fühlt sich nicht nur der Antisemit unbehaglich, dass die Juden physisches Land bewohnen, sondern auch der Jude gerät in einen gewissen inneren Konflikt: „Wir sollten doch eigentlich kein Land haben, es ist nicht unsere Aufgabe, uns mit der Erde zu befassen. Wir nehmen den Nationen das Land weg.“

Welche Nationen? Überall, wo die Juden hingingen, wurden sie angeklagt, Land weggenommen zu haben. Wir gingen nach Spanien, wo wir nicht bleiben durften, weil es nicht unser Land ist. So gingen wir nach Frankreich, England, Polen, Deutschland, Russland, und in jedem dieser Länder wurde irgendwann einmal ein Befehl der Vertreibung gegen die Juden ausgestellt, weil sie scheinbar das Land besetzten. Als ob die Nationen ebenfalls den Gedanken hegten, dass wir ein himmlisches / spirituelles Volk seien. Daraus zogen sie die Schlussfolgerung: Weil wir nicht Teil dieser Welt sind, haben wir kein Anrecht auf physischen Besitz und daher gehört die Erde ihnen.

Fremde in einem fremden Land

Wenn wir nicht in diese Welt gehören, dann sind wir nichts als Ausländer, und zwar überall. Die Welt scheint den Nationen zu gehören, die Teil der Schöpfung sind.

Daher eröffnete G-tt die Tora nicht mit dem ersten Gebot, denn die Gebote beziehen sich auf die physische Welt und wir hätten grosse Probleme gehabt, deren Bedeutung nachzuvollziehen. G-tt musste uns zuerst auf diese neue Betrachtungsweise vorbereiten, indem Er uns erklärte, dass Er am Anfang Himmel und Erde erschaffen hat. Für G-tt ist der Himmel kein bisschen himmlischer als die Erde. Die Himmel sind ebenfalls Teil der Schöpfung, daher gehört auch derjenige Teil des Juden, der ein Teil von G-tt ist, nicht eher in den Himmel als auf die Erde.

Der Grund für das Vorhandensein des Himmels ist sein Sprungbrett zur Schöpfung der Erde. Der Zweck der Schöpfung ist die Entdeckung der Schöpfung in der G-ttlichkeit der physischen Welt, die nicht allen offenbar ist, und das was sonst nicht so viel mit G-ttlichkeit zu tun hat, mit G-ttlichkeit zu füllen. Dazu steigt die jüdische Seele in diese Welt hinunter, um sich mit physischen, weltlichen Aktivitäten zu beschäftigen, doch aus einer G-ttlichen Perspektive heraus, d.h. durch das Ausführen der Mizwot der Tora.

In der Tora heisst es: „Die Juden sollen ein Licht für die Nationen der Welt sein.“ Die physische Welt bietet die Möglichkeit, eine Theorie aufzustellen, die besagt, dass die Welt sich von selbst entwickelt und daher keine Verbindung zum Schöpfer hat und Ihm nichts schuldet. Es wäre möglich, dass diese Theorie viele Anhänger findet. Doch durch das Ausführen G-ttlicher Gebote mit physischen Gegenständen ist in Wirklichkeit das Gegenteil der Fall: Die physische Welt ist nicht im Geringsten von G-tt getrennt, sondern sie ist G-ttes Schöpfung, zu der Er nicht nur Kontakt hat, sondern die Er jede Sekunde aktiv aufrechterhält. G-tt hat diese Welt, die jeden Begriff von G-ttlichkeit eigentlich unsichtbar macht, nur dazu erschaffen, damit der Mensch die Gelegenheit haben soll, die G-ttlichkeit, die sich hinter dieser Welt verbirgt, zu entdecken und zu offenbaren.

Wenn wir z.B. ein Weizenkorn sehen, erscheint es als Teil der schon immer vorhandenen Natur und ihrer eigenen Gesetze. Erst wenn wir die Weizenkörner malen, mit Wasser vermischen und im Backofen erhitzen wird daraus Brot, das den Menschen ernährt. So bringen wir den wahren Grund des Daseins eines Weizenkorns zum Ausdruck. Indem wir die physische Welt gemäss den Anweisungen des Ewigen benutzen, wird der Zweck der Schöpfung offenbar. Die physische Welt war nicht dazu gedacht, G-ttlichkeit aus dieser Welt zu verbannen. Im Gegenteil: Sie ist dazu bestimmt, ein Fenster zu G-tt zu werden.

