Talmud und Schwarzer Block


Warum gerade Juden allen Grund haben, die Gewalt des Schwarzen Blocks zu fürchten?

schwarzerblock

(Bild: © Jonas Nolden)

Das Judentum ist keine staatsfromme Religion. Anders als im Christentum, wo mit Paulus gilt »Seid untertan der Obrigkeit«, zieht sich durch unsere Schriften Skepsis gegenüber der weltlichen Macht. »Traut nicht auf Fürsten«, heißt es in den Psalmen. Der Prophet Samuel warnt eindringlich vor der Tyrannei von Königen.

Und der Talmud rät in den Sprüchen der Väter (Pirkej Awot): »Seid achtsam, wenn ihr es mit den Mächtigen zu tun habt.« In dieser Tradition war und ist liberales und libertäres Denken unter Juden stark verbreitet. Die Erfahrung von mehr als 2000 Jahren Unterdrückung als Minderheit in der Diaspora tut ihr Übriges.

Staatsmacht

Dass es ohne staatliche Autorität freilich nicht geht, wussten unsere Weisen aber auch: »Ohne Furcht vor der Regierung würde man einander lebendig verschlingen«, wird Rabbi Chanina ein paar Seiten weiter im selben Talmudtraktat zitiert. Was er damit meinte, konnte man vergangenes Wochenende in Hamburg sehen. Mangels Staatsmacht herrschte in Teilen der Hansestadt zeitweise das Gesetz der Straße. Der öffentliche Raum war mit dem Recht des Stärkeren von marodierenden Gruppen in Besitz genommen worden.

Juden haben, vielleicht noch mehr als andere, guten Grund, solche Szenen mit Beklemmung zu betrachten. Denn zur Verfolgungserfahrung gehört, dass Gefahr für Leib und Leben nicht nur von den Herrschenden ausgehen kann, sondern ebenso von aufrührerischen Massen. Wenn der Volkszorn sich gewaltsam Bahn brach, waren nicht selten Juden unter seinen ersten Opfern.

Vom Frankfurter Fettmilch-Aufstand im Jahr 1614, der als Revolte gegen die herrschenden Patrizier begann und rasch in ein antisemitisches Pogrom umschlug, bis zu den Riots der 60er- und 70er-Jahre in den Schwarzenvierteln der amerikanischen Großstädte, bei denen Randalierer gezielt und systematisch jüdische Geschäfte ins Visier nahmen: Da, wo der Mob tobt, sind oft früher oder später die Juden dran.

Antijüdisch

Vielleicht war deshalb über der »Roten Flora«, dem Hauptquartier der Hamburger Autonomen, ein großes Transparent gespannt, mit der Aufschrift »Gegen jeden Antisemitismus«: eine Warnung für die – oder vor den – eigenen Genossen. Einige klügere Köpfe in der radikalen Linken wissen, dass der »Kampf gegen das System« von jeher eine antijüdische Komponente hat.

»Gegen Kapital und Krieg – Intifada bis zum Sieg«, hieß etwa eine Veranstaltung des »Internationalistischen Blocks«, obwohl Israel nicht zu den Teilnehmern des Gipfels zählte. Und der Jugendverband der Linkspartei präsentierte bei dem Aufmarsch der G20-Gegner eine riesige Krake als Symbol der weltweiten Herrschaft des Geldes – seit dem 19. Jahrhundert ein Klassiker der antisemitischen Ikonografie.

So wie der rechte Judenhass nicht den Blick auf seine linke Variante verstellen sollte, darf der notwendige Kampf gegen staatliche Willkür nicht ignorieren, dass Gesetzlosigkeit und die Gewalt der Straße genauso gefährlich sind. Die eine historische Lektion haben wir gut gelernt. Die andere Lehre der Geschichte dürfen wir darüber nicht vergessen.

Kindheit

Bereits in jungen Jahren merkte Abby, dass sie eigentlich ein Mädchen ist. »Meine ältesten Erinnerungen kreisen um diesen Gedanken«, fasst sie ihren aufregenden Werdegang zusammen. Es ist eine ungewöhnliche biografische Entwicklung für das sechste von 13 Kindern einer jiddischsprachigen Familie in Williamsburg.

