Barrierefrei durch Tel Aviv


Barrierefreier Ausgang: da entlang

Die Mittelmeermetropole zählt zu den behindertengerechtesten Städten weltweit.

Auch dieses Jahr beschloss Tel Aviv, den seit über einem Jahrzehnt stattfindenden Marathonlauf in der Mittelmeermetropole starten zu lassen. Das von zahlreichen Sponsoren finanzierte Sportereignis ging wegen der Covid-19-Pandemie allerdings als digitale Ersatzveranstaltung via Running-App über die Bühne, bei der sich die einzelnen Teilnehmer zwischen dem 19. und 28. Februar ihren jeweils eigenen Wettbewerb aussuchen konnten.

Wie bei jedem Marathon – wo normalerweise Tausende von Athleten aus der ganzen Welt mitlaufen – freute sich die erste »hebräische Stadt«, auch 2021 wieder zahlreiche Sportler mit körperlichen Beeinträchtigungen zu begrüssen, und machte ihrem Image alle Ehre.

Denn erst kürzlich wurde Tel Aviv von dem britischen Magazin »Truly Belong« unter die sieben »behindertengerechtesten« Städte weltweit gewählt.

Auch öffentlichen Verkehrsmittel wie Bus und Bahn verfügen mittlerweile über rollstuhlgerechte Bereiche.

»Die 42,195 Kilometer sind eine Herausforderung für mich«, strahlte der Computeringenieur Kobi Shavit, als er das Ziel erreichte. Der IT-Spezialist, der im Gaza-Krieg 2008 beide Beine verlor, gehört zu den mehr als eineinhalb Millionen Israelis, die mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung leben. »Mit meinem Liegerad habe ich das ganze Jahr über beste Bedingungen, meiner Leidenschaft nachzugehen«, sagte er.

MOBIL Doch Tel Aviv bietet nicht nur sportlich viel für körperlich Beeinträchtigte. Überhaupt ist Mobilität für sie an zahlreichen Standorten möglich. Sie können Nationalparks und Stadtstrände bis hin zu historischen Stätten und weitläufigen Museen besuchen. »Mit weiteren verletzten Veteranen der israelischen Streitkräfte habe ich früher für bessere Rollstuhlfahrbedingungen in Tel Aviv demonstriert«, erzählte Shavit. »Irgendwann entschied sich der Magistrat, unsere Forderungen ernst zu nehmen, und in den vergangenen Jahren wurden die Bedingungen immer weiter verbessert.«

Die »Weisse Stadt« ist stolz auf ihre junge Geschichte. Doch viele ihrer verwinkelten Gassen und gepflasterten Strassen waren für diejenigen, die weniger beweglich sind, nicht sehr vorteilhaft. Erst 1996 erkannte das Oberste Gericht das Recht auf Zugang für jeden Bürger als elementares Recht zur Eingliederung in die Gesellschaft an. Neun Jahre später erforderte die Verabschiedung des Gesetzes zur Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen, dass ihre Bedürfnisse an öffentlichen Orten und bei Dienstleistungen berücksichtigt werden müssen.

»Barrierefreiheit hat sich in Israel entscheidend verbessert«, sagt Dana Gazit, Lifestyle-Produktmanagerin im Tourismusministerium. »Das Gesetz von 1996 enthält einige erweiterte Bestimmungen, und vor allem Tel Aviv hat darauf geachtet, das Leben dieser Bürger angenehmer zu machen.«

In der Mittelmeermetropole wurde nicht nur der Flughafen modernisiert. Auch ihre öffentlichen Verkehrsmittel wie Bus und Bahn verfügen mittlerweile über rollstuhlgerechte Bereiche und bieten auch verschiedene Technologien für Hör- und Sehbehinderte an den Haltestellen an.
Einige Hotels bieten Rampen, die bis zum Wasser reichen.