Durch das Ausführen der Mizwot erheben wir die Welt auf eine höhere Ebene und verleihen ihr einen G-ttlichen Zweck. Wenn wir die Welt nicht durch das Einhalten der Gebote aufwerten, bleibt sie was sie ist, ein Widerspruch zur G-ttlichkeit.

Der Jude ist ein G-ttliches Wesen, das für eine ganz bestimmte Aufgabe in diese Welt geschickt wird. Daher wird er ständig von einer inneren Unruhe verfolgt, die den Juden zu eigen ist und die sich um die Frage dreht: „Wozu bin ich hier? Was mache ich eigentlich hier?“ Jeder Mensch stellt sich diese Frage, da jeder Mensch etwas erreichen möchte. Die Welt muss einen Sinn ergeben und ein Ziel haben. Doch mit dem Juden ist es ein bisschen anders. Zwar wird jeder Vernünftige versuchen, aus dem Leben das Maximum herauszuholen. Doch die jüdische Situation ist so, dass wir innerlich, bewusst oder unbewusst, nicht nur wissen wollen, wie man aus dem Leben das Beste macht, sondern wir möchten vorher verstehen, wozu wir überhaupt leben. Jeder kann diese philosophische Frage stellen, doch der Jude ist zu tiefst mit ihr beschäftigt. Es interessiert ihn nicht, wie er das Leben wohl am besten nutzen kann, sondern er will zuerst wissen: „Wozu das Ganze?“

Und weil wir beim Versuch, auf diese Frage zu antworten, auf grosse Schwierigkeiten stossen, finden wir unter den Juden einen unverhältnismässig hohen Prozentsatz, der nichts mit sich anzufangen weiss. Obwohl wir weniger als 2% aller Amerikaner ausmachen, sind wir für 40% aller Sekten, aller Forschungen, aller Revolutionen, Umbrüche und Veränderungen verantwortlich, die in der Welt stattfanden. Das ist, weil wir nie zur Ruhe kommen. Wir fühlen, dass es für die vorhandene Situation eine Erklärung geben muss. Doch finden wir keine. Daher sind wir bereit, alles auf den Kopf zu stellen, alles fallen zu lassen und alles neu zu beginnen, um eine Rechtfertigung für die Existenz zu finden.

Die Aufgabe des Juden

Ein Nichtjude führt einen Akt der Wohltätigkeit aus und ein Jude tut dasselbe. Doch in Wirklichkeit tun sie zwei völlig verschiedene Dinge.

Wenn eine bedürftige Person zu einem Juden geht und um Essen bittet, erniedrigt der Jude sich um diese Person eine Mahlzeit zu offerieren, weil das nicht sein Bereich ist. Diese Person hat nicht um spirituelle Nahrung gebeten wie z.B. um eine Idee aus der Tora. Sie hat ihn lediglich um weltliche, alltägliche, physische Nahrung gebeten. Was haben wir mit Magen und Essen zu tun? Wir sind doch spirituelle Wesen mit einer G-ttlichen Seele, wir gehören in den Himmel und sogar noch höher als das, weil der Himmel Teil der Schöpfung ist und wir doch ein Teil von G-tt sind. Als die Israeliten in der Wüste zu Moses kamen und ihm mitteilten: „Wir wollen Fleisch,“ wendete sich Moses an G-tt und sprach: „Hast Du gehört was sie von mir verlangen? Ich soll ihnen Fleisch beschaffen?! Ich bin Lehrer, Rabbiner, Prophet und sie verlangen von mir, dass ich ihnen Fleisch beschaffen soll? Was ist in sie gefahren, auf so eine Idee zu kommen?“ Und G-tt antwortete: „Gib ihnen Fleisch.“

Daher ist der Jude ein wenig enttäuscht, wenn man ihn um Essen bittet, denn er sieht seine Aufgabe eher darin, die Menschheit die G-ttlichen, erhabenen Begriffen zu lehren. Doch G-tt greift ein und verordnet: „Halte deine Küche koscher, iss nur koschere, keine unkoscheren Tiere. Wenn du jemanden hungrig siehst, gib ihm zu essen, wenn jemand Kleider braucht, bekleide ihn. Wenn jemand krank ist, pflege ihn.“ Und wir sagen dazu: „O.K., wenn G-tt das so haben will, werden wir es tun. Es ist nicht unser Bereich, doch wenn G-tt so will, ist es unsere Aufgabe.“

