Kaserne statt Religionsschule


nyehuda2Wie Israels Armee die Ultraorthodoxen integrieren will

Von Igal Avidan

Ganz im Stillen findet eine kleine Revolution im israelischen Militär statt: In diesem Jahr werden rund 750 orthodoxe Soldaten ihren Dienst in einer speziellen Einheit beginnen – eine Rekordzahl. Doch fundamentalistische Kreise leisten harten Widerstand gegen die frommen Uniformierten.

Eine Soldatentruppe marschiert vor dem Hintergrund einer israelischen Fahne und eines Schilds mit der Aufschrift „Nezach Yehuda“. So heisst die erste orthodoxe Kompanie der israelischen Armee, in deren Emblem zwei Taubenflügel ein Schwert umrahmen. „Nezach Yehuda“ bedeutet auf Hebräisch „Die Ewigkeit Judäas“. Bei der Vereidigungszeremonie am Ende der Grundausbildung stehen im Publikum Verwandte – Frauen mit Kopfbedeckung und Männer mit schwarzen Hüten. Auf der Bühne erhält jeder Soldat seine Waffe und eine Bibel, danach wird er von zwei orthodoxen Rabbinern begrüsst, die diese Einheit begleiten; aus den Lautsprechern ertönt ein Lobeslied für Gott.

Der Staat Israel tut sich traditionell schwer mit den orthodoxen Juden – und sie mit ihm. Denn die Orthodoxen glauben, dass sie durch ihr Studium der Thora die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 ermöglichten und sie ihn in Wirklichkeit verteidigen, nicht die Soldaten. Um die nach der Shoah einzigen Religionsschulen weltweit zu bewahren, befreite Staatsgründer David Ben Gurion die damals rund 400 Religionsschüler von der allgemeinen Wehrpflicht. Sie mussten aber ihr ganzes Leben der Thora widmen und durften nicht arbeiten.

Seit den 70er-Jahren wuchs die Zahl der Religionsschüler dank vieler Geburten in orthodoxen Kreisen in die Tausende. Die Berichte über Orthodoxe, die in den Religionsschulen nur angemeldet waren, damit sie den Militärdienst meiden, veranlassten das Oberste Gericht 1999 zu der Forderung an das Parlament, die Befreiung der Orthodoxen gesetzlich zu regeln.

Sanktionen gegen widerwillige Religionsschulen

Das sogenannte Tal-Gesetz versuchte dies. Es ermöglichte 2002 die De-facto-Befreiung der orthodoxen jungen Männer, aber nur, wenn diese mindestens 45 Stunden pro Woche in der Religionsschule studieren, was der Schulleiter bestätigen muss. Das Gesetz erlaubte es den Orthodoxen zudem, mit 22 Jahren freiwillig zu entscheiden, ob sie Militärdienst leisten oder nicht – und auch dann nur vier Monate. Schliesslich sollte das Gesetz alle fünf Jahre neu überprüft werden.

In neun Jahren meldeten sich in der Folge nur 900 Orthodoxe zum Militärdienst. Dagegen meiden pro Jahr rund 7500 wehrpflichtige Orthodoxe den Militärdienst. Weltliche Israelis riefen daher das Oberste Gericht an. 2006 lehnten die Richter die Klage ab, aber 2012 annullierten sie das Rekrutierungs-Gesetz. Israel bereitet deshalb nun ein neues Gesetz vor, um mehr orthodoxe Juden zu rekrutieren, am besten freiwillig. Jetzt streiten die Politiker über Sanktionen gegen widerwillige Religionsschulen, die nicht bereit sind, mit dem Staat zusammen zu arbeiten bei der Rekrutierung ihrer wehrpflichtigen Schüler.

