Streit, Ängste und Zuversicht


sohnderwitweViele israelische Siedler befürchten, der amerikanische Präsident könnte einen Siedlungsstopp fordern. Zugleich aber sorgt die Zusammensetzung der neuen israelischen Regierung in Siedlerkreisen für Zuversicht. Streit gibt es aber auch unter arabischen Christen und Muslime.

Streit um Kapelle in Galiläa

Arabische Christen bitten den israelischen Polizeichef um Hilfe. Vor kurzer Zeit hat die katholische Kirche mit der Renovierung einer kleinen Kapelle im arabischen Dorf Nain angefangen und seitdem werden die arabischen Christen von moslemischen Banden gehindert das Renovierungsprojekt weiterzuführen. Die arabischen Bauunternehmer und christlichen Projektführer mussten aus dem galiläischen Dorf zwischen Afula und Nazareth fliehen, um ihr Leben zu retten. Ein moslemischer Familienclan aus der Gegend möchte von der neuen Kirchenrenovierung profitieren und verjagte daher die arabischen Christen von der Baustelle.

Es handelt sich um eine kleine Kapelle die den Namen „Sohn der Witwe“ trägt, demnach soll hier nach christlicher Überlieferung der sogenannte Jesus den Jüngling einer Witwe vom Tod erweckt haben. Das arabische Dorf hat noch denselben biblischen Namen Nain und bereits im 5. Jahrhundert wurde dort die erste Kapelle gebaut. Millionen Pilger haben in den letzten Jahren die alte Kapelle besucht und aus diesem Grund beschloss die katholische Kirche das alte Gebäude zu renovieren. Nun hat die katholische Kirche der israelischen Polizei ein Schreiben überreicht, in dem sie Sicherheit für die arabischen Christen und den Weiterbau und Renovierung der Kapelle fordert. Immer wieder beschweren sich arabische Christen über das Verhalten der arabischen Moslems in ihrer Umgebung, für die Ordnung zwischen Christen und Moslems im Heiligen Land sind jedoch die Juden, die israelischen Polizisten, verantwortlich. Vor wenigen Jahren gab es ein Spektakel um der Verkündigungsbasilika in Nazareth, als sich Moslems mit einem Moscheebau vor der Kirche gegen die christliche Ausbreitung in Nazareth stellten.

Siedlungen in Cisjordanien (von Monika Bolliger, Etz Ephraim)

Dutzende von Wohnhäusern im Rohbau stechen den Besuchern bei der Anfahrt nach Etz Ephraim ins Auge. Die rege Bautätigkeit ist unübersehbar. „Wir befürchten, dass Obama einen Baustopp fordern wird“, sagt Yair Bloch, ein israelisch-amerikanischer Doppelbürger, der hier in den Häuserbau investiert. Viele seiner Freunde hätten unmittelbar nach Obamas Wiederwahl die Bautätigkeiten beschleunigt. Der amerikanische Präsident beginnt am Mittwoch seine Nahostreise in Israel. Er komme nicht mit einem neuen Friedensplan, hiess es aus Washington. Dennoch könnte er versuchen, Israels Regierung zu Gesten gegenüber Ramallah zu bewegen, um der politisch angeschlagenen palästinensischen Autonomiebehörde den Rücken zu stärken.

Ambivalente Loyalitäten

Bloch meint, Obama würde sich besser um die amerikanische Wirtschaft kümmern, anstatt den Israeli zu sagen, sie sollten keine Siedlungen bauen. Den Palästinensern gehe es ohnehin nicht um das Land. Der Hass auf Israel sei kulturell begründet. Etz Ephraim liegt unweit der grünen Linie innerhalb der Sperranlage. Weiter nach Cisjordanien hinein will Bloch nicht, obwohl er findet, das Land gehöre Israel, zumal es den Krieg gewonnen habe. Er wolle aber nicht sein Leben riskieren. Vor wenigen Tagen kam es unweit der Siedlung Ariel zu einem Unfall, weil Palästinenser Steine auf ein israelisches Auto geworfen hatten. Sechs Personen wurden verletzt. Ein Kleinkind ist in kritischem Zustand. Laut der Armee haben solche Vorfälle seit Bekanntwerden des Besuchs von Obama zugenommen.