Daher war die erste Verordnung, die Abraham gegeben wurde, diejenige, das Haus seines Vaters, seinen Geburtsort, seine natürliche Umgebung, seine Neigungen und Impulse zu verlassen. Das betrifft nicht nur den ersten Juden, sondern jeden Juden und jede jüdische Seele. Jede jüdische Seele wird von G-tt gebeten, ihre natürliche Umgebung, die G-ttes unmittelbare Nähe ist, ihren Geburtsort zu verlassen und an jenen Ort zu gehen, den Er ihr zeigen wird. Nicht an den Ort, wo sie hingehört, sondern dort, wo Er sie hinschicken wird: „Verlasse jenen Ort, wo du hingehörst und gehe dorthin, wo du nicht hingehörst, um deine Aufgabe zu erfüllen, für die du auf die Erde gesendet wirst. Die Aufgabe besteht darin, Meine Gebote zu beachten.“

Wenn ein Jude Zedaka gibt, handelt es sich dabei um ein G-ttliches Wesen, das einen menschlichen Akt ausführt. Der Jude muss sich dazu erniedrigen und sich der menschlichen Situation anpassen. Wenn hingegen ein Nichtjude Almosen gibt, ist von einem menschlichen Wesen die Rede, das sich bemüht, sein Dasein zu etwas G-ttlicherem zu erheben. Obwohl es aussieht, als ob es sich um dieselbe Tätigkeit handelt, tun die beiden zwei völlig verschiedene Dinge, die entgegengesetzte Ergebnisse zur Folge haben.

Ein Nichtjude gab dazu folgenden Kommentar: „Nun wird mir einiges klar. Ich habe mich immer gewundert, warum das Christentum so nachtragend und aburteilend ist, während das Judentum der Ansicht ist, dass eine misslungene Sache beim nächsten Mal besser wird und ein erneuter Versuch gestartet wird. Ein Jude ist ein G-ttliches Wesen, der die Aufgabe hat, die Erde mit G-ttlichkeit zu bereichern. Indem er die die Kaschrut-Gesetze beachtet, begünstigt er das Tierreich, er verleiht den Tieren einen Zweck, der sich in den Rahmen einfügt, den G-tt für sie vorgesehen hat. Hielt ein Jude gestern noch nicht streng koscher, wird er es heute tun. Da es sich um eine spirituelle Qualität handelt, kann in der Gegenwart alles, was in der Vergangenheit verkehrt war, korrigiert werden. Dem Nichtjuden hingegen wurde die Aufgabe gegeben, die Welt zu hüten, die G-tt erschaffen hat. Wenn bei ihm etwas scheitert, entstehen Langzeitschäden, weil das korrigieren eines Fehlschlages in der physischen Welt viel schwieriger wiedergutzumachen ist, als in der spirituellen Welt. Dem Nichtjuden wurde nur ein Minimum an Geboten gegeben, doch diese sind für das Weiterbestehen der physischen Welt unentbehrlich.“ Daher wird der Nichtjude in der Tat gebeten, beim Beachten der 7 Gebote Noachs noch vorsichtiger zu sein, als der Jude beim Beachten seine 613 Gebote, von denen durch den fehlenden Tempel leider nur 270 Gebote beachtet werden können.

Antisemitismus

Lassen Sie uns auf die Frage betreffend den Antisemitismus zurückkommen: Was antworten wir, wenn der Nichtjude uns fragt, was wir sind?

Meistens fangen wir an, Entschuldigungen zu suchen, erzählen von Adam und Eva und Noach und Haschem. Wir halten einen Vortrag zum Thema Weltgeschichte, doch beantworten wir damit nicht die Frage. Manchmal fragen Nichtjuden etwas spezifischer: „Die Bibel sagt, dass ihr das auserwählte Volk seit. Was bedeutet das?“ Worauf wir etwas beschämt antworten: „Auserwählt? Naja, vielleicht wollte die Bibel sagen, dass wir ein bisschen anders sind …“

Der Nichtjude kann keine direkte Antwort bekommen und wir Juden können keine direkte Antwort auf diese Frage geben, weil wir nicht wissen, was wir antworten sollen, und niemand hat uns diese Frage jemals beantwortet. Wir erfuhren, dass wir jüdisch sind, dass unsere Vorfahren jüdisch waren. Doch der Nichtjude fragt nicht, wer ein Jude ist, sondern er fragt, was ein Jude ist und da wir nicht wissen, was zu antworten, versuchen wir dieses Problem mit unsinnigen Ausreden zu vertuschen, die uns keiner abkauft.

