Polens Schechita-Kontroverse schlägt immer grössere Wellen


Rabbi Michael Schudrich

Rabbi Michael Schudrich

Am 12. Juli hatte das Unterhaus des polnischen Parlaments einen von der Regierung unterstützten Gesetzesvorschlag mit 222:178 Stimmen zurückgewiesen, der das rituelle Schächten im Land ebenso wie das Halal-Schächten der Muslime legalisiert hätte. Bis jetzt hat Polen durch den Export von koscherem und Halal-Fleisch rund 650 Millionen Dollar pro Jahr eingenommen. Als Folge einer Petition von Tierschützern befand ein Verfassungsgericht im Januar aber, dass Polen kein Recht habe, rituelles Schächten zuzulassen.

Das israelische Aussenministerium hatte das Schächtverbot als völlig inakzeptabel bezeichnet, es schade dem Wiederaufbau jüdischen Lebens in Polen. «Wir finden es entsetzlich, dass Juden, obwohl jüdisches Leben schon immer fester Bestandteil der polnischen Geschichte war, eins ihrer ältesten und wichtigsten Rituale nicht ausüben dürfen», so ein Sprecher.

Mit «immenser Enttäuschung» reagierte Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, auf den Beschluss des Sejm, der polnischen Legoslativen, die Schechita, das religiöse Schlachten im Lande zu verbieten. «Dieser Entscheid ist», so erklärte Lauder, «ein Schlag ins Gesicht von Juden und Muslimen gleichermassen, und ein bitterer Schlag für all jene, die grosse Mühe darauf aufgewandt haben, eine Renaissance des jüdischen Lebens in Polen zu verursachen.» Er frage sich, fügte der JWK-Präsident hinzu, welche Botschaft jene Parlamentarier, die dem Verbot zustimmten, ihren nichtjüdischen Mitbürgern vermitteln wollten. Juden, die die Kaschrut-Gesetze befolgen, hätten nun allen Grund, sich zu fragen, ob sie nun in Polen noch willkommen seien. «Seit dem 2. Weltkrieg ist Polen, das einst die grösste jüdische Gemeinschaft der Welt beherbergte, zum ersten Land Europas geworden, das das religiöse Schlachten unter Verbot gestellt hat», bemerkte Lauder.

In nicht weniger klaren Worten verurteilt die Anti-Defamation Leagute (ADL) den Entscheid von Warschau. «Die Mehrheit der polnischen Abgeordneten», meinte der nationale ADL-Direktor Abraham H. Foxman, «gab der jüdische Gemeinde Polens drei Alternativen: Praktizieren Sie Ihre Religion nicht, essen Sie kein Fleisch oder lebt nicht unter uns.» Für eine Nation, die immer noch Mühe habe mit ihrer Behandlung von Juden in der Vergangenheit, sei es «empörend», der Zukunft der Juden in Polen einen derartigen Schlag zu versetzen. Diese Abstimmung war eine klare Verletzung der religiösen Freiheit, die unterstützt worden sei von der Ignoranz der Einen und von der Bigotterie der Anderen. – «Populismus, Aberglaube und politischen Interessen haben gesiegt», sagte Piotr Kadlcik, Leiter des Verbandes Jüdischer Gemeinde in Polen. «Es sieht so aus, als hätte der Kreis sich geschlossen und wir auf dem Weg zurück seien zu den Geschehnissen in Polen und Deutschland in den 1930er Jahren.»

Der in den USA geborene Rabbi Michael Schudrich, der seit über zwei Jahrzehnten in Polen arbeitet – seit 2004 als Oberrabbiner des Landes – droht für den Fall mit seinem Rücktritt, dass das dieser Tage vom Parlament verhängte Schächtverbot definitive Formen annimmt. «Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Land als Oberrabbiner zu dienen, in dem die Rechte der jüdischen Religion beschränkt werden», schrieb der Rabbiner auf seiner Facebook-Seite. «Sollte die Legalität des rituellen Schächtens nicht auf legitime Weise wieder hergestellt werden, wäre ich gezwungen, von der Funktion zurückzutreten. Bevor Oberrabbiner von Polen wurde, war Michael Schudrich Rabbiner der Gemeinde von Warschau und Direktor der Ronald S. Lauder Stiftung in Polen.

Polens Regierungschef nannt die Kritik aus Israel «unangemessen». Doch auch von den heimischen Landwirten kommt Widerstand: Sie fürchten grosse Exportverluste: «Das ist ein Schlag ins Gesicht für die polnische Wirtschaft und Landwirtschaft. Die Folgen werden natürlich nicht morgen oder nächste Woche zu sehen sein, aber in sechs Monaten oder einem Jahr», warnt der Vorsitzende des Bauerndachverbandes. In Polen selbst wird mit durchschnittlich 2,2 Kilogramm pro Einwohner und Jahr vergleichsweise wenig Rindfleisch gegessen, das geschächtete Fleisch geht vor allem ins Ausland. Es machte bislang knapp ein Drittel der polnischen Rindfleischexporte aus. (JNS / TA)



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1 Antwort

  1. Das rituelle Schächten ist genauso falsch wie die rituelle Beschneidung. Und vielleicht kapiert Herr Lauder jetzt einmal, was ein souveränes Land ist. Daß der Zentralrat der Juden in Deutschland mit dem unsäglichen Beschneidungsgesetz durchgtekommen ist, liegt einzig und allein daran, daß Deutschland nicht souverän ist und daß hier meines Wissens nach immer noch Besatzungsvorbehalte gelten. Anders ist es nicht erklärbar, daß der Bundestag auftragsgemäß ein Gesetz beschlossen hat, daß der Verfassung und dem mehrheitlichen Willen der Bevölkerung entspricht.

    Beschneidung und Schächten sind keine akzeptablen menschichen Verhaltensweisen und sind in zivilisierten menschlichen Gesellschaften nicht erlaubbar.

    Und Herr Lauder muß sich überlegen, ob er zur zivilisierten menschlichen Gesellschaft gehören oder sich auf die Seite prähistorischer Kulte stellen will, die im Jahr 2013 keinen Platz mehr haben.

    Und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich habe keine Ahnung, wie repräsentativ der jüdische Welktongress oder der Zentralrat der Juden in Deutschland sind. Für mich sind das letztlich Lobbyorganisationen, die sich gegen die Werte der Aufklärung stellen und die, man erlaube mir die saloppe Ausdrucksweise, Stress machen.

    Das Schächten gehört verboten, die rituelle Beschneidung gehört verboten, und hier bricht säkulares Recht religiöses Recht, hier erwarte ich, daß der Jüdische Weltkongress und der Zentralrat der Juden die Rechtslage zur Kenntnis nehmen und befolgen.

    Religionsfreiheit heißt, daß man glauben darf, was man will. Das Handeln unterliegt schranken, das gilt für alle Leute, auch für Juden, damit sind alle Religionen zurecht gekommen, dann tun die Juden es auch. (Und wenn nicht: Das macht nichts. Beschneidung und Schächten gehört verboten und entfällt und wenn das jemandem Beschwer bereitet, ist das seine Beschwer, nicht meine.)

    Mich nervt im übrigen der peinlich philosemitische Unterton des Blogs hier, Philosemitismus ist Antisemitismus mit anderer Schminke. Ich habe immer noch nicht mitbekommen, wer eigentlich hinter diesem Blog steht, ich finde das ganze Blog hier offen gesagt etwas ärgerlich.

    Auch mag ich keine undefinierten Begriffe wie „Renaissance eines jüdischen Lebens“. Was ist denn bitte ein „jüdisches Leben“? Gibt es ein adventistisches Leben? Oder ein zeugenjehovasches Leben? Es gibt Juden und Zeugen Jehovas und Adventisten. Und die leben in einer Gesellschaft, wie alle anderen auch. Was sollen da Süßlichkeiten wie ein „jüdisches Leben“ oder vielleicht ein „katholisches Leben“ oder ein „evangelisches Leben“ – wenn Traditionen sich halten ist gut, sonst sterben sie halt aus, wir sind doch keine lebende Kulkturkonserve! Und wenn sich „jüdisches Leben“ über Tierquälerei und die Folter und Verstümmelung von Kindern definiert, bzw. dieses für unverzichtbar hält, dann hinterfrage ich da ohnehin, was wir da eigentlich konservieren.

    Kultur zu bewahren ist richtig.

    Aber Schächten und Beschneidung sind keine Kultur, das sind barbarische Entgleisungen, in denen die Menschheit schuldig geworden ist und immer noch wird – und die ganz einfach entfallen.

    Liken

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