Israels Oberrabbinat und seine „Schwarze Liste“


Religiöse Behörde, von unten gesehen: Gebäude des israelischen Oberrabbinats in Jerusalem (© Flash 90)

Eine Namensliste, die Rabbinern in der Diaspora Mängel anlastet, sorgt weiter für Streit. Der aschkenasische Obberrabbiner Lau sucht nun das Gespräch mit den Betroffenen.

Die Spannungen zwischen Israel und dem Diaspora-Judentum entzünden sich nicht nur an der Frage eines gemischten Gebetsbereichs an der Klagemauer. Für zusätzlichen Streit sorgt eine Namensliste des israelischen Oberrabbinats, die  stehen etwa 160 liberale, konservative und orthodoxe Rabbiner aus 24 Ländern der Diaspora disqualifiziert. Deren Bescheinigungen der jüdischen Identität von Juden aus der Diaspora, die in Israel heiraten wollen, wurden vom ultraorthodox dominierten Oberrabbinat in Jerusalem in jüngster Zeit nicht anerkannt. Verschiedene Medien und Kritiker haben sie daher zu Recht als „Schwarze Liste“ bezeichnet.

Die Liste war von Rabbiner Itamar Tubul herausgegeben worden, dem Leiter der Abteilung für persönliche Statusangelegenheiten des Oberrabbinats. Der Generaldirektor der Behörde, Moshe Dagan, versuchte den ausgebrochenen Sturm etwas zu bändigen und schrieb in einem Brief an den Orthodoxen Rabbinischen Rat (ORC) in den USA, es handele sich nicht um eine Schwarze Liste „unautorisierter oder nicht anerkannter Rabbiner“, vielmehr seien die von den Rabbinern ausgestellten Dokumente in der Vergangenheit nicht akzeptiert worden, „aus welchen Gründen auch immer“. (Ist plausibel oder ???)

In der Sache geht es dabei um die „Gültigkeit“ von Zertifikaten, mit denen Personen ihre jüdische Identität belegen, und um die Anerkennung von Übertritten zum Judentum. Die Zertifikate dienen oft als Erlaubnis, nach Israel einzuwandern. Wenn die betroffenen Rabbiner diese ausgestellt haben, oder den Übertritt begleitet haben, erkennt das israelische Rabbinat dies nicht an.

Ein Sprecher des Oberrabbinats, Kobi Alter, hatte betont, die Liste bedeute angeblich keine Verurteilung der Rabbiner. Oft seien schlicht formale Fehler bei der Ausstellung der Zertifikate dafür ausschlaggebend gewesen, den jeweiligen Rabbiner auf die Liste zu setzen. Als Beispiel nannte Alter fehlende Nachweise.

Doch Kritiker sagen, die Liste sei Beleg für den Generalverdacht, den das Oberrabbinat gegenüber jüdischen Gemeinschaften ausserhalb Israels hege. Ausserdem zeige sie, dass bei dem Anerkennungsverfahren Transparenz fehle. So äussert sich etwa die Organisation „Itim“, die Israelis beim Umgang mit dem „religiösen Establishment“ wie dem Obberrabbinat helfen möchte.

Zuletzt hat der aschkenasische Oberrabbiner David Lau versucht, zu beschwichtigen. Der 51-Jährige zeigte sich „geschockt“ über die Liste. Er habe angeblich davon nichts gewusst. „Es kann nicht sein, dass ein Mitarbeiter des Obberrabbinats eigenständig entscheidet, ob so eine Liste veröffentlicht wird“, schrieb er am Sonntag in einem Brief an die Generalleitung des Oberrabbinats, die auch für das sephardische Oberrabbinat zuständig ist. Ein Ausschuss formuliere derzeit Kriterien für die Anerkennung ausländischer Rabbiner in Israel, wenn es um die Bestätigung einer jüdischen Identität geht, schrieb Lau weiter.