Doch niemand in der Welt glaubt uns, dass wir nicht wissen, wer wir sind. Wie können wir auserwählt sein und nicht wissen, wofür? Wenn nun der Nichtjude keine klare Antwort bekommen kann, fängt er an, Verdacht zu schöpfen.

Wenn die Juden in Minsk ihm nicht mitteilen, wer sie sind, dann haben sie etwas zu verstecken. Vielleicht wollen sie den Brunnen vergiften. Und wenn der Vetter in Paris ebenfalls verheimlicht, wozu er auserwählt ist und dasselbe geschieht in Marokko, dann ist da von einer Verschwörung die Rede: Die Juden wollen die Welt an sich reissen. Warum sonst würden Menschen, die in der Bibel als G-ttes auserwähltes Volk benannt werden, niemandem sagen, wer sie sind?

Der Antisemitismus hat natürlich andere Ursachen. Doch zeigt die Geschichte, dass unser mysteriöses Verhalten, für das wir nie eine akzeptable Erklärung liefern konnten, ausnahmslos zu unserem Nachteil interpretiert wurde. Nehmen wir z.B. die Situation des Staates Israel in den letzten Jahren. Wenn Israel versucht, das Verhältnis zu den Arabern zu verbessern und ihnen gegenüber möglichst freundlich zu sein, wird das von ihnen als ein Schuldgeständnis angesehen. Denn wären wir im Recht, bräuchten wir ihnen, nach all dem, was sie uns antun, doch nicht entgegenzukommen.

Wir denken, dass unsere Freundlichkeit bezeugt, was wir für ausserordentlich gute Menschen sind, die nur in Frieden leben wollen. Doch niemand glaubt uns das. Wenn jemand einen Krieg gewinnt, dann gibt er nichts zurück. Und wenn Israel das einzige Land ist, das zu einem so unverständlichen Akt fähig ist, sagen die Nationen: „Wenn die Juden Land zurückgeben, dann nur, weil sie sich schuldig fühlen, das Land genommen zu haben. Die Tatsache, dass sie es zurückgeben, besagt, dass es ihnen nicht gehört.“

Der Nichtjude wird immer den Eindruck haben, dass wir nicht in diese Welt gehören und eigentlich hegen wir denselben Gedanken. Doch wenn dem so ist, was haben wir dann in dieser Welt verloren? Wenn wir keine Antwort auf die Frage unserer Existenz finden, können wir unser Dasein vor den Nichtjuden, die Teil der Schöpfung und somit Teil dieser Welt sind, nicht rechtfertigen. Sie werden unsere Versuche, ihnen unsere Gleichheit zu erklären, nicht glauben.

Wir können uns daher nicht ganz gewöhnliche Leute nennen, weil die Nichtjuden wissen, dass wir nicht wie alle anderen Menschen sind. Wir sind ein himmlisches Volk, ein Teil von G-tt. Wenn wir behaupten, dass wir genauso sind wie sie, haben sie den Eindruck, dass wir etwas vor ihnen verheimlichen, um ihr Land zu stehlen.

Das ist mit einem Lehrer vergleichbar, der unvorbereitet ins Klassenzimmer kommt und fragt: „Was sollen wir jetzt tun?“ Er würde Hass und Unverständnis ernten. Kommt er mit einer gut vorbereiteten Lektion, wird er die Disziplin in der Klasse aufrechterhalten können.

Wer auserwählt ist, sollte auch dementsprechend handeln!

Wenn wir in diese Welt kommen, um das auserwählte Volk zu sein, dürfen wir das nicht verstecken und uns dafür schämen, sondern sollten ohne zu zögern das tun, was uns auferlegt wurde, sonst werden wir verdächtigt. Treten wir ins Klassenzimmer als ein G-ttliches Wesen, das auf die Erde geschickt wurde, um etwas für diese Welt zu tun, und wir sagen stattdessen: „Ich weiss nicht, ich habe dieselben Fragen wie ihr auch und dieselben Probleme …“ dann werden sie uns hassen. Wir sind die Lehrer, daher müssen wir entweder unterrichten oder das Klassenzimmer verlassen.