Seinen Eltern konnte das im Körper eines Jungen gefangene Kind dies nicht so leicht klarmachen. »Sie dachten, ich sei schwul, doch tatsächlich bin ich bisexuell, wobei meine Hauptneigung Frauen gilt.« Um Verwirrungen jeglicher Art vorzubeugen, setzt sie nach: »Gender und sexuelle Orientierung haben nichts miteinander zu tun. Gender bezeichnet, was ich sein will; sexuelle Anziehung aber definiert, mit wem ich sein will.«

Der entschlusskräftigen Abby war schon immer klar, was sie sein wollte, auch, als sie noch Yisroel Avrum hiess. Sie erinnert sich daran, dass sie als Fünfjährige versuchte, sich in der heimlichen Abgeschiedenheit der Badewanne in ihrem Schambereich zu verletzen. Denn sie fühlte, dass dort etwas nicht am Platz war. Als ihre Mutter sie dabei erwischte, erntete sie einen verstörenden Blick.

Jeschiwe-Bocher

Und so hüllte sie sich für die weiteren Jahre ihrer innerlich aufgewühlten Kindheit und Jugend in Schweigen. Bis 2011 folgte sie dem Willen ihrer Gemeinschaft und lernte an einer Jeschiwa der Wischnitzer. Dabei war sie immer ein guter Jeschiwe-Bocher. »Ich hatte einen einwandfreien Ruf.«

Doch auch der strenge Lernrhythmus der talmudischen Hochschule dämpfte ihre Sehnsucht nicht. Schon früh hatte sie ausufernde Fragen und beschäftigte sich tiefgehend mit kabbalistischer Literatur, die man jungen Torastudenten eigentlich nicht in die Hand gibt. »Die jüdische Mystik lehrte mich, dass sexuelle Identitäten fliessend ineinander übergehen.«

Daneben stellte sie sich Autoritäten zunehmend skeptisch entgegen. »In der achten Klasse lernten wir aus dem Traktat Gittin über allerlei Dämonen und wie man sie sichtbar machen könne. Mit viel Chuzpe fragte ich den Lehrer, ob ich die Techniken denn zu Hause ausprobieren könne, wobei ich andeutete, dass wir beide ja eigentlich nicht daran glaubten. Da warf er mich mit der Bemerkung aus der Klasse, wenn ich so weitermachen würde, werde ich irgendwann ›off the derech‹ sein, also den Weg der Tora verlassen.«

Diesen Vorzeichen zum Trotz folgte sie zunächst den üblichen Bräuchen und heiratete mit 18 Jahren eine junge Frau, die man ihr vermittelt hatte. Bald darauf wurde ein Sohn geboren. Der Einzug in ein eigenes Haus ermöglichte ihr uneingeschränkten Zugang zum Internet. So surfte sie durch die Weiten der Gender-Forschung, um sich über ihre zerrüttete Identität Klarheit zu verschaffen.

»Als ich das erste Mal einen Browser öffnete, konnte ich noch kein Wort Englisch schreiben. Auf Hebräisch tippte ich ganz unüberlegt eine grob formulierte Idee wie ›Mann wird Frau‹ ein. Sofort landete ich bei Wikipedias hebräischem Eintrag zur Transsexualität. Da verstand ich: Ich bin nicht allein.«

Scheidung

2012 endete dann alles. Die Ehe wurde geschieden, und die Aussteiger-Organisation Footsteps, in der sich Abby bis heute engagiert, half ihr beim Bruch mit der Vergangenheit und dem Einleben in eine säkulare Wirklichkeit, während ihre Exfrau einige Monate später erneut heiratete.

Im September 2015 begann schliesslich die Hormonersatztherapie. »Diesen Tag werde ich niemals vergessen«, sagt Abby Stein. Von da an trug sie feminine Kleidung.

Wie sie betont, hat sie die strenge Orthodoxie ihrer Jugend nicht verlassen, um ihre Gender-Identität zu wechseln, sondern aus tieferen Überlegungen heraus. »Sicherlich hat mich die Suche nach meiner Identität angespornt, immer nachzuhaken. Doch als ich mich entschied, mit meinem Milieu zu brechen, habe ich an das meiste schon nicht mehr geglaubt.«

Wer Abby fragt, wie viele Inhalte des Judentums sie heute noch teilt, dem antwortet sie: »Ich denke einfach nicht darüber nach.«

In der Praxis ist Abby allerdings noch engagiert dabei. »Kerzenzünden vor dem Schabbat mag ich sehr – überhaupt den jüdischen Jahres- und Lebenszyklus. Ich finde die Idee eines wöchentlichen Ruhetages kulturell sehr spannend, doch lasse ich mir den Fernseher nicht mehr verbieten.« Auch die aschkenasische Küche, Tscholent und Kugel, mag sie noch immer sehr, »ob nun koscher, koscher-style oder …« Nach einer kurzen Pause ergänzt sie: »Auch nicht koscher«.

