Frauen greifen immer öfter zur Waffe


Palestinian Maram Hasona's funeral in NablusAnschläge von Palästinensern auf Israelis wurden bislang meist von Männern verübt. Das hat sich geändert.

Dutzende Attentate wurden in den vergangenen Monaten auf Israelis verübt, und Ramis Hassoneh machte sich Sorgen: nicht um die Söhne, sondern um seine Tochter Maram. Zu Recht: Am 1. Dezember wurde sie erschossen, als sie nach israelischen Angaben an einem Kontrollpunkt Soldaten mit dem Messer angegriffen haben soll.

Steckten früher meist junge Palästinenser hinter solchen Gewalttaten, sind es nun immer häufiger Frauen. Zunehmende Radikalisierung und Perspektivlosigkeit sind nach Ansicht von Experten die Ursache dafür.

Von bislang 152 Angriffen wurden 22 von Frauen begangen. Maram Hassoneh zum Beispiel war nur mit einem Küchenmesser bewaffnet. Die Englisch-Studentin und gläubige Muslimin war, so berichtet ihre Familie, besessen von dem Gedanken, sich gegen die israelische Besetzung palästinensischer Gebiete zu wehren.

Fernsehbilder von im Kampf mit israelischen Sicherheitskräften getöteten Palästinensern hätten sie tief erschüttert. Sie habe Koranverse zitiert und religiöse sowie nationalistische Motive genannt als Argument dafür, Israelis zu attackieren. Eine sechsmonatige Gefängnisstrafe wegen eines vorherigen Angriffs auf einen Israeli vor zwei Jahren änderte daran nichts.

Anders als ihre drei Brüder habe sie sich nicht mit alltäglichen Dingen ablenken lassen, berichtet ihr Vater. «Mädchen reagieren auf die Besatzung empfindlicher», sagt er. «Sie sind emotionaler bei solchen Sachen.» Maram habe die Männer dazu bewegen wollen, etwas zu tun, sagt der Vater, der in seinem Haus in Nablus vor einem Foto seiner Tochter sitzt. «Sie sagte mir: ‹Wenn unsere Männer, die bei einem Kaffee sitzen, sehen, dass eine Frau getötet wird, gerät etwas in Bewegung.›» Marams Mutter Hanan trägt eine Kette mit einem Bild der Tochter und sagt, sie empfinde gleichzeitig Trauer und Stolz. «Ich bin glücklich, dass sie eine Märtyrerin ist, aber sie fehlt mir.»

Seit Mitte September sind 21 israelische und ein amerikanischer Jude Opfer von Anschlägen geworden, die meist mit Stichwaffen und in der Regel von jungen Palästinensern – Männern wie Frauen – verübt wurden. Zahlreiche ähnliche Angriffe blieben erfolglos. Mindestens 132 Palästinenser wurden getötet, darunter elf Frauen. 91 Personen seien bei dem Versuch, einen Anschlag zu begehen, ums Leben gekommen, die anderen bei Auseinandersetzungen mit israelischen Sicherheitskräften, heisst es auf israelischer Seite.

Israel spricht von Aufwiegelung seitens palästinensischer Anführer in den besetzten Gebieten und auf Social Media. Die Palästinenser dagegen glauben, dass die anhaltende Gewalttätigkeit ein Resultat der fast 50 Jahre dauernden Besatzung ist. Die Jugend sei frustriert und sehe für sich keinerlei Perspektive angesichts erfolgloser Friedensgespräche und fortgesetztem Siedlungsbau. Die angesehene palästinensische Politikerin Hanan Aschrawi hat eine zunehmende Politisierung der jüngeren Generation sowie eine stärkere Hinwendung zur Religion festgestellt. Frauen fühlten sich von der israelischen Besatzung ebenso betroffen wie Männer.

Dass Frauen, die bislang eher zu Hause blieben, während die Männer kämpften, nun eine grössere Rolle spielten, sieht der palästinensische Forscher Dschihad Harb auch in einer Verbindung mit den sozialen Medien. «Die sozialen Medien haben der jungen Generation einen neuen Horizont eröffnet», sagt er. Sie böten jungen Frauen die gleichen Möglichkeiten und Chancen wie jungen Männern.

Das israelische Militär hebt hervor, dass die jungen Attentäter nicht länger Organisationen oder Milizen angehörten und meist unabhängig agierten. Wie die beiden 14 und 16 Jahre alten Cousinen, die Ende November in Jerusalem einen älteren Palästinenser niederstachen, den sie offensichtlich für einen Israeli gehalten hatten. Ein Mädchen wurde von Sicherheitskräften getötet, das andere verletzt. Er könne sich nur vorstellen, dass das schwierige Leben im Lager Kalandia nördlich von Jerusalem die beiden zu der Tat getrieben habe, sagt der Vater eines der beiden Mädchen.

Die 16-jährige Aschrakat Katanani hatte den grossen Wunsch, einmal in der Al-Aksa-Moschee zu beten. Am 22. November zückte sie am Eingang zu einem Militärstützpunkt im Westjordanland ein Messer. Ein jüdischer Siedler, der zufällig vorbeikam, brachte sie mit seinem Auto zu Fall, ein Soldat erschoss sie. «So lange es Besatzung gibt, wird es Widerstand geben», sagt ihr Vater Taha Katanani, der selbst wegen Aktivitäten für die Bewegung Islamischer Dschihad mehrfach im Gefängnis sass. «Es würde mich trösten, wenn mein Sohn es getan hätte», erklärt er in Bezug auf den 18-jährigen Jassin. «Aber ich glaube, wenn es eine Frau tut, ist die Botschaft stärker (…), denn es bedeutet, dass es keinen anderen Ausweg gibt.» (Aron Heller und Mohammed Daraghmeh, AP)



Kategorien:Nahost

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