Und das ist kurz gesagt der Inhalt des Antisemitismus: „Entweder ihr zeigt uns, was euch zum auserwählten Volk macht und wozu ihr hier seit oder verschwindet von meinem Besitz! Das ist mein Land und ihr habt es gestohlen.“ Wenn wir uns hingegen wie Juden, wie das auserwählte Volk benehmen, stellt niemand Fragen.

Es gibt einen Baptistenprediger, der seine Klasse ins Chabad-Zentrum bringt, um etwas über das Judentum zu erfahren. Er hat mir erzählt, dass er seine Klasse einmal in eine nicht-orthodoxe Synagoge gebracht hat, wo sie auf das Thema des auserwählten Volkes zu sprechen kamen, und der Rabbiner erklärte, dass er nicht an die Idee des Auserwählt-Seins glaubt. Er verwirft diesen Begriff, da er sich nicht mit den egalitären, demokratischen Prinzipien vereinen lässt. Daher findet er diese Idee bedeutungslos und sogar unmoralisch. Der Prediger fragte seine Studenten dann auf dem Heimweg, was sie davon halten und sie antworteten, dass sie dem Rabbiner nicht glauben. Sie wussten, dass die Juden das auserwählte Volk sind und glaubten nicht, dass der Rabbiner sich dessen nicht bewusst ist oder, dass er nicht glaubt, dass er auserwählt ist. Sie waren vom Besuch ziemlich enttäuscht und entschlossen, nicht mehr hinzugehen.

Die Welt akzeptiert nicht nur, dass der Jude anders ist, sie will es auch so haben. Die Welt will die speziellen Talente und Besonderheiten der Juden nicht nur geniessen, sondern in dieser Zeit mehr denn je gebrauchen.

Warum hören wir in den Nachrichten ständig von Israel? Warum wird Israel für alle Probleme im Nahen Osten beschuldigt? Weil alle wissen, dass Israel die Antwort auf alles ist. Die Welt will jemanden, der ihnen den Weg zeigt, und geht davon aus, dass es die Juden wissen. Wir haben die Tora am Sinai-Berg erhalten, gleichzeitig mit den Anweisungen, sie den Nichtjuden weiterzugeben: Wer soll sonst die moralische Führung übernehmen? Sie wollen von uns nicht hören, dass wir „wie alle anderen“ sind, dass wir auch nicht besser sind. Es fällt ihnen manchmal fast schwerer als uns, zu hören, dass Juden sich nicht wie Juden verhalten, denn wenn wir nicht um das Aufrechterhalten einer ethischen Wertvorstellung kämpfen, ist das moralische Verhalten der ganzen Welt gefährdet.

Wenn wir daher gefragt werden, was ein Jude ist, wollen sie hören, dass ein Jude ein besonderes Wesen mit einer speziellen Seele ist. Der Zweck seines Daseins ist das Erheben der physischen Bedingungen dieser Erde auf ein höheres Niveau, um die Verbindung der Menschen zu G-tt zu verstärken.

Dazu sind wir hier und das macht den Juden jüdisch und nicht etwa, dass wir einmal in der Geschichte auserwählt wurden. Wir wurden von vornherein anders erschaffen. Ein Jude ist ein Teil G-ttes, der auf die Erde geschickt wurde, so dass es für die Seele keine Wahl geben kann. Wenn die Tora sagt, dass wir am Sinai-Berg zum auserwählten Volk wurden, bezieht sich die Tora auf den Bereich, wo eine Wahl, notwendig war: Sie bezieht sich auf den Körper, denn der jüdische und der nichtjüdische Körper ist identisch.

Als uns die Tora überreicht wurde, wurde der Körper des Juden auserwählt. Von diesem Augenblick an, würde die Seele nicht mehr ein Fremder in einem fremden Land sein, sondern sie wird in einem Körper verweilen, der ebenfalls jüdisch sein wird.

Die Tora gibt uns Anweisungen, wie wir die einmalige G-ttliche Seele in der physischen Welt betätigen können, denn diese besondere Seele hat spezielle Wünsche, die der Mensch kaum erraten kann: Sie will kein Essen, kein Geld, keine physischen Annehmlichkeiten: Was kann diese Seele mit der physischen Welt überhaupt anfangen?