»Barrierefreier Tourismus ist ein grosses Problem, doch die Branche nimmt es jetzt ernst, da es sich um einen grossen Markt handelt.«

Yuval Wagner, Gründer und Präsident von Access Israel

Neben den strengen Bauvorschriften, die sicherstellen müssen, dass neue Gebäude für Rollstuhlfahrer zugänglich sind, weist die Tourismusexpertin auch auf die zahlreichen Strassen und Boulevards der Stadt hin, die mittlerweile als »behindertenfreundlich« gelten. Besonders stolz ist sie auf das Angebot einiger Hotels, nicht nur Zimmer für körperlich und geistig Beeinträchtigte anzubieten, sondern auch Parkplätze, Duschen und Toiletten sowie strandspezifische Rollstühle und eine Rampe, die sich von der Promenade bis zum Wasser erstreckt.

MUSEEN »Vor der Corona-Pandemie waren unter den vielen Touristen nicht wenige mit physischen oder seelischen Einschränkungen«, sagt Gazit. »Sie konnten ganz unbeschwert den Carmel-Markt erkunden oder den historischen Hafen von Jaffa und die ihn umgebenden Kirchen und Gassen. Auch zahlreiche Restaurants, Cafés und Museen haben entweder einen Eingang auf Strassenebene oder Rampen und Aufzüge in Betrieb.« Für Hilfe steht landesweit die grösste Freiwilligenorganisation des Landes, »Yad Sarah«, bereit. Dort können auch Touristen Ausrüstung und weitere Hilfsmittel für behinderte Menschen ausleihen.

Mehr als viereinhalb Millionen Menschen besuchten Israel im Jahr 2019. Während der Tourismus seit Ausbruch der Pandemie seit zwölf Monaten auf dem Nullpunkt ist, glauben viele aber, dass er in den nächsten Monaten für einige coronafreie Länder wieder möglich sein wird. »Bald werden die Urlauber wiederkommen, und dann muss Israel sich auch verstärkt als Reiseziel für Touristen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen vermarkten«, sagt Yuval Wagner, Gründer und Präsident von Access Israel, einer NGO, die den Zugang für Menschen mit allen Arten von Behinderungen in sämtlichen Lebensbereichen fördert.

MARKT Der nach einem Hubschrauberabsturz auf den Rollstuhl angewiesene Ex-Kampfpilot Wagner gründete die NGO 1999. »Barrierefreier Tourismus ist ein grosses Problem, doch die Branche nimmt es jetzt ernst, da es sich um einen grossen Markt handelt«, erzählt er. »Es betrifft nicht nur Behinderte, sondern auch ältere Menschen. Obwohl verbesserungswürdig, ist Tel Aviv in diesem Bereich eine der fortgeschrittensten Städte.«

Trotzdem weiss auch Wagner, dass barrierefreies Reisen nicht billig ist. »Je schwerer die Behinderung, desto teurer die Reise.« Er fordert von den Verantwortlichen eine stärkere Werbekampagne in verschiedenen Sprachen und schlägt vor, das Image von Tel Aviv als Flaggschiff für diesen Markt zu nutzen. »Das Bild der Stadt ist positiv«, erklärt Wagner. »Die Metropole, die auch für ihre schönen Strände bekannt ist, sollte mehr in Barrierefreiheit investieren, dann werden wir hier nicht nur veganen und LGBT-Tourismus sehen.«

STATUS Dies würde auch Kobi Shavit begrüssen. Der IT-Experte arbeitet im Nalaga’at Center in Jaffa: »Nach Covid-19 werden wieder zahlreiche Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund unser Kulturzentrum besuchen, unabhängig von Religion, physischem Zustand oder sozialem Status.«

Das weltweit einzige Theater mit taubblinden Schauspielern hat neben einer Schule für Gebärdensprache auch das einzige Dunkelrestaurant des Landes. »Wir alle müssen helfen, dass Tel Aviv weiter als Vorreiter dient für die Integration von Körperbehinderten als gleichberechtigte Bürger in Israel«, sagt Shavit. »Vielleicht kann dies unsere Gesellschaft verbessern.«

(Tal Leder/Jüdische Allgemeine; Foto: pr)

 



Kategorien:Gesellschaft

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