Corona spaltet Israel


Es sind Videos, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Die kurzen Filme zeigen Synagogen in Israel. Ultraorthodoxe Männer beten oder feiern dichtgedrängt. Sie halten wenig Abstand und tragen keine Masken. Während des sogenannten Lockdowns in Israel müssen auch Synagogen eigentlich geschlossen bleiben. Aber viele streng-religiöse Gemeinden ignorieren diese Vorgabe.

Die Videos stammen vom Twitter-Account von Israel Frey. Er ist Journalist und gehört selbst dem ultraorthodoxen Judentum an. Mit den vielen Regelbrüchen ist er aber nicht einverstanden. Deshalb dokumentiert er sie auf Twitter. „Innerhalb ihrer Autonomie machen die Rabbiner das, was sie für richtig halten“, sagte der Journalist im israelischen Kanal 13. „Und wenn sie es für richtig halten, dass die Synagogen geöffnet bleiben, dann kann ihnen keiner was.“

Viele Ultraorthodoxe halten sich nicht an Regeln

In Israel leben etwa 1,1 Millionen ultraorthodoxe Juden. Das entspricht etwa zwölf Prozent der Bevölkerung. Trotzdem wird mittlerweile fast die Hälfte aller neuen Corona-Infektionen in diesem Teil der Bevölkerung nachgewiesen. Ende September – am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur – versammelten sich in der Synagoge der Belz-Gemeinde in Jerusalem etwa 4000 Gläubige. Die meisten ohne Maske.

In der Corona-Krise wird deutlich, wie gespalten Israel ist. Und wie abgeschottet vom Staat ein Teil der ultraorthodoxen Bevölkerung lebt.

„Das Problem haben jetzt die säkularen Israelis“, sagt Frey. „Seit der Staatsgründung vor über 70 Jahren haben sie diese Autonomie ermöglicht. Keine Armeepflicht für die Ultraorthodoxen, keine Beteiligung am Wirtschaftsleben, die Finanzierung unserer Religionsschulen. Und jetzt, 72 Jahre später, kämpfen wir mit der Corona-Pandemie. Und der Staat hofft, dass sich die ultraorthodoxen Bürger an die Regeln halten.“

Leben in sehr beengten Verhältnissen

Israel hat eine der höchsten Corona-Infektionsraten der Welt. In der sogenannten säkularen jüdischen Bevölkerung – darunter sind durchaus gläubige Juden – sank die Zahl der nachgewiesenen Infektionen zuletzt. Gleiches geschah bei den arabischen Israelis. Bei den Ultraorthodoxen aber steigen die Zahlen trotz des sogenannten Lockdowns weiter. Das liegt nicht nur an Regelbrüchen.

Die Haredim  – wie die streng-gläubigen Juden auch genannt werden – leben häufig in sehr beengten, ärmlichen Verhältnissen. Das macht es schwerer, Abstand zu halten. Shuki Friedman schätzt, dass etwa die Hälfte der Haredim  die Vorgaben des Staates schlicht nicht einhält. Er erforscht am israelischen Institut für Demokratie das Verhältnis zwischen Staat und Religion.

Premier Netanyahu in der Kritik

„Die Gemeindemitglieder folgen den Anweisungen ihres Rabbiners, nicht der Politik. Es geht hier um Werte“, sagt Friedman. „Und manche Rabbiner haben Angst, dass sie gewissermaßen die Seelen in ihren Gemeinden verlieren, wenn das religiöse Leben eingeschränkt wird. Gerade jetzt in der Zeit der hohen jüdischen Feiertage. Manche dieser Rabbiner sagen ganz klar: ‚Das spirituelle Leben hat eine größere Bedeutung als das körperliche Leben.‘ Sie machen das also ganz bewusst.“

Wochenlang beklagten säkulare Israelis, dass die israelische Polizei in ultraorthodoxen Vierteln und Städten kaum aktiv wurde, dass der Staat kein Interesse zeigte, die Regeln durchzusetzen. Kritiker werfen Premierminister Benjamin Netanyahu eine zu große Abhängigkeit und Nähe zu den ultraorthodoxen Parteien vor. Deshalb habe er diesem Teil der Bevölkerung so viel durchgehen lassen.

Polizisten werden als Nazis beschimpft

Seit ein paar Tagen geht die Polizei aber gegen die illegalen Versammlungen vor. Manche ultraorthodoxe Juden in Israel beschimpfen die Polizisten bei den Konfrontationen als „Nazis“. Dass sie ihre jüdischen Mitbürger mit den Mördern ihrer Vorfahren vergleichen – zumindest rhetorisch – zeigt, wie angespannt die Lage ist.

Forscher Friedman ist sehr besorgt. „Ohne Zweifel werden die Corona-Krise und das Verhalten der ultraorthodoxen Bevölkerung enorme negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Es wird jetzt noch schwieriger, die Spaltung zu überwinden und das Land zu vereinen“, so Friedman. „Große Teile der israelischen Bevölkerung machen die Ultraorthodoxen für die zweite Corona-Welle und den Lockdown verantwortlich. Und es wird lange dauern, bis wir die Spaltung in der Gesellschaft kleiner wird.“

Es gibt auch Szenen, die Hoffnung machen in diesen Tagen. An Jom Kippur beteten viele Gläubige im Freien – etwa auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv. Dort beteten ultraorthodoxe und etwas liberalere Juden gemeinsam. Alle trugen eine Maske. (Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv)

 



Kategorien:Gesellschaft

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