Die Anweisungen, wie diese Seele in der physischen Welt zum Ausdruck kommen kann, ohne dabei ihre G-ttlichkeit zu beeinträchtigen, finden wir in der Tora. Die Tora lehrt uns, auf eine Weise zu essen, wo auch die G-ttliche Seele profitieren kann. Sie gibt uns Anweisungen, wie wir uns kleiden sollen, wie wir unsere Geschäfte betreiben und wie wir ganz allgemein handeln sollen, damit es auch der G-ttlichen Seele ermöglicht wird, an physischen Handlungen teilzunehmen, ohne dabei Schaden zu erleiden.

Bei der Übergabe der Tora ereignete es sich, dass unseren heiligen Seelen, die uns von Anfang an zu Juden machten, plötzlich auf die physische Welt Einfluss nehmen konnten, weil es die Gebote der G-ttlichen Seele ermöglichen, physische Tätigkeiten auf eine G-ttliche Weise auszuführen. Das bedeutet, dass nicht nur die Seele G-ttlich sein würde, sondern durch das Ausführen der Anweisungen der Tora auch der physische Körper G-ttlich wird. Bei der Übergabe der Tora wurde unser Körper auserwählt, denn die Seele war schon immer jüdisch und ermöglichte daher keine „Wahl“.

Es ist somit keine Frage, ob wir wohl das auserwählte Volk sind, sondern, was uns jüdisch macht. Wie aber können wir diese Behauptung beweisen? In der Baptisten-Klasse wurde folgende Frage aufgeworfen: „Wie kommt das Auserwählt-Sein zum Ausdruck?“ Der stärkste Ausdruck des Auserwählt-Seins liegt in der Sichtbarmachung von G-ttes Vorsehung.

Die Frage wurde kurz nach der Flugzeugentführung nach Entebbe gestellt, und so war diese Entführung ein Fall, wo einem scheinbar politischen Körper, dem Staat Israel, ein paar Staatsangehörige geraubt und in einem fremden Land als Geiseln festgehalten wurden. Israel verkündete, dass sie nicht bereit waren, sich durch Terroristen erpressen zu lassen. Das war politisch gesehen ein sehr gewagter Schritt, denn der Versuch, die Geiseln zu retten, zwang Israel, gegen allerlei internationale Gesetze zu verstossen wie z.B. das Eindringen in den Luftraum eines fremden Landes mit Militärflugzeugen. Doch die Rettungsaktion gelang und die Welt war begeistert. Die Beteiligten erzählten später, dass der Erfolg der Aktion weniger ihnen, sondern eher der G-ttlichen Vorsehung zu verdanken war, wie z.B. öffnete sich im dicht bewölkten Himmel plötzlich wie durch G-ttes Hand ein Fenster, das den Anflug ermöglichte, oder das Rettungsflugzeug bremste nur knapp vor einem Abgrund.

Werden die Nichtjuden diese Erklärung akzeptieren? Ganz bestimmt. Wenn sie diese Antwort bekommen, fühlen sie sich erleichtert, denn endlich verstehen sie das, was ihnen die ganzen Jahre über so Rätselhaft schien.

Zusammenfassend können wir sagen, dass das Auserwähltsein uns drei Möglichkeiten bietet: Entweder wir behaupten weiter, nie davon gehört zu haben oder wir versuchen weiter, dieser Frage aus dem Weg zu gehen.

Oder aber wir entscheiden uns, unseren Standpunkt ohne Scheu zu vertreten und sagen: „Ja! Wir sind anders, wir sind speziell, wir sind jüdisch, wir wurden aus G-ttes Gedanken erschaffen und sind in der Tat auserwählt und tun daher genau das, zu dem wir auserwählt wurden.“ (Manis Friedman)

Wer braucht Antisemiten?

Manche nennen ihn „den langwierigsten Hass der Welt“. In allen Ländern und auf allen Kontinenten hebt er sein hässliches Haupt, sei es als rohe Bigotterie, sei es in subtiler Form. Antisemitismus ist eine Tatsache.