Ilana Shimon, die im unautorisierten Aussenposten Havat Gilad unweit der palästinensischen Stadt Nablus lebt, hat trotzdem keine Angst. Überall in Israel sei das Leben gefährlich, behauptet sie. „Aber ich glaube an Gott und die Bibel. Das ist unser Land hier.“ Vom Küchenfenster ihres Wohncontainers tut sich der Blick auf ein weites Tal auf, das nach dem Winterregen in saftigem Grün leuchtet. „Mein Fernseher“, scherzt die Mutter von sieben Kindern, die alle Hände voll mit den Reinigungsarbeiten vor dem nahenden Pessach-Fest zu tun hat. Eine Klimaanlage sorgt für Wärme. Bis vor einem Jahr hatte Havat Gilad – eine Ansammlung einiger Wohncontainer – keinen Anschluss an die Strom- und Wasserversorgung. 2011 zerstörten israelische Sicherheitskräfte hier zuletzt illegale Bauten und trafen dabei auf handfesten Widerstand. Die gewaltsame Räumung des Aussenpostens bewirkte landesweit Proteste von Sympathisanten der Siedler.

Havat Gilad wurde von Moshe Zar begründet, einem früheren Mitglied einer jüdischen Terrororganisation, welche für die Tötung palästinensischer Bürgermeister verantwortlich war. Zar benannte den Aussenposten nach seinem Sohn Gilad, der 2001 von Palästinensern erschossen worden war. Das Land, auf dem der Aussenposten steht, soll Zar gehören, angeblich hat er es einem Palästinenser abgekauft. Die Räumung sei ein Trauma für die Jugendlichen gewesen, sagt Ilana. Sie hätten diese aber inzwischen davon überzeugt, dass Steinewerfen nicht helfe und sie in der Armee dienen sollten. Die ideologischen Siedler befinden sich bisweilen in einem Dilemma zwischen ihrer Überzeugung und der Loyalität gegenüber dem Staat. In der neuen Regierung sind die Siedler aber überaus gut vertreten, ebenso in den Kampfeinheiten der Armee.

Die Vertreter der Siedler sässen in Schlüsselpositionen der neuen Regierung von Ministerpräsident Netanyahu, sagt der israelische Journalist Itamar Fleishman, der selber in einer Siedlung lebt. Der Siedlungsbau habe nie so floriert wie unter der letzten Regierung, und viele hofften, es werde noch besser. Zugleich fürchteten viele angesichts des Besuchs von Obama Konzessionen wie einen Baustopp oder die Evakuierung isolierter Siedlungen. Ilana Shimon interessiert das wenig. „Hier sind so oder so alle am Bauen“, meint sie lachend. Für sie ist die Besiedlung des Landes eine heilige Mission, und dafür ist sie auch bereit, Unannehmlichkeiten hinzunehmen. Ihre Vorfahren aus Jemen hätten einst für die Rückkehr der Juden nach Israel gebetet. Dass sie hier seien, sei ein Wunder.

Preisgünstiges Wohnen

westjordanlandDie meisten der ersten Siedlungen, die Israel bald nach dem Sieg im Sechstagekrieg in Cisjordaniens baute, waren von säkularen Juden bewohnt. Linke Regierungen förderten unter anderem aus strategischen Erwägungen den Siedlungsbau im Jordantal. Heute gehört die Mehrheit der Siedler der religiösen Rechten an, obschon Beobachter davon ausgehen, dass nur etwa ein Drittel aus ideologischen Motiven in Siedlungen lebt. Die übrigen Siedler hätten sich wegen der Zweckmässigkeit für diesen Wohnsitz entschieden, sagt Fleishman. Zwei der grössten Siedlungen, Modiin Ilit und Betar Ilit, werden von Ultraorthodoxen bewohnt, nach deren traditioneller Theologie das Leben in einer geschlossenen, den rituellen Regeln folgenden Gemeinschaft im Vordergrund steht. Die Besiedlung des Heiligen Landes war für sie bis anhin keine Priorität. Diese beiden Siedlungen befinden sich zudem unmittelbar an der grünen Linie und würden im Falle einer Zweistaatenlösung wohl Israel zugesprochen.