Gleichzeitig ziehen im Stillen immer mehr junge orthodoxe Männer eine Uniform an – freiwillig, in enger Kooperation mit gemässigten Rabbinern und rücksichtsvollen Generälen. Und das trotz scharfer Proteste radikaler Orthodoxer. Der 22-jährige Religionsschüler Yehuda Adler hat gerade seinen Militärdienst beendet. Dabei wollte er überhaupt nicht zur Armee, anders als sein Vater:

„Ich hielt Vaters Pläne für eine Fantasie. Denn keiner meiner Freunde oder Brüder ging jemals zum Militär, und sie rieten mir davon ab. Ich konnte mir mich überhaupt nicht als Soldat vorstellen, der die Hügel erstürmt. Daher versuchte ich, die Einberufung zu meiden. Mein Vater setzte mich nicht unter Druck, Soldat zu werden, sondern hat mich vielmehr erzogen, selbstständig zu denken.“

Trance-Musik statt Talmud

Yehuda Adler wuchs mit neun Geschwistern in Jerusalem auf, interessierte sich aber eher für Trance-Musik als für den Talmud. Daher musste er die Religionsschule verlassen und engagierte sich in einem Tierheim. Dann wechselte er in ein orthodoxes Internat, weil ihm die dortigen Rabbiner viel Freiheit versicherten.

„Man versprach uns, dass wir in dieser Halbtags-Jeshiva oder Religionsschule genug Zeit hätten, um nachts durch die Bars zu ziehen, nebenbei zu jobben und alle sechs Monate zu verreisen. Mein Vater nannte es eine ‚Falafel-Jeshiva‘, denn wir haben dort weder richtig studiert noch richtig gearbeitet. Mein Tag begann um 12 Uhr mittags, als ich den Lernsaal betrat – mit Flipflops! Ich plauderte ein wenig mit meinen Freunden, und wir machten Pläne für den Abend.“

Der Schulleiter, ein Rabbiner ohne pädagogische Erfahrung, kam nicht zurecht mit den 80 Schülern des orthodoxen Internats. Die Anwesenheit wurde sehr selten kontrolliert, und so konnten Religionsschüler viele Grenzen überschreiten:

„Es ist bekannt, dass die Internetcafés in Jerusalem überfüllt sind mit Religionsschülern. Ich ging nicht dorthin, weil meine Eltern mir erlaubten, meine Lieblingsfilme zu Hause zu sehen. Gelegentlich brannte bei mir das alte Feuer des Lernens. Dann vertiefte ich mich in den Talmud bis Mitternacht und ging anschliessend in eine Bar.

Viele Familien leben ausserhalb von Jerusalem und sie wissen nicht, dass ihre Söhne auf Partys gehen, wo sie Frauen kennenlernen und sich betrinken. Ich tat das nicht. Meine grösste Sünde war, einen Tag vor meiner Einberufung zu einem Konzert der Trance-Band ‚Infected Mushroom‘ zu gehen. Die Eintrittskarte schenkte mir mein Vater – für den Militärdienst.“

Der 46-jährige Immobilienmakler Mordechai Adler kam 1995 aus den USA nach Israel. Aufgrund seines Alters leistete er nur einen dreimonatigen Militärdienst. Wollte er sich als Immigrant durch seinen uniformierten Sohn patriotisch geben?

„Ausschlaggebend war es nicht, dass ich eingewandert bin, sondern, dass ich einen anderen Hintergrund habe. In den USA ist derjenige erfolgreich, der etwas für die Gesellschaft leistet. Mein Sohn jedoch nahm nur – von der Religionsschule und der Umgebung, und das ohne Gegenleistung. Seine Brüder hingegen studieren die Schriften – das ist ihr Beitrag. Und sie sind sehr fleissig dabei.

Würden wir in den USA leben, würde ich die US-Armee nicht so hochhalten, wie ich das in Israel mache. Denn hier ist das Militär Teil des Zionismus und es ermöglicht uns, in unserem Land als Juden zu leben. Als mein Sohn Yehuda in einer Jeshiva studierte und wir feststellten, dass diese Welt zu ihm nicht passt und seine Zukunft nicht fördert, habe ich ihm den Militärdienst empfohlen.“

Yehuda Adlers Entscheidung, die Religionsschule zu verlassen, fiel spontan. An diesen Wendepunkt in seinem Leben erinnert er sich ganz genau:

