Undankbarkeit ist eine Sünde


25449Zum Wochenabschnitt Waera (Schmot 6,2 – 9,35)

In die Einleitungen zu den ersten drei Plagen wurde Mosches Bruder, Aharon, einbezogen. Bei der ersten Plage heisst es: „Gott sprach zu Mosche, sprich zu Aharon: Nimm deinen Stab und neige deine Hand über Mizraims Gewässer, über ihre Ströme, ihre Flüsse, ihre Teiche und über jede Sammlung ihrer Gewässer, damit sie Blut werden; so wird Blut im ganzen Lande Mizraim sein, auch in hölzernen und steinernen Geräten“ (Schmot 7,19). Bei der zweiten Plage lesen wir: „Gott sprach zu Mosche: sage Aharon, neige deine Hand mit deinem Stabe über die Ströme, über die Flüsse und über die Teiche und bringe Frösche über das Land Mizraim hinauf“ (Schmot 8,1). Und bei der dritten Plage steht: „Da sprach Gott zu Mosche: sage zu Aharon, neige deinen Stab und schlage den Staub des Landes, so wird er zu Ungeziefer im ganzen Land Mizraim“ (Schmot 8,12).

Was lehrt uns die Tatsache, dass nicht Mosche den Stab neigen sollte, sondern sein Bruder, Aharon? Raschi gibt uns eine Antwort auf diese Frage, und zwar an zwei Stellen. In seinem Kommentar zu Schmot 7, 19 schreibt Raschi: „Weil der Fluss Mosche beschützt hatte, als er in denselben geworfen worden war, wurde er weder beim Blute, noch bei den Fröschen durch Mosche geschlagen, sondern, durch Aharon.“ Und im Fall des Ungeziefers lautet Raschis Erklärung: „Der Staub sollte nicht durch Mosche gestraft werden, weil dieser ihn schützte, als er den Ägypter erschlug und im Sand verbarg. Die Strafe wurde durch Aharon vollführt.“ Aus der Einschaltung Aharons sollen wir die Lehre ziehen, dass Undankbarkeit eine Sünde ist.

Warum hat Mosche am Feldzug gegen Midjan (Bamidbar Kap. 31) nicht persönlich teilgenommen? Ein Midrasch, den Rabbiner H. Bernstein in seinem Werk „Halichot Chajim“ (Tel Aviv 1966) zitiert, nennt als Grund für Mosches Zurückhaltung die Tatsache, dass er in Midjan gelebt – und die dort empfangene Hilfe nicht vergessen hatte. Seine Wohltäter zu bedrängen, das erschien Mosche als ein Unrecht.

Ein talmudisches Sprichwort lautet: „Hast du aus einer Grube Wasser getrunken, dann wirf keine Erdklumpen hinein (Baba Kama 92b). Diese Verhaltensregel wird aus einer Vorschrift der Tora abgeleitet: „Du sollst den Ägypter nicht verabscheuen, denn ein Fremdling warst du in seinem Lande“ (Dewarim 23,8). Raschi erinnert an das Faktum, dass die Ägypter zur Zeit von Mosche unsere männlichen Kinder in den Fluss geworfen hatten – trotzdem sollen wir nicht vergessen, dass sie den Israeliten in der Not Gastrecht gewährt hatten. Rabbiner J. Levovitz zieht den Schluss, dass wir eine gute Tat nicht mit einer bösen Tat verrechnen dürfen; die Pflicht zur Dankbarkeit bleibt bestehen.

Die Tora schreibt vor, dass Erstlingsfrüchte im Heiligtum darzubringen sind: „Und gehe zu dem Priester, der in selbigen Tage sein wird, und sprich zu ihm: ich bekunde heute vor dem Ewigen, deinem Gotte, dass ich gekommen bin in das Land, das der Ewige zugeschworen, uns zu geben“ (Dewarim 26,3). Raschi erläutert, dass die Rede an den Priester zum Ausdruck bringen soll, dass man nicht undankbar ist.

Religiöse Juden betrachten unsere Existenz nicht als etwas Selbstverständliches. Sie bekennen vielmehr: Gott hat die Welt erschaffen, und seine Geschöpfe sind ihm zu Dank verpflichtet. Diese Grundidee des Judentums wird an vielen Stellen der Liturgie zum Ausdruck gebracht. Erinnert sei hier nur an das Modim-Gebet, das täglich mehrfach gesprochen wird. „Modim anachnu lach…“ – „Wir danken Dir …“, so fängt diese Passage im „Achtzehngebet“ an. In seinem Kommentar zu diesem Gebet macht Rabbiner S.R. Hirsch auf eine Besonderheit aufmerksam: „Das Gott huldigende Dankbekenntnis bildet eine so wesentliche Grundlage unserer ganzen Beziehung zu Gott, dass den Ordnern unserer Gebete es nicht genügte, uns beim Gesamtgebete nur durch ‘Amen’ die von Vorbeter zu sprechende ‘Hodaa’ (Dankäusserung) zu der unsrigen zu machen, sondern, während der Vorbeter sich beugend die Dankäusserung beginnt, beugt sich auch die Gemeinde und spricht im Anschluss an seine ‘Hodaa’ auch ihrerseits ihr ‘Modim’ (‘wir danken’) aus.“

Wie weit die Pflicht, Menschen, die einem geholfen haben, zu danken nach der Halacha geht, mag manche überraschen. Bezugnehmend auf das Attribut „bewahret Guttat Tausenden“ (Schmot 34,7) führt Rabbiner S.R. Hirsch aus: „Wie Er die Guttat Tausenden bewahrt – also gedenke auch du der empfangenen Wohltat noch dem spätesten Geschlecht, sei dankbar! Siehe, eine einmal geübte Guttat vergisst Gott nie, und lässt noch die spätesten Enkel die Früchte der Guttat geniessen, die die Väter gesät haben, da sie doch nur geübte Pflichten sind, schon tausendfach belohnt durch die voraus erwiesene Wohltat, schon tausendfach in sich selbst tragend den Lohn – also habe auch du ein Gedächtnis für das erzeugte Gute, sei dankbar wie und wo du kannst, sei dankbar noch den Enkeln“ (Chorew, Kap. „Gott nachstreben in tätiger Liebe“, § 482).

Dank kennen wir übrigens nicht nur für Vergangenes, sondern auch im Voraus. Nach Ansicht von Rabbiner J.B. Soloveitchik drücken die vier Becher Wein, die jüdische Männer und Frauen am Sederabend zu trinken verpflichtet sind, Dank für Erlösungstaten aus: bei den ersten drei Bechern bedanken wir uns für die Erlösung („Geula“) aus der Knechtschaft in Ägypten; beim vierten Glas danken wir im Voraus für die Geula, die hoffentlich bald kommen wird!

(Von: Prof. Dr. Yizhak Ahren, Breslev)



Kategorien:Gesellschaft

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