Thorazitat – Parascha


„Den Glauben eines Menschen, dessen Brotkorb gefüllt ist, diese allerdings keinen Genuss daraus schöpfen, da sie sich davor fürchten, morgen ohne Essen dazustehen, muss man in die Kategorie “niedrig“ einstufen…“

Thora-Parascha

Sidra: BaHalotecha
Lesung: 4. Mose  8,1 – 12,16
Haftara: Joel 2:15 – 27

Beha’alotcha-Psalm 68
Bitte um Gottes Beistand

An Tagen, an denen in der Synagoge aus der Tora vorgelesen wird,  rezitiert man zwei Verse aus dem Wochenabschnitt Beha’alotcha. Beim Öffnen der Lade sagt man: „Es war, wenn die Lade aufbrach, sprach Mosche: erhebe dich, Ewiger, dass sich zerstreuen deine Feinde und das Fliegen deiner Hasser vor dir“ (Bamidbar 10,35). Und beim Einheben nach der Tora-Vorlesung spricht man: „Und wenn sie (die Lade) sich niederliess, sprach er: Kehre zurück, Ewiger, zu den Myriaden der Tausende Israels“ (Bamidbar 10, 36). Rabbiner E. Munk erklärt die Bedeutung dieses Gebets: „Zuerst werden durch den Rundgang des göttlichen Wortes unter den Menschen die Feinde und Hasser des Göttlichen überwunden und zum Weichen gebracht, und dann nimmt das göttliche Wort ,milde‘ seinen Ruheplatz im Menschenkreise und dann verwandeln sich die Tausende Israels durch eigenen Zuwachs und Anschluss von aussen in Myriaden.“

Dass Psalm 68 dem Wochenabschnitt Beha’alotcha zugeordnet wurde, hängt wohl damit zusammen, dass der Psalmist auf Mosche Rabbenus Bitte um Gottes Beistand zurückgreift: „Erhebt sich Gott, verstreuen sich seien Feinde und fliehen seine Hasser vor seinem Antlitz“ (Vers 2). Im folgenden Vers führt der Psalmist die Bitte weiter: „Wie Rauch verjagt wird, jage sie fort: wie Wachs am Feuer zerschmilzt vergehen Übeltäter vor Gott.“
 
Nach Auffassung von Rabbiner  Hirsch sind die oben angeführten Verse aus dem Wochenabschnitt „ein Kompendium der ganzen mit Moses göttlicher Sendung eingeleiteten Geschichte Israels und der Menschheit, und wohl bilden diese beiden Verse ein bedeutsames Buch für sich.“ Er fügt hinzu: „Einen Kommentar zu ihnen glauben wir aber in Psalm 68 zu finden, dessen Inhalt eben die mit Israel und dem Gesetze eingeleitete Geschichte des siegreichen Gottesreiches auf Erden bildet.“ (Prof. Dr. Yizhak Ahren)

 Sidra Beha‘alotcha

Es piepst, klingelt, heult und surrt
 

Die Umwelt besteht, so könnte man manchmal meinen, aus elektronischen Klängen, Tönen und Geräuschen. Die Handys, Türen der öffentlichen Verkehrsmittel, Kassen im Supermarkt, der Kühlschrank, wenn er zu lange offensteht, oder das geöffnete Auto, wenn der Schlüssel noch im Kontakt steckt. Alles um uns hin reizt unser Gehör (und manchmal unsere Nerven). Die Töne geben eine Botschaft wieder, sie wollen uns auf etwas aufmerksam machen. Im Unterbewussten haben wir gelernt, welcher Ton oder Klang uns wofür warnt. Einmal pro Jahr, am ersten Montag im Februar, heulen in der Schweiz die Sirenen, um sicher zu gehen, dass das Warnsystem noch funktioniert. Falls die Sirenen, Gott behüte an einem anderen Tag losgehen, werden wir unmittelbar in Unsicherheit, ja sogar in Angst versetzt.

