Jeder zehnte Österreicher ist bekennender Antisemit


Die „totgeglaubte Geissel“ des Antisemitismus, wie Österreichs Innenminister Sobotka sie nannte, scheint nach wie vor ein Problem zu sein. Einer Studie zufolge ist jeder zehnte Österreicher bekennender Antisemit – vor allen im Bereich der Holocaustleugnung.

Jeder zehnte befragte Österreicher stimmte der Aussage zu, dass „in den Berichten über Konzentrationslager und Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg vieles übertrieben dargestellt wird“. Acht bis zwölf Prozent bejahten den Satz, dass, wenn sie jemanden kennenlernen, sie bereits nach „wenigen Minuten wissen, ob dieser Mensch ein Jude ist“. Etwa dreissig Prozent aller Befragten sind statistisch gesehen latente Antisemiten.

Noch stärker verbreitet als bei der österreichischen Bevölkerung ist die Judenfeindlichkeit unter Personen, die Türkisch oder Arabisch sprechen. Bejahen etwa elf Prozent der Österreicher die Aussage „Wenn ich jemanden kennenlerne, weiss ich nach wenigen Minuten, ob dieser Mensch Jude ist“, sind es unter den Türkischsprachigen 41 Prozent und unter den Arabischsprachigen 43 Prozent. Auch mit dem Satz „Wenn es den Staat Israel nicht mehr gibt, dann herrscht Frieden im Nahen Osten“ sind elf Prozent der Österreicher, aber auffällige 76 Prozent der Arabisch Sprechenden und 51 Prozent der Türkisch Sprechenden einverstanden.

„Österreich ist mit Sicherheit keine Insel der Seligen, wo Antisemitismus nicht stattfindet“, erklärte der österreichische Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bei der Präsentation der Studienergebnisse.

„Wo Antisemitismus auftritt, führt er zu gesellschaftlichen Veränderungen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, antidemokratische Tendenzen und dem Ruf nach einem starken Mann“, führte der Nationalratspräsident weiter aus.

Allgemein lässt sich anhand der Studienergebnisse jedoch festhalten, dass sich das Meinungsklima im historischen Verglich positiv verbessert und die Zustimmung zu antisemitischen Stereotypen abnimmt. Waren es im Jahr 1982 noch 80 Prozent aller Befragten, die dem Satz zustimmten, dass Juden „nicht zufällig so oft verfolgt wurden und zum Teil selbst daran schuld“ waren, so sind es im Jahr 2018 nur noch 20 Prozent. Im Gegensatz dazu stimmen immer mehr Befragte zu, dass „wir eine moralische Verpflichtung haben, den Juden in Österreich beizustehen“. Im Jahr 1973 waren es noch 20 Prozent, im Jahr 2018 bereits 41 Prozent.

Die Studie wurde vom 01.November bis 18. Dezember 2018 im Auftrag des Nationalratspräsidenten unter der Führung von IFES, dem Institut für empirische Sozialforschung, durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie basieren auf einer Stichprobe von 2.100 repräsentativen Interviews und 600 zusätzlichen Interviews mit Türkisch und Arabisch sprechenden Personen. Die Datenerhebung erfolgte durch Telefongespräche, persönliche Gespräche und Online-Interviews.  Die vorgeschlagenen Aussagen wurden von den Befragten auf einer vierstufigen Skala (trifft voll und ganz zu, trifft eher schon zu, trifft eher nicht zu, trifft überhaupt nicht zu) beurteilt.

 



Kategorien:Gesellschaft

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