Entsprechend bunt ist ihr Synagogengeschmack: Die Jewish Renewal-Synagoge Romemu in New York zählt die junge Transgender-Aktivistin heute zu ihren regelmässigen Betern. »Dort hatte ich auch meine späte Batmizwa«, berichtet sie. Jewish Renewal versteht sich nicht als Teil des Reformjudentums, sondern als denominationslos und neo-chassidisch.

Bei Romemu treffen sich jeden Schabbat einige Hundert Beter, wobei nicht alle früher orthodox waren. »Die Hintergründe sind sehr gemischt. Alle sind willkommen, auch wer gar nicht religiös oder nicht ganz jüdisch ist«, erklärt Abby die Zusammensetzung der Gemeinde. Dennoch ist der Ritus traditioneller als in Reformsynagogen. »Der Rabbiner benutzt zwar ein Mikro am Schabbat, doch verzichtet er auf sein Handy.« Man versuche, die jüdische Tradition individuell zuzuschneiden.

Und was würde der Baal Schem Tow zu alldem sagen? »Ich bin überzeugt, dass er stolz auf mich wäre.« Immerhin lasse sich seine Lehre in wenigen Worten zusammenfassen: Folge dem Herzen, widersetze dich dem Establishment, auf dass jeder auf seine Weise leben kann.

Moderne

 In der Nähe der Romemu-Synagoge befindet sich die renommierte Columbia University, an der sich Abby vor drei Jahren in Gender Studies einschrieb. Zuvor brauchte sie eine Weile, um sich an das moderne Amerika zu akkulturieren. Denn in einer neuen Umwelt zurechtzukommen, ist nicht leicht.

»Aus dem Schtetl zu kommen, bedeutet, dass man die nichtjüdische Lebensdimension nur ungenügend kennt. Dies betrifft die englische Sprache, aber auch, wie man in einem modernen Geschäft einkauft.«

An diese Umstände lehnte sich auch die Rückholstrategie ihres alten Umfelds an: Eltern und Verwandte, Freunde und Bekannte – alle versuchten Abby einzureden, dass sie ausserhalb ihrer Gemeinschaft niemals erfolgreich sein könne. Doch sie liess sich nicht beirren.

Drei Jahre lang gab sie sich ihren Lehrbüchern hin, um einen späten, vollwertigen Schulabschluss nachzuholen. Und als sie versuchte, an der Uni aufgenommen zu werden, fiel es ihr schwer, dem Aufnahmegremium zu erklären, was es bedeutet, aus einer Welt ohne Fernseher und Kino zu kommen. »Es war für die so, als käme ich aus dem 18. Jahrhundert. Doch als ich meine besondere Situation darlegte, nahmen sie mich sofort auf.«

Buchprojekt

Im Moment stürzt sie sich in ihre Arbeit. Neben dem Uni-Abschluss muss auch der Ausbau ihrer Support-Group gelingen. Und auch ein grösseres Buchprojekt steht noch an: eine Art Autobiografie. Danach möchte Abby einen öffentlichkeitswirksamen Beruf finden, vielleicht in einer NGO.

Zu ihren Eltern und den zwölf Geschwistern hat Abby heute wenig Kontakt. Nur zu einem Bruder und einer Schwester konnte sie die Verbindung trotz aller Umbrüche aufrechterhalten. Allerdings würde sie die alten Beziehungen gerne von Neuem aufbauen. »Familie bleibt Familie. Doch für die ist das nicht so einfach.«

Seit einiger Zeit lebt Abby in einer Beziehung mit einer Frau. Viel mehr möchte sie nicht verraten. »Das ist Privatsache.« Über Sexualität sollte man nicht viel sprechen, meint sie. Und eigentlich auch nicht über Gender. »Doch auf diesem Gebiet besteht immer noch grosser Bedarf, Vorurteile abzubauen. Denn die Gesellschaft muss sich positiv weiterentwickeln.«

Dieser Artikel ist von Michael Wuliger und erschien in Jüdische Allgemeine.



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