Tischa beAv – Trauer um zerstörte Tempel


Der lange Sommer bis Rosh Hashana wird durch den Neunten Av unterbrochen. Tischa beAv, oder der neunte Tag des hebräischen Monats Av, ist eine Zeit kollektiver Trauer und Besinnung für Juden in Israel und auf der ganzen Welt. Er erinnert unter anderem an die Zerstörung der beiden Jerusalemer Tempel.

Nach jüdischer Tradition wurde unser Volk, unsere Nation, am 9. Tag dieses Sommermonats immer wieder von einer Tragödie heimgesucht. Und so fasten Juden an diesem „Tischa BeAv“. Der 9. Av fällt in diesem Jahr auf einen Schabbat. Deshalb verschiebt sich das Fasten um einen Tag, es beginnt am Abend des 10. August und dauert bis zum Erscheinen der Sterne in der nächsten Nacht, also 25 Stunden lang, an.

Während dieser Zeit dürfen Juden nicht essen, trinken, keinerlei Körperpflege betreiben, keinen Geschlechtsverkehr haben und sich nicht grüssen. Die letzte Mahlzeit ist ein hartgekochtes Ei, welches in Asche gelegt wurde und alleine verzehrt wird. Es symbolisiert die Trauer um die zerfallenen Tempel.

Gebetet wird am Tischa beAv stumm auf dem Boden in der Synagoge, welche auch stumm wieder verlassen wird. Es werden Klagelieder gesungen und nur wenig Licht ist erlaubt. Unterbrochen wird das Fasten durch eine milchhaltige Speise.

Es war an diesem Tag im Jahre 1313 v. Chr., als die 10 Kundschafter mit einem negativen, glaubenslosen Bericht aus dem Gelobten Land zurückkehrten. Daraufhin verloren die meisten Israeliten ihr Gottvertrauen und Israel sich weigerte, in das Land vorzurücken, sodass Gott anordnete, dass sie 40 Jahre lang in der Wüste wandern würden. Als Strafe durfte ihre Generation mit Ausnahme der rechtschaffenen Kundschafter Josua und Kaleb nicht das verheissene Land betreten.

Beide Jerusalemer Tempel wurden an diesem Datum zerstört. Der erste Tempel der Babylonier im Jahr 423 v. Chr. und der zweite Tempel fiel im Jahr 70 n. Chr. an die Römer. Die Diaspora unseres Volkes führte zu einer Zeit des Leidens, von der sich unsere Nation nie vollständig erholt hat.

Der Aufstand von Bar Kochba gegen die Römer im Jahr 133 endete mit einer Niederlage, als die Juden am 9. Av vernichtet wurden. Der Anführer Simon Bar Kochba, in den Juden grosse Hoffnungen gesetzt hatten, wurde ebenfalls getötet. Er galt vielen sogar als Messias.

Danach wurde Jerusalem zur römischen Militärkolonie Aelia Capitolina. Juden durften die Stadt nicht betreten. Das gesamte Gebiet wurde Palästina genannt, dadurch wollten die Römer jede Erinnerung an das jüdische Leben in der Region auslöschen. Ein Jahr später wurde Jerusalem erneut zerstört, auch das geschah am 9. Av.

An diesem Tag wurden viele weitere Tragödien verzeichnet, darunter die Vertreibung der englischen Juden im Jahr 1290 und die Vertreibung aller Juden aus Spanien im Jahr 1492.

In den 1920er Jahren war selbst die islamische Aufsichtsbehörde Waqf noch davon überzeugt, dass in der Altstadt die beiden Tempel gestanden hatten. Heute leugnen internationale Organe wie die Kulturorganisation UNESCO eine jüdische Verbindung zum Tempelplatz. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 fiel ebenfalls auf den Tischa BeAv. 1942 begannen die Massendeportationen von Juden aus dem Warschauer Ghetto.

Die Episode wird in 4. Mose 13 berichtet. Dort findet sich zwar keine Datumsangabe. Aber nach jüdischer Überlieferung ereignete sich der folgenschwere Sinneswandel des Volkes am 9. Av. Auch deshalb begehen Juden an diesem Datum einen Trauertag, an dem sie fasten und nicht die Tora studieren. Denn in Psalm 19,9 steht geschrieben: „Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz.“ In der Liturgie wird aus dem Buch der Klagelieder gelesen.

Im Judentum wird uns gelehrt, nicht nur die guten Erinnerungen in Ehren zu halten, sondern auch Zeiten des Schmerzes und des Leidens. Immer wenn in einer Familie oder unter Freunden ein Todesfall oder Verlust eintritt, verlassen wir alles und gehen zu unseren Lieben. Dies sind entscheidende Zeiten für eine Familie und eine Gemeinschaft, die sich in einer Zeit der Trauer und Besinnung befindet. So trauern wir mit denen, die trauern.

Im Judentum wird uns beigebracht, diese Zeiten und die Erinnerungen unserer Verlorenen zu schätzen. Wir haben Tage und Zeiten, um an unseren eigenen Verlust und Schmerz zu erinnern, aber auch, um uns mit den Tragödien zu identifizieren und uns an die Tragödien zu erinnern, die unser Volk als Nation durchgemacht hat. Wir fasten und trauern zusammen. Und dies hilft uns nicht nur, uns an die Vergangenheit zu erinnern und daraus zu lernen, sondern auch denen Trost zu spenden, die immer noch trauern, denn wir sind ein Volk und eine Nation.

Wie die Tageszeitung „Jerusalem Post“ berichtet, haben sich etwa 100 Christen aus verschiedenen Ländern nach Israel aufgemacht. Sie wollen dort den Fasttag begehen. Dabei wollen sie sich bewusst machen, welche Rolle Christen bei der Verfolgung von Juden gespielt haben, und um Vergebung bitten. Ein Aspekt sei die sogenannte Ersatztheologie – jahrhundertelang lehrten die Kirchen, die Christenheit habe Israel als ausgewähltes Volk ersetzt.

Ein offizieller Feiertag ist Tischa BeAv in Israel nicht. Und auch in der Diaspora wird er nicht so streng begangen wie etwa der Versöhnungstag Jom Kippur. Dennoch haben sich Juden in Argentinien an den aschkenasischen Oberrabbiner von Israel, David Lau, gewandt. In dem südamerikanischen Land sind nämlich am 11. August die Vorwahlen für die Präsidentschaftswahl im Oktober. Die jüdischen Bürger wollten wissen, ob sie sich trotz des Fasttages an der Abstimmung beteiligen dürfen.

Rabbi Lau antwortete, in Argentinien erschienen die Sterne um diese Jahreszeit so früh, dass Juden nach dem Ende des Fastens wählen könnten. „Aber wenn es nicht möglich ist, am Abend zu wählen, ist es sogar erlaubt – wegen der Bedeutung der Angelegenheit –, während des Tages zu wählen.“

Wir erinnern uns, denn wenn nicht, vergessen wir.



Kategorien:Gesellschaft

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