Zudem traf sich Lau am Dienstag mit einem betroffenen Rabbiner, Jehoschua Fass von der Einwanderer-Organisation „Nefesch B’Nefesch“. Lau versicherte ihm, dass das Obberrabbinat ihn schätze. Fass erklärte danach, er hoffe auf einen Heilungsprozess. „Das Rabbinat sollte als leuchtendes Beispiel für die Einheit und Verbundenheit innerhalb des Judentums dienen, sagte er laut dem Nachrichtendienst „Jewish News Service“.

Ähnliche Worte hatte der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu bezüglich der Klagemauer gefunden. Er beschrieb sie im Februar 2016 als einen Ort, „der das jüdische Volk eigentlich einen sollte“. Nachdem die Regierung jedoch am 25. Juni 2017 Pläne für einen gemischten Gebetsbereich auf Eis gelegt hatte, war der Streit um dieses Vorhaben, das zum Beispiel Reformjuden im Gegensatz zur ultra-orthodoxen Bewegung begrüssen, erneut ausgebrochen.

Der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Henry G. Brandt, sagte: „Ich bin in der Sache nicht überrascht, denn eine Anerkennung durch das Oberrabbinat in Israel habe ich niemals gesucht, gewünscht oder erwartet. In gewisser Weise fühle ich mich geadelt durch diese Aufmerksamkeit.“ Nicht nur die Veröffentlichung, sondern auch die Existenz einer solchen Liste sei beschämend: „Wäre es möglich, den Ruf des Oberrabbinats in Israel noch weiter zu ramponieren, als er bereits ist, wäre dies solch ein Anlass.“

Abschliessend erklärte Brandt: „Oberrabbinate im Allgemeinen sind sowieso Institutionen ohne wirkliche Wurzeln in der jüdischen Tradition, von fremden Herrschern oft aufoktroyiert oder aufgeschwatzt. Je schneller sie verschwinden, desto scheinender sieht die Zukunft unseres Volkes und unseres Glaubens aus.“

Rabbiner Walter Rothschild äusserte sich ähnlich und sagte, das israelische Oberrabbinat sei seit Langem bekannt für „Arroganz, Inkompetenz, eine brutale und geringschätzige Art, Bewerber wie Bittsteller zu behandeln, und eine kafkaeske Bürokratie“. Er persönlich betrachte es als „Ehre, dass ich auf dieser Liste bin“.

Ebenso reagierte Rabbiner Adam Scheier von der orthodoxen Gemeinde Shaar Hashomayim aus Montreal, der ältesten traditionellen aschkenasischen Synagoge in Kanada. Scheier sagte der „Times of Israel“, er befinde sich „in guter Gesellschaft“.

Rabbiner Alexander Davis von der konservativen Beth-El-Synagoge in Minneapolis, Minnesota, schrieb in einem Offenen Brief an Oberrabbiner Lau in „Haaretz:“ „Dass ein orthodoxer Rabbiner meine Bezeugung nicht anerkennt, akzeptiere ich und bin traurig darüber. Aber es ist tragisch, dass der jüdische Staat, der das gesamte jüdische Volk repräsentiert, nur die eine enge Version des Judentums unterstützt, indem er eine Schwarze Liste herausgibt. Und dass der jüdische Staat in einer solchen Art und Weise die Mehrheit des Judentums in der Diaspora vor den Kopf stösst, ist herzzerreissend.“

Hier ist die vollständige „Blacklist“:

Australia

Rabbi Ralph Genende
Rabbi Aron Moss
Rabbi Fred Morgan

Ukraine

Rabbi Moshe Leib Kolesnik

Uruguay

Rabbi Ariel Kleiner

U.K.

Rabbi Lionel Blue
Rabbi Daniel Glass
Rabbi Mark Winer
Rabbi Rodney Mariner

Argentina

Rabbi Paul Hirsch
Rabbi Alejandro Bloch
Rabbi Arieh Stockman
Rabbi Daniel Goldman
Rabbi Ernesto Yattah
Rabbi Mordechai Levin
Rabbi Fabian Skornik
Rabbi Shimon Mogilevsky
Rabbi Abraham Skorka
Rabbi Salomon Nussbaum
Rabbi Ari Bursztein
Rabbi Alejandro Bloch
Rabbi Marcelo Polakoff
Rabbi Gabriel Frydman