Natürlich wünschen wir uns alle, er möge verschwinden. Nach Auschwitz hatten wir sogar Hoffnung. Wer von uns möchte nicht akzeptiert und geschätzt werden? Aber es gibt auch die Ansicht, der Antisemitismus nütze den Juden auf perverse Weise. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre behauptete das in seinem Buch „Antisemit und Jude“. Wären wir Juden nicht ständig in unserer Existenz bedroht gewesen, wären wir in eine friedliche, passive nationale Amnesie versunken. Hätten wir in Sicherheit gelebt, hätten wir vielleicht viel von unserer einzigartigen Identität verloren. Die Geschichte lehrt, dass wir standhaft jüdisch blieben, wenn man uns verfolgte, während wir unter aufgeklärten, liberalen Regierungen langsam von einer grosszügigen, aber dominierenden Kultur aufgesogen wurden, so dass unsere Kultur verfälscht wurde.

In den 70er-Jahren arbeitete ich mit jüdischen Studenten. Wir bemühten uns, die Mauer aus eisiger Gleichgültigkeit gegenüber dem Judentum zu durchbrechen. Es war so frustrierend, dass meine Kollegen und ich sogar mit dem Gedanken spielten, nachts auf den Campus zu gehen und auf das Gebäude der Studentenvereinigung ein paar Hakenkreuze zu malen, in der Hoffnung, die Leute aus ihrer Apathie zu reissen. Natürlich taten wir das nicht; aber ich gebe zu, die Idee war verlockend.

Gegen Ende der neuen Parascha lesen wir von dem Gebot, an den unprovozierten Angriff von Amalek auf die Juden nach der Flucht aus Ägypten zu denken. Das Gebot ist in dem Wort Sachor („denkt daran“) am Anfang des Wochenabschnitts enthalten. Die letzten Worte sind lo tischkach („ihr sollt nicht vergessen“). Warum zwei Aufforderungen? Und wie unterscheiden sich „daran denken“ und „nicht vergessen“? Ist eines von beiden überflüssig?

Kommentatoren erläutern, dass „erinnern“ ein Gebot für das jüdische Volk ist, während „nicht vergessen“ eine Art Vorhersage ist: Man wird nicht zulassen, dass ihr vergesst! Wenn ihr euch jemals in falsche Sicherheit wiegt und eure Jiddischkeit vergesst, werden die Antisemiten der Welt euch daran erinnern, wer ihr seid – „ein Volk, das alleine lebt“ (Numeri 23:9). In der Schöpfung hat alles seinen Sinn. Nichts ist in G-ttes Welt überflüssig. Welchen Sinn hat ein Antisemit? Wie gesagt, er soll die Juden daran erinnern, dass sie jüdisch sind!

Aber warum warten wir darauf, dass die Amalekiter dieser Welt uns erinnern? Wollen oder brauchen wir ihren Hohn? Nein, wir müssen aktiv jüdisch, positiv jüdisch und jüdisch positiv sein. Sie können das alte jiddische Lied auf zweierlei Weise singen. Entweder „Oi, es is gut, zu sein a Jid“ oder „Oi, es is schwer, zu sein a Jid“. Es gibt tausend gute Gründe, positive Gründe, ein stolzer Jude zu sein. Während es vor 60 Jahren den Tod bedeutete, Jude zu sein, bedeutet es heute das Leben, ein sinnvolles, gesegnetes Leben. Und wenn wir beschliessen, stolz und engagiert als Juden zu leben, machen wir eine faszinierende Entdeckung: Wenn wir uns achten, dann achtet uns die Welt. Und das gilt für alle, vom einzelnen Juden bis zur jüdischen Gemeinde. Das Judentum ist ein Segen, keine Last. Wir müssen stolz auf unser Erbe sein. Es ist ein Ehrenzeichen. Wenn Sie nicht wissen, warum, dann studieren Sie das Judentum. Aber das ist ein anderes Thema. (Yossy Goldman)

Es gibt keine Antisemiten

Die Tora berichtet, dass Mosche, wenn die Kinder Israels ihr Lager abbrachen, um weiter durch die Wüste zu wandern, ausrief: „Erhebe dich, o G-tt, zerstreue deine Feinde und jage sie in die Flucht.“1

Der römische Kaiser Hadrian war ein unbelehrbarer Judenhasser. Einmal, als er spazieren ging, sah er einen Juden in der jubelnden Menge, und er rief: „Wie? Ein verfluchter Jude beleidigt meine Majestät, indem er mich öffentlich grüßt? Kreuzigt ihn!“

Die Nachricht von dieser Gräueltat verbreitete sich schnell, und als Hadrian wieder unterwegs war, hielt sich ein Jude, der das Pech hatte, in der Nähe zu sein, von der Menge fern. Er schwieg und kauerte sich unterwürfig an den Straßenrand. „Wie? Ein verfluchter Jude beleidigt meine Majestät, indem er mich öffentlich missachtet? Kreuzigt ihn!“, schrie Hadrian.