Wohnen in Siedlungen nahe der grünen Linie sehen viele Israeli als attraktive und vor allem preisgünstige Möglichkeit, da der Wohnraum wegen staatlicher Subventionen für den Siedlungsbau vergleichsweise günstig und tägliches Pendeln zur Arbeit in den Grossraum Tel Aviv zumutbar ist. Das Eingeständnis, aus praktischen Gründen oder wegen der höhern Lebensqualität in einer Siedlung zu leben, sei aber ein Tabu, sagt Fleishman. „Die Bewohner hätten Angst vor einer Zwangsräumung, wenn sie das laut sagten.“ Organisationen, die sich für eine Zweistaatenlösung einsetzen, vertreten die Ansicht, dass eine Mehrheit der Siedler nach Israel umziehen würde, wenn sie dafür finanziell entschädigt würden und dort bezahlbaren Wohnraum fänden.

Dass eine Räumung der Siedlungen Cisjordaniens ähnlich reibungslos wie im Gazastreifen verlaufen könnte, wird von Beobachtern bezweifelt. Derzeit leben rund eine halbe Million Siedler im Westjordanland und in Ostjerusalem. Im Gazastreifen waren es 9000. Die symbolische Bedeutung Cisjordaniens, das in Israel als Judäa und Samaria bezeichnet wird, ist wegen der biblischen Stätten ungleich höher. Der enorme Widerstand, der bei der Räumung isolierter Aussenposten den Sicherheitskräften Kopfzerbrechen bereitete und bisweilen die Politik lähmte, zeugt von einer Entschlossenheit der Siedlerbewegung, für welche die Evakuierung aus dem Gazastreifen ein Trauma war. Ihre Erstarkung in der Regierung und in der Armee erschwert ein solches Unternehmen weiter.

Demografischer Triumph

Derweil gibt es unter den Siedlern auch solche, die eine palästinensische Souveränität in Cisjordanien akzeptieren würden. Für sie ist die Hauptsache, im Heiligen Land zu siedeln. Grundsätzlich ist auch Shoshana Shilo aus Kedumim, der „Muttersiedlung“ des Aussenpostens Havat Gilad, dieser Meinung. Die Assistentin des Bürgermeisters von Kedumim will sich aber nicht lange mit hypothetischen Fragen aufhalten. Die Araber würden sowieso nie Frieden mit Israel schliessen, meint sie. Kedumim wurde 1975 von den Vätern der ideologischen Siedlerbewegung begründet. Teile stehen auf palästinensischem Privatland. Laut Shilo leben hier rund 900 jüdische Familien aus aller Welt. 2004 verlegte die damalige Bürgermeisterin den Gemeinderatssitz in die Industriezone ausserhalb des Zentrums. Damit wollte sie eine Zweistaatenlösung sabotieren, die damals den Austausch kompakter Siedlungsblöcke gegen Land in Israel vorgesehen hatte.

Das Problem seien nicht die Palästinenser, sondern ein fehlendes Verständnis für die Bedeutung des Landes unter den Israeli selbst, sagt Shilo. Laut Umfragen befürwortet eine Mehrheit der Israeli eine Zweistaatenlösung. Allerdings glaubt auch eine Mehrheit nicht mehr an deren Machbarkeit. Die Zustimmung für eine Annexion von Teilen Cisjordaniens ohne volle Rechte für die Palästinenser nimmt bei der jüngeren Generation zu.

Shilo hofft dennoch auf Netanyahus neuen Koalitionspartner Naftali Bennett, der die Siedler vertritt und weite Teile Cisjordaniens annektieren möchte. Auf die Frage, was aus den Palästinensern werden soll, hat sie keine klare Antwort. Einerseits spricht sie von Koexistenz, andererseits ist sie überzeugt, dass die Palästinenser Israel vernichten wollten. „Wir müssen stark sein, dann werden wir respektiert“, sagt sie, „mit oder ohne Unterstützung der Regierung.“ Die Zeit stehe aufseiten der Siedler und ihrer kinderreichen Familien. In Israel werde sich die Demografie zu ihren Gunsten wenden. „Aber Regierungen kommen und gehen, und das Land Israel wird bestehen bleiben.“



Kategorien:Nahost

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