In der dieswöchigen Sidra Beha’alotcha lesen wir über Kommunikationslaute in der Antike. Mosche bekommt den Auftrag: «Mache dir zwei silberne Trompeten, in getriebener Arbeit sollst du sie machen und sie sollen dir dazu dienen, die Gemeinde einzuberufen und die Lager aufbrechen zu lassen.» (Bemidbar 10, 2). Die Israeliten verstanden die Bedeutung der unterschiedlichen Trompetentöne. Ein einfacher, gerader Ton z. Bsp. informiert die ganze Gemeinschaft, beim Zelt der Begegnung zusammenzukommen. Ein zittriger Ton ist das Zeichen für das Lager, um aufzubrechen und weiterzuziehen.

Die Funktion der Trompeten ist es also unter anderem: «Die Gemeinde einzuberufen und das Lager aufbrechen zu lassen.» Wieso steht einmal ‘Eda’, Gemeinde, und das andere Mal ‘Machane’, Lager? Die Eda, die Gemeinde soll zum Zelt der Begegnung kommen und dem Machane, dem Lager wird das Zeichen gegeben, aufzubrechen. Der amerikanische Rabbiner Joseph Soleveitchik (Kol Dodi Dofek, 2006) lehrt uns, wie diese Begriffe verstanden werden können: Menschen gruppieren sich, um eine Gemeinschaft zu bilden, auf zwei Arten. Die erste Art von Gruppenbildung tritt auf, wenn es sich gegen einen gemeinsamen Feind zu wehren gibt. Die Gruppierung zu einem Machane ist ein solches, zur Verteidigung konstruiertes Gebilde. Die andere Art von Gruppenbildung kommt zustande, wenn Menschen Ideale, Normen und Werte und Perspektive teilen. Diese Gruppierung formt sich zu einer Eda, zu einer Gemeinde. Eine Eda ist nicht defensiv, sondern kreativ. Soweit Soleveitchik.

Zurzeit sind wir Zeugen der Kriegshandlungen zwischen Israel und Chamas. Die darauffolgenden antisemitischen Verurteilungen und Taten in den verschiedensten Ländern der Welt sollen uns als Machane stärken. Wir müssen uns verteidigen gegen Angriffe, deren Ziel es ist, jüdische Menschen zu stigmatisieren. Auf politischer Ebene kann und darf man kritisch gegenüber beiden Parteien stehen und dies auch äussern. Antisemitische Ausschreitungen jedoch sind, wie der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehofer es laut und deutlich verkündete, inakzeptabel. Geht es darum, ein gerechtes Zuhause für Juden und Jüdinnen in Israel aufrecht zu erhalten und ein Staat zu sein, in dem Gerechtigkeit und Lebensqualität für alle Einwohner gelten, müssen wir eine Eda sein, eine Gemeinschaft mit ethisch verantworten Idealen, eine Gemeinschaft, die das Wohl von Menschen im Allgemeinen – ungeachtet religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit – nacheifert. Sicher, eine Gemeinschaft hat das Recht sich zu verteidigen. Gleichwohl stellt sich die Frage, wodurch die Gemeinschaft sich treiben lässt, durch Angst und Rachesucht oder durch gemeinsame Perspektive und Zusammenarbeit?

Mögen die Leiter von Israel und den Palästinensern zur Einsicht kommen, dass ein Machane, eine Verteidigungsfestung, auf die Dauer scheitert. Erst wenn das Waffengerassel verstummt, kann der Frieden durch die Bildung von Edot (Mehrzahl van Eda) der Parteien erreicht werden. Ich träume von einer parteiübergreifenden Eda, deren Hauptanliegen das Wohl der ganzen Region und allen darin wohnenden Menschen ist. Ken jehi razon, möge es so sein.

Schabbat schalom,

Rabbiner Ruven Bar Ephraim, JLG Zürich

PARASCHAT HASCHAWUA

behaalotcha.2.j.pdf behaalotcha.haftara.5781.pdf



Kategorien:Gesellschaft

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