Erneute Lockdown-Massnahmen in Israel


Israel’s Magen David Adom (National Emergency Medical Service) (Photo: AHMAD GHARABLI)

Nach einem starken Anstieg der Corona-Infektionen hat die israelische Regierung in der Nacht zum Freitag eine Reihe von Schutzmassnahmen wieder eingeführt. Unter anderem wurden Versammlungen von mehr als zehn Personen in geschlossenen Räumen und mehr als 20 Personen im Freien verboten. Ob sich dies auch auf Religionsgemeinschaften bezieht, konnte vorerst nicht geklärt werden, wie unter anderem die „Times of Israel“ berichtete. Ministerien schliessen für den Publikumsverkehr, Kontakte sind demnach nur noch Online möglich.

Zu den Lockdown-Massnahmen am Wochenende gehört die Schliessung einer Reihe von Geschäften und Einkaufszentren, mit Ausnahme wichtiger Dienstleister wie etwa Apotheken oder Supermärkte. Zudem werden Fitnessstudios, Freiluftmärkte, Friseure, Büchereien, Museen und Touristenattraktionen geschlossen, während Restaurants nur noch Essen zum Mitnehmen oder zur Lieferung nach Hause anbieten dürfen.

Die Massnahmen sollten am Freitagnachmittag (17 Uhr Ortszeit) in Kraft treten. Ab Freitag kommender Woche sollen auch die Strände gesperrt werden. Ausgangsbeschränkungen soll es nicht geben, dafür gelten jedoch wieder Einschränkungen für Versammlungen.

Regierungschef Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Benny Gantz wollten demnach erst am Wochenende über mögliche Schliessungen von Schulen und Lehranstalten beraten. Nach wachsender Kritik räumt Ministerpräsident Netanyahu ein: Für die Wirtschaft habe er Massnahmen gegen das Virus vorschnell zurückgenommen. Nun kündigte er an, dass umgerechnet bis zu 20 Milliarden Schweizer Franken bereitgestellt werden sollen.

Zu Beginn der Corona-Pandemie galt Israel vielen als leuchtendes Beispiel für eine rasche und erfolgreiche Eindämmung. Doch inzwischen steht das Mittelmeerland schlechter da als die meisten europäischen Länder. Professor Arnon Afek, Vize-Direktor des Schiba-Spital bei Tel Aviv, spricht von „vorzeitigen Siegesfeiern“, nachdem es Israel mit rigorosen Massnahmen und einem Lockdown im Frühjahr zunächst gelungen war, die Infektionszahlen stark zu reduzieren. „Die Lockerungen waren dann viel zu hastig und ohne klare Strategie und haben eine neue Welle von Infektionen ausgelöst.“ Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte die Bürger im Mai euphorisch dazu aufgefordert, rauszugehen, „Kaffee trinken, auch Bier trinken“.

Seit Ende Mai schnellen die Corona-Zahlen in Israel wieder in die Höhe, auch im Westjordanland zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab, mit Hebron als Zentrum.

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit dem Coronavirus war zuvor in Israel auf ein Rekordhoch gestiegen. Dem Gesundheitsministerium zufolge waren am Mittwoch 1780 Fälle gemeldet worden. Getestet wurden an dem Tag 25 997 Menschen, die Ansteckungsquote war mit rund sieben Prozent ebenfalls so hoch wie nie zuvor. Die Gesamtzahl der Infektionen beläuft sich gemäss der EU-Agentur ECDC auf 44’714. 380 Menschen sind daran gestorben.

Als Hauptinfektionsquellen nach den Lockerungen sind die Schulen und Grossveranstaltungen wie Hochzeiten. Zudem hatten sich viele Menschen sehr undiszipliniert verhalten und weder Maskenpflicht noch Abstands- oder Hygieneregeln eingehalten. „Die Israelis sind eher skeptisch und rebellisch in ihrem Charakter“, erklärt Afek. Dies habe zwar dazu beigetragen, das Land in die innovative „Startup-Nation“ zu verwandeln, räche sich nun aber in der Corona-Krise. Ausserdem habe die Polizei nicht ausreichend gegen die Regelverstösse durchgegriffen.

Nach Medienberichten ist es etwa bei vielen Schul-Abschlusspartys, die trotz Verbots heimlich stattfanden, reihenweise zu neuen Ansteckungen gekommen. Die Älteren sind vorsichtiger geworden, in dieser Welle haben sich vor allem Jüngere angesteckt, deshalb gab es bisher auch weniger Schwerkranke.

Eine Rückkehr zu einer Art Normalität wird frühestens nach dem Winter 2021/2022 erwartet. Auch das sei aber nicht sicher, lautet die düstere Prognose des Experten.

Die aktuelle Zustände in Israel beurteilt Zvi Hauser, Vorsitzender des Aussen- und Sicherheitsausschusses der Knesset, als äusserst bedenklich. „Was jetzt passiert, ist eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was uns im Winter erwartet – Wir haben drei Monate Zeit, uns an allen Fronten vorzubereiten“, sagte er nach Angaben der Nachrichtenseite ynet. „So wie in Science-Fiction-Filmen, wenn es heisst, in drei Monaten wird ein Meteorit auf der Erde einschlagen.“

(JNS und Agenturen)



Kategorien:Gesellschaft

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