Als seine Berater sich über sein unlogisches Verhalten wunderten, erklärte er: „Mit meinen Feinden gehe ich um, wie es mir passt.“

Aber waren die Juden wirklich seine Feinde? Konnte ein kleines Volk solchen Hass auslösen? Es ist wichtig, dass Mosche im oben zitierten Vers G-tt nicht bittet, uns gegen unsere Feinde zu verteidigen, sondern, sie zu zerstreuen und zu verjagen.

Der uralte Streit zwischen Juden und Judenhassern ist eine Fehlbenennung. Als ich das Todeslager Dachau besuchte, störte mich das große Schild am Krematorium, das die Gedenkstätte „jenen, die im Kampf gegen Nazismus starben“ widmete. Das passte vielleicht auf die politischen Regimegegner, die hier leiden und sterben mussten. Aber der Onkel und die Vettern meines Großvaters und Tausende von anderen Märtyrern haben gegen nichts gekämpft. Sie lebten ruhig und zufrieden, bevor Hitler und seine Schergen sie holten. Hier von einem „Kampf“ zwischen unschuldigen Opfern und Henkern zu sprechen, ist ebenso unangebracht wie die Bezeichnung „Kreislauf der Gewalt“, wenn die Bemühungen unserer heutigen Gesellschaft gemeint sind, sich vor Selbstmordattentätern zu schützen.

Der Kampf findet nicht zwischen unseren Feinden und uns statt. Nein, G-ttes Feinde nehmen uns in ihrem Kampf gegen Rechtschaffenheit und G-ttlichkeit als Geiseln. Judenhass ist so eingefleischt und verbreitet, dass es keinerlei logische Erklärung mehr dafür gibt, es sei denn, wir sehen darin den ewigen Kampf böser Menschen gegen G-tt.

Wenn sie nicht gegen uns, sondern gegen G-tt kämpfen, haben wir nur eine Alternative: Wir müssen als Juden leben, einerlei, wie sehr wir provoziert werden. Wenn der Hass sich gegen unsere besondere Beziehung zu G-tt richtet, ist es G-ttes Pflicht, sich gegen seine Feinde zu wehren und uns zu retten, damit wir unsere historische Mission, G-ttlichkeit in die Welt zu bringen, fortsetzen können. (Elisha Greenbaum)

FUSSNOTE

1.) Num. 10:35.


  • Rabbi Manis Friedman ist Dekan des 1971 gegründeten „Bais Chana-Institute of Jewish Studies“ in Minnesota, der weltweit ersten Jeschiwa für Frauen. Von 1984-1990 war er einer der Simultanübersetzer der im Fernsehen übertragenen Ansprachen des Lubawitscher Rebben.
  • Rabbi Yossy Goldman entstammt einer bemerkenswerten Brooklyner (New York) Chabad Familie. Im Jahre 1976 wurde er vom Lubawitscher Rebbe als ein Gesandter (Schliach) nach Johannesburg, Südafrika geschickt, um dort die Jüdischen Gemeinden zu unterstützen. Seit 1986 ist er Senior-Rabbiner der Sydenham Highlands North Shul und Präsident der südafrikanischen Rabbinervereinigung.
  • Rabbi Elisha Greenbaum ist der spirituelle Leiter der Moorabbin Hebrew Gemeinde und Kodirektor von L’Chaim in Moorabbin, Victoria, Australien. Über den Künstler: Sarah Kranz hat Magazine, Webseiten und Bücher (inklusive 5 Kinderbücher) illustriert, seitdem sie 1996 ihren Abschluss beim Istituto Europeo di Design, Milan, erlangte. Zu ihren Kunden zählen The New York Times und das Money Marketing Magazine of London.

Quelle: Jüdische.Info



Kategorien:Gesellschaft

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