U.S.A

Rabbi Alberto Zeilicovich
Rabbi Aharon Glazer
Rabbi Sam Fraint
Rabbi Isaac Lehrer
Rabbi Alexander Davis
Rabbi Gerald Serotta
Rabbi Yaakov Kalmanofsky
Rabbi Arthur Zuckerman
Rabbi Arthur Rulnick
Rabbi Leonid Feldman
Rabbi Ken Carr
Rabbi Shimon Paskow
Rabbi Harold Berman
Rabbi Stephen Denker
Rabbi Joshua Skoff
Rabbi David Zaslow
Rabbi Stephen Mason
Rabbi Michael Siegel
Rabbi Mario Karpuj
Rabbi Peter Grumbacher
Rabbi Gil Steinlauf
Rabbi Alberto Zeilicovich
Rabbi Joseph Radinsky
Rabbi David Rosen
Rabbi Kenneth Roseman
Rabbi Morris Allen
Rabbi Paul Yedwab
Rabbi Irwin Groner
Rabbi Elan Adler
Rabbi Jacob Max
Rabbi Steve Schwartz
Rabbi Paul Schneider
Rabbi Alfredo Winter
Rabbi Shimon Russel
Rabbi Michael Pont
Rabbi David Weiss
Rabbi Arthur Weiner
Rabbi Baruch Goodman
Rabbi Pinchas Chatzinoff
Rabbi Dan Ornstein
Rabbi Baruch Goodman
Rabbi Pinchas Chatzinoff
Rabbi Shay Mintz
Rabbi Avrech Kaziev
Rabbi Arthur Rulnick
Rabbi Jay Rosenbaum
Rabbi Amos Miller
Rabbi Seth Adelson
Rabbi Marcelo Bronstein
Rabbi Stephen Goodman
Rabbi Jason Herman
Rabbi George Nudell
Rabbi Joseph Potasnik
Rabbi Josh Blass
Rabbi Avi Weiss
Rabbi Seymour Siegel
Rabbi Daniel Kraus
Rabbi Melvin Sirner
Rabbi Eli Kogan
Rabbi Barry Dolinger
Rabbi Paul Plotkin
Rabbi Yaier Lehrer
Rabbi Stephen Steindel
Rabbi David Wortman
Rabbi Leonard Gordon
Rabbi Eliezer Hirsch
Rabbi Bernard Gerson
Rabbi Yehoshua Fass

Bulgaria

Rabbi Yosef Levy

Belgium

Rabbi Abraham Dahan

Brazil

Rabbi Leonardo Alanati
Rabbi Yehuda Buskila
Rabbi Henry Sobel
Rabbi Moises Elmescany
Rabbi Yoseph Dubrawsky
Rabbi Nilton Bonder

Guatemala

Rabbi Yoseph Ben Shimul

Germany

Rabbi Henry Brandt
Rabbi Jonah Sievers
Rabbi Walter Rothschild
Rabbi Neuman
Rabbi Dov Levi Barzilai
Rabbi Elmakis (?)

South Africa

Rabbi Pesach Fishman

India

Rabbi Shmuel Sharf
Rabbi Zalman Bernstein

Holland / Netherlands

Rabbi Menno ten Brink

Mexico

Rabbi Chaim Swued
Rabbi Marcelo Rittner

Canada

Rabbi Alan Green
Rabbi Lawrence Englander
Rabbi Wilfred Solomon
Rabbi Sid Shwarz
Rabbi Yossi Sapirman
Rabbi Philip Scheim
Rabbi Erwin Schild
Rabbi Mordechai Glick
Rabbi Wilfred Shuchat
Rabbi Adam Scheier

Spain

Rabbi Isaac Ben Tzion Benadiba

Paraguay

Rabbi Mercadi Yogat

Peru

Rabbi Gershom Braunstein

Chile

Rabbi Daniel Zang
Rabbi Marcelo Kormis
Rabbi Angel Kreiman

France

Rabbi Moshe Hazan

Cuba

Rabbi Shmuel Szteinhendler


(Chaim Stolz, JNS und Agenturen)



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