„Ich ging in die Schule nach einem 24-Stunden-Film-Marathon auf dem Laptop. Zusammen mit zwei Freunden schaute ich mir zufällig ausgerechnet die TV-Serie ‚Prison Break‘ an. Es war nachts, und der Rabbi fragte mich, wann ich endlich mein Studium ernst nehmen würde, zumindest für ein bis zwei Stunden pro Tag. Wann würde ich die Sache mit dem Militär vergessen? Ich antwortete, ich sei noch unentschieden, worauf er entgegnete: ‚Wenn das so ist, dann geh zurück nach Hause.‘

Da er mich drängte, sagte ich spontan: ‚Sagen Sie dem Gefreiten Yehuda Adler shalom‘. Er war schockiert, ich packte meine Tasche und rief auf dem Weg zur Bushaltestelle meinen Vater an: Könnte ich mich noch beim Militär anmelden? Zwei Tage später begann ich meine Ausbildung im Jordantal.“

Gerade weil er bei „Nezach Yehuda“ seine Religion praktizieren konnte, besser jedenfalls als in seiner bisherigen Religionsschule. Denn 70 Prozent der Soldaten in dieser Einheit sind orthodox, 30 Prozent national-religiös. So wie Amir Vaknin, Leiter der Abteilung für orthodoxe Soldaten in der israelischen Armee, genannt „Zahal“. Das Militär braucht die orthodoxen Juden, um die nicht-religiösen Soldaten zu entlasten. Zahal seinerseits ermöglicht ihnen, auf Kosten des Militärs das Abitur nachzuholen, so dass sie auch den Arbeitsmarkt stärken.

Koscheres Essen, Zeit für die täglichen Gebete

Dabei will die Armee längst nicht mehr ein Schmelztiegel der Gesellschaft sein, sondern lässt die Orthodoxen ihre Traditionen pflegen. So dienen sie in der eigenen Kompanie ohne Frauen. Sie erhalten koscheres Essen, Zeit für die täglichen Gebete und täglichen Religionsunterricht von Rabbinern. Das gilt für beide orthodoxen Einheiten „Nezach Yehuda“ und „Schachar“, was übersetzt „Morgendämmerung“ bedeutet. Major Amir Vaknin:

„Ledige orthodoxe Männer im Alter zwischen 18 und 22 Jahren können nur in ‚Nezach Yehuda‘ dienen. Die ‚Schachar‘-Einheit nimmt verheiratete orthodoxe Männer ab 18 Jahren und Ledige ab 22. ‚Nezach Yehuda‘ gilt für Orthodoxe, die die Religionsschulen verliessen. Diese können bei uns in einer technischen Schule einen Beruf erlernen, aber auch etwas Judentum studieren.“

Die wichtigsten orthodoxen Rabbiner unterstützen den Militärdienst der orthodoxen jungen Männer zwar nicht öffentlich, aber sie dulden ihn gegen harten Widerstand fundamentalistischer Kreise. Dieser Widerstand ist gross, obwohl die frommen Uniformierten manchmal im Militär ihre Religion ernsthafter praktizieren als vorher, weil sie vom Kommandanten dazu gedrängt werden.

Die Initiative, Orthodoxe zum Militär einzuziehen, löste in der israelischen Gesellschaft heftige Gegenreaktionen aus. In einer Plakat-Aktion wurden diese Soldaten beschimpft. Zwei orthodoxe Soldaten wurden in Jerusalem zusammengeschlagen, andere aus Synagogen vertrieben. In einer gewaltsamen Demonstration vor der Einberufungsstelle in Jerusalem flogen Steine. Doch die orthodoxe Führung schwieg.

Yehuda Adler holt jetzt sein Abitur nach und möchte mit Strassenkindern arbeiten. Wegen seines Militärdienstes wurde eine Schwester von ihm vom orthodoxen Mädchen-Gymnasium Beit Yaakov in Jerusalem verwiesen. Dort lernten auch zweit ältere Schwestern Yehudas. Als Reaktion nahm Vater Mordechai seine beiden Töchter von dieser Schule – mit ihrer Zustimmung.

Bild: Ultra orthodoxe Soldaten des Netzah Yehuda Battalions



Kategorien:Gesellschaft

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