Gewaltsame Proteste in Jaffa


Die Polizei verhaftet mehrere Personen bei den gewaltsamen Protesten in Jaffa (Foto: Israel Police)

Weil die Stadt Tel Aviv ein modernes Gebäude für Obdachlose über einem muslimischen Friedhof errichtet, schlagen in Jaffa derzeit die Wogen hoch. Unterstützung erhalten die arabischen Demonstranten von der strengreligiösen jüdischen Schass-Partei.

Seit etwa einer Wochen demonstrieren in dem Tel Aviver Vorort Jaffa hunderte Menschen gegen die Errichtung eines Obdachlosenheimes auf den Überresten eines muslimischen Friedhofs. Die Proteste der vergangenen Tage begannen zunächst friedlich, endeten jedoch immer wieder mit Zusammenstössen zwischen Teilnehmern und Polizisten. Demonstranten setzten Fahrzeuge und Abfallbehälter in Brand und warfen Steine auf die Sicherheitskräfte. Die Nacht zum Sonntag war bislang die mit den gewaltsamsten Protesten. Demonstranten warfen einen Brandsatz auf ein Gebäude der Stadtverwaltung. Es entstand Sachschaden.

Befeuert werden die Demonstrationen von muslimischen Geistlichen und arabischen Leitern. Diese sehen in der Überbauung der Stätte eine Entweihung. Unter den Unterstützern der Proteste ist der Imam der Jerusalemer Al-Aqsa-Moschee, Ekrima Sabri, der früher Grossmufti von Jerusalem war. Er erklärte laut der Zeitung „Times of Israel“ in seiner Predigt vom vergangenen Freitag: „Der Boden eines Friedhofs bleibt islamisches heiliges Land, auch wenn er verlassen wird.“

Von einem Protestzelt vor dem Friedhof aus richtet zudem der stellvertretende Vorsitzende der radikalen Islamischen Bewegung in Nordisrael, Scheich Kamil al-Chatib, das Wort an die Demonstranten. Die Regierung hat den nördlichen Zweig der Bewegung im Jahr 2015 verboten. Ihm wird Anstiftung zu Gewalt und Terror vorgeworfen. Zudem soll die Gruppe Verbindung zur Terror-Organisation Hamas haben.

Arabisches Stadtratsmitglied tritt zurück

Die Stadt Tel Aviv weist unterdessen darauf hin, dass der Friedhof seit mehr als einem Jahrhundert ungenutzt ist. Die Bebauung wurde von einem Gericht genehmigt. Die Ruhestätte ist eine der wenigen muslimischen Grabstätten in Tel Aviv. Sie wurde 2018 beim Abriss eines einstöckigen Gebäudes aus osmanischer Zeit entdeckt, das als improvisiertes Obdachlosenheim diente.

Die Stadt will an der Stelle ein modernes mehrstöckiges Haus für Obdachlose sowie ein Einkaufszentrum errichten. Als Reaktion auf diese Entscheidung, trat das einzige arabische Mitglied des Stadtrats von Tel Aviv-Jaffa, Abd al-Qader Abu Schehadeh, von seinem Posten zurück. Er wirft der Stadt vor, die arabische Geschichte in der Gegend auslöschen zu wollen.

Tel Avivs Bürgermeister Ron Huldai erklärte gegenüber dem Fernsehsender „Kanal 12“, es sei quasi unmöglich, in Jaffa einen Ort zum Bauen zu finden, der nicht die Gefühle einiger Bewohner in irgendeiner Weise beeinträchtigt.

Unterstützung von der Schass-Partei

Das arabische Parteienbündnis „Vereinigte Liste“ verurteilte die Entscheidung der Stadt Tel Aviv ebenfalls. Unterstützung erhalten die Araber zudem von der ultra-orthodoxen Schass-Partei, die sich vor allem für die Belange der sephardischen Juden einsetzt. Der Abgeordnete Jinon Asulai schrieb in einem Brief an den stellvertretenden Innenminister Joav Ben-Tzur, einen Parteikollegen, es dürfe keine unterschiedliche Behandlung von jüdischen und islamischen Stätten geben.

Ben-Tzur forderte daraufhin Bürgermeister Huldai auf, die Bauarbeiten zu stoppen. Es sei eine moralische Pflicht, die Würde von Verstorbenen zu schützen, argumentierte er in seinem Brief.

Rechtsstreit dauerte ein Jahr

Im Januar hatte ein Gericht in Tel Aviv nach einjährigem Rechtsstreit die Errichtung moderner Gebäude über dem Friedhof genehmigt. In dem Urteil hiess es, die Ruhestätte sei nicht bekannt gewesen und werde seit mindestens 100 Jahren nicht mehr von der Gemeinde genutzt. Seit den 1940er Jahren gelte das Grundstück als öffentlicher Raum, wogegen keine rechtlichen Einwände erhoben worden seien. Darüber hinaus konnte keiner der Kläger eine persönliche oder familiäre Verbindung geltend machen.

Die Stadt hatte nach dem Urteil zunächst mit den Klägern verhandelt, dann aber im Juni beschlossen, die Bauarbeiten fortzusetzen. Bei Bauarbeiten in Israel kommt es regelmässig zu archäologischen Funden. Doch viele Stätten werden aus Platzgründen nicht erhalten und werden überbaut. (inn)

 

 



Kategorien:Gesellschaft

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