Vor 40 Jahren: Ein Mädchen erlebt den Jom-Kippur-Krieg


Yom Kippur War

Generalstabschef Chaim Bar Lev (Mitte links) mit Generalmajor Ariel Scharon, dessen Kopf verwundet ist, und Verteidigungsminister Mosche Dayan (mit Augenklappe) bei einer strategischen Planung während des Jom-Kippur-Krieges.

Der Versöhnungstag rückt näher. Langsam legt sich die Stille über die Strassen. Kurz vor der Dämmerung eilen ganz in weiss gekleidete Männer, die sich in Gebetsmäntel (Tallith) eingehüllt haben, zur Synagoge. Ihnen folgen Kinder auf Fahrrädern, die grösstenteils säkular sind und an diesem Tag die Strasse füllen, da so gut wie keine Autos unterwegs sind. Dann kommen die Mütter, die versuchen, ihre Kinder etwas zu beruhigen und sich dann auch den Gebeten anschliessen.

In dieser Stille des Versöhnungstages kommt in mir immer wieder die Erinnerung an den berühmt-berüchtigten Jom Kippur Krieg von 1973 hoch. Ich war ein kleines, 7-jähriges Mädchen. Auch ich fuhr am Mittag mit dem Fahrrad umher. Die Strassen waren leer, nur fröhlicher Kinderlärm und die Stimmen der Betenden aus der Synagoge füllten sie aus.

Diese Idylle wurde durch das Motorengeräusch eines Lastwagens gestört, der in unser Wohnviertel hineinfuhr. Die Kinder schimpften den Fahrer aus, weil dieser am heiligsten Tag des Jahres Auto fuhr. Zu meiner grossen Überraschung suchte er nach meinem Vater.

Zu meiner Schande stürzte mein Vater eine halbe Stunde später mit einer grossen Tasche aus dem Haus, stieg hastig in sein Auto ein und fuhr davon. Und zu meiner Enttäuschung strömten die Betenden aus der Synagoge und beschimpften ihn als einen Abtrünnigen.

Statt eines Schofarhorns ertönte etwa eine Stunde später ein viel lauterer, die Nachbarschaft bedrohlich durchdringender Ton. Kurz darauf rannten die Mütter umher, um ihre Kinder zusammenzusuchen und in die Wohnungen zu bringen. Das ist meine Erinnerung an den Beginn des Jom Kippur Krieges.

Der Lkw-Fahrer war gekommen, um meinen Vater in den Krieg zu beordern. In der Tasche hatte mein Vater Sachen für eine längere Zeit gepackt. Die Sirene, die uns alle unerwartet erfasste, gab die Notsituation und den Beginn des Krieges bekannt. Zu Gunsten der Betenden muss gesagt werden, dass sie sich später bei meiner Mutter für ihr rauhes Verhalten gegenüber ihrem Mann, also meinem Vater entschuldigten.

Ich erinnere mich an Nächte voller Unruhe, in denen ich um meinen Vater bangte. Ich erinnere mich an die Liebespakete, die wir in der Schule, zuhause oder wo auch immer für die Soldaten an der Front liebevoll zusammenpackten: Pakete mit Süssigkeiten, Zeichnungen und Briefen sowie Dinge, die sie dringend gebrauchen konnten. Und heute, wo meine eigenen Kinder in der Armee dienen, weiss ich genau, wie sehr ein solches Paket sie stärkt und ermutigt. So wissen sie, dass man zuhause an sie denkt und für sie betet. Mein Gebet ist es, dass wir bald den langersehnten Frieden erleben und keine weiteren Kriege durchleben müssen. (JNS / ih)

 



Kategorien:Gesellschaft

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