„Befreierinnen der Klagemauer“


Erstmals seit Monaten fand an der Klagemauer ein öffentliches Gebet einer Frauengruppe ohne Verhaftungen statt. Sie kämpft gegen die Vormachtstellung des orthodoxen Judentums in Israel.

Westwall_Frauen

Frauen beim öffentlichen Gebet an der Klagemauer. (Bild: Keystone / Abir Sultan)

«Das Gebet war ruhig und sehr schön, es hat mich berührt, obwohl ich nicht religiös bin», sagt die Meretz-Abgeordnete Tamar Zandberg. Sie war eine der drei linken Parlamentarierinnen, welche am Dienstag an einem Gebet von Frauen an der Klagemauer teilnahmen. Die Frauen trugen dazu den Gebetsschal, der nach striktem orthodoxem Ritus nur Männern vorbehalten ist; auch das öffentliche Lesen aus den heiligen Schriften wird nur Männern zugestanden. Die Gruppe «Frauen der Mauer» (Women of the Wall) betet seit 25 Jahren auf diese Weise an der Klagemauer, trotz Widerstand aus den Reihen der Orthodoxen.

Wider die Staatsreligion

Das Gebet fand im Frauenbereich der Klagemauer statt und sei, so Zandberg, friedlich verlaufen. Erstmals seit Monaten wurde niemand verhaftet. Dies ist der Anwesenheit der Parlamentarierinnen zu verdanken. «Ohne die Unterstützung der Abgeordneten wären wir verhaftet worden», sagt Anat Hoffman, die Begründerin der Organisation Frauen der Mauer. Die Frauen haben ihren Kampf 2003 vor dem Obersten Gericht verloren, als dieses unter Druck der ultraorthodoxen Parteien seinen Entscheid, dass die Frauen im ihnen vorbehaltenen Bereich aus der Tora lesen dürfen, rückgängig machte.

Auf ihrer Website findet sich ein Bild von den Frauen neben der Klagemauer neben einem Bild von Soldaten vor der Klagemauer bei der Eroberung Ostjerusalems 1967. «Die Mauer befreien», steht darüber. Israels Staatsreligion ist das orthodoxe Judentum. Das orthodoxe Oberrabbinat kontrolliert das Ehe- und Scheidungsrecht und bestimmt, wer jüdisch ist und das Recht auf Immigration hat. Man könnte daher argumentieren, dass das Vorhaben der Frauen der Mauer vergleichbar mit dem Versuch einer protestantischen Pfarrerin sei, in einer Kirche im Vatikan die Messe zu halten. Den Frauen geht es denn auch nicht nur um das Gebet an der Mauer, sondern um die Vormachtstellung der Orthodoxen im Staat Israel.

Westwall_orthodoxy

Orthodoxe Juden protestieren gegen das Gebet der Frauen an der Klagemauer. (Bild: Keystone / Abir Sultan)

Pluralistisches Judentum

Deshalb haben sich ihnen die drei Abgeordneten aus Solidarität angeschlossen, obwohl sie selber nicht religiös sind. «Das Kernanliegen ist für mich die Trennung von Religion und Staat», so Zandberg. Es müsse auf allen Ebenen gekämpft werden, auch wenn derzeit nur kleine Teilerfolge möglich seien. Für einige der orthodoxen Frauen an der Klagemauer sei der Akt ein Affront gewesen, weil er ihrer Auffassung der rituellen Regeln widerspreche, sagt Zandberg. Aber es müsse möglich sein, dass man sich gegenseitig respektiere. Die Likud-Abgeordnete Miri Regev sah das anders: «Das Beschädigen von Symbolen der Regierung und anarchistische Aktionen waren schon immer ein Nationalsport der Linken», schimpfte sie. Sie verurteilte die Aktion am heiligsten der heiligen Orte als verletzend für die Gefühle der jüdischen Öffentlichkeit.

Anat Hoffman glaubt, der Widerstand gegen ihr Anliegen stamme vor allem von orthodoxen Politikern und Autoritäten, welche einen Machtverlust fürchteten. Viele Frauen in ihrer Gruppe sind selber orthodox. «Das orthodoxe Judentum selbst ist viel pluralistischer, als man von aussen glaubt.» Es sei an der Zeit für Juden und Jüdinnen auf der ganzen Welt, sich gegen die Vormachtstellung einer Minderheit zu wehren und zu sagen: «Es gibt mehr als eine Art, jüdisch zu sein.» (Monika Bolliger, Jerusalem)



Kategorien:Gesellschaft

Schlagwörter:, , ,

1 Antwort

  1. Die Töchter von Raschi, Rabbi Schlomo ben Jizchak, s.l., haben den Tallit getragen und Tefillin gelegt. Es war damals üblich. Erst später wurde es „Tradition“, dass Frauen dies nicht mehr tun und sie wurden in die Küche verbannt.

    Im sogenannten „Reformjudentum“ gelten nicht nur gleiche Rechte für Frauen und für Männer, man passt sich sogar dem Christentum an und Zionismus wird